WearablesWas nach dem Touchscreen kommt

Ob Smartwatch oder Google Glass: Die Computer der Zukunft werden immer kleiner – aber wie sollen sie bedient werden? Chris Harrison hat dazu viele ungewöhnliche Ideen. von 

OmniTouch

OmniTouch, eine Erfindung von Chris Harrison, macht beliebige Oberflächen zum Touchscreen.  |  © Microsoft Research / Carnegie Mellon University

Die Oberen des Springer-Verlags waren ganz aus dem Häuschen: "Großartig!", schrieb Bild-Chefredakteur Kai Diekmann vergangene Woche bei Twitter aus Kalifornien, "eine virtuelle Tastatur, projiziert auf den Tisch! Funktioniert einwandfrei!" Und Springers Cheflobbyist Christoph Keese schrieb zwei Tage später, auch er habe die "grandiose Laser-Tastatur" auf der Stanford-Messe entdeckt.

Was die beiden so verzückt, ist der Magic Cube der Firma Celluon. Der tut genau das, was Diekmann beschreibt. Der kleine Kasten projiziert eine rötlich schimmernde virtuelle Tastatur auf eine ebene Oberfläche. Mit ihr lassen sich Smartphones und Tablets bedienen, deren Touchscreens unpraktisch sind, um darauf längere Texte zu schreiben.

Anzeige

Was Diekmann und Keese offenbar nicht gewusst haben: Der Magic Cube ist alles andere als neu. Eine erste Version kam bereits vor acht Jahren in den Handel, damals noch unter der Bezeichnung Laserkey CL800BT. Mittlerweile gibt es viele weitere Ideen, wie mobile Geräte in Zukunft bedient werden können. Chris Harrison hat Dutzende. Menschen wie er suchen die Antwort auf eine knifflige Frage: Wenn Computer immer kleiner werden, wie benutzen wir sie dann?

Harrison ist Doktorand im Human Computer Interaction Institute der Carnegie-Mellon-Universität in Pittsburgh, Pennsylvania. Er entwickelt neue Eingabe- und Interaktions-Methoden für IBM, AT&T und Microsoft. Besonders der Konzern aus Redmond könnte seine Hilfe gut gebrauchen: Angeblich arbeitet Microsoft an einer Smartwatch, wie sie Sony und Pebble bereits verkaufen und andere sie zumindest schon entwickeln.

Zwei große Probleme bringen solche und andere Wearables mit sich, Computer also, die wie Kleidungsstücke oder Accessoires getragen werden: Sie haben wenig Platz für kräftige Akkus und eine Bedienungsoberfläche. "Der Bildschirm ist zu winzig für Touch-Oberflächen, wie wir sie von Smartphones kennen", sagt Harrison. Und auch Sprachsteuerung sei kein Allheilmittel: "Das funktioniert gut, um Informationen nachzuschlagen. Aber Spracheingaben können umstehende Menschen stören und sind nicht gerade ideal, um zum Beispiel auf einer Karte zu navigieren."

Der 28-Jährige denkt deshalb über neue Wege nach, (zu) kleine Oberflächen virtuell zu vergrößern oder gleich ganz zu ersetzen. Touché heißt eines der Projekte, an denen Harrison mitgearbeitet hat. Es erweitert die bekannte binäre berührungsempfindliche Steuerung: Ein Smartphone-Bildschirm wird berührt oder nicht berührt. Bei Touché hingegen erkennt ein Sensor auf mehreren Frequenzen die elektrischen Signale, die entstehen, wenn man eine kapazitativen Oberfläche berührt. So entsteht ein komplexeres Bild, das in mehrere verschiedene Reaktionen übersetzt werden kann. Liegt der Sensor beispielsweise am menschlichen Handgelenk an, erkennt er, mit wie vielen Fingern er berührt wird oder welche Position die Finger haben. Diese Information muss dann nur noch zu einem Smartphone oder MP3-Player übertragen werden. Dann lässt sich das Gerät bedienen, ohne dass es selbst angefasst werden muss. Es reicht, das Handgelenk mit einem oder zwei Fingern anzutippen oder mit der Hand zu umschließen. In einem Video zeigen Harrison und seine Kollegen, wie das in der Praxis aussehen könnte.

Flexibler als der Magic Cube

Ein anderer Ansatz ist OmniTouch, das Harrison für Microsoft entwickelte. Der Prototyp besteht aus einem Kinect-Sensor und einem Pico-Projektor, die zusammen auf der Schulter getragen werden. OmniTouch projiziert Tastaturen, den Ziffernblock eines Smartphones oder auch Dokumente, die auf einem mobilen Gerät geöffnet werden, auf eine beliebige Oberfläche. Das muss keine Tischplatte sein, OmniTouch funktioniert zum Beispiel auch auf der Handfläche, auf dem ganzen Arm oder an jeder Wand. Mit dem Finger kann der Benutzer dann einzelne Schaltflächen auswählen, Texte tippen, zeichnen oder Textpassagen markieren. Der Kinect-Sensor erkennt die dreidimensionalen Bewegungen der einzelnen Finger.

Der Prototyp ist allerdings viel zu groß. Könnte die Technik verkleinert und in ein Gerät wie Google Glass integriert werden, wäre sie eine Erweiterung dessen, was Celluons Magic Cube kann.

Möglich wäre auch, die winzigen Benutzeroberflächen wie die einer Smartwatch virtuell zu vergrößern. Vor drei Jahren bereits stellte Harrison sein Konzept Abracadabra der Öffentlichkeit vor: Er setzte ein Magnetometer in eine Smartwatch und einen kleinen Magneten auf seinen Finger.

Leserkommentare
  1. >>Das Kratzen mit dem Fingernagel etwa auf einem Tisch erzeugt hochfrequente Töne, die vom System erkannt werden und bestimmte Reaktionen auslösen. Liegt ein Smartphone mit Scratch Input auf einem Tisch, kann der Nutzer mit einem Fingernagelzug zum Beispiel einen Anruf annehmen und gleichzeitig den Lautsprecher anschalten.<<

    In den Schulen gab es schon immer solche Kratz-Phones. Das erkennen Archäologen an den vielen Kratzspuren auf den historischen Pulten. Jetzt weiß ich endlich, wer die Kratzer auf meinem Schulpult in den 60ern verursacht hat.

    2 Leserempfehlungen
  2. im silicon valley. haha. allein die vorstellung lässt mich schon schwindelig werden. wenigstens hat der kleine kai verstanden, dass sein zuhälter-outfit im liberalen kalifornien nichtmals als ironisches zitat funktionieren würde.

    zur tastatur: ja, alt. trotzdem interessant.

  3. ... erstmal wieder für eine Weile Schluss bis die nächste, wirklich nützliche und überzeugende Innovation kommt.

    PC´s sind mehr als ausgereift, wer nicht gerade Crysis 3 voll ausfahren möchte hat auf Jahre hinaus ausgesorgt.

    Telefone können jetzt auch Alles, mein Dualcore-Chip im Galaxy Note reicht für alle relevanten Apps mehr als aus.

    Tablets: Das iPad 4 hat einen perfekten Bildschirm und rechnet schneller als die Playstation 3, wozu also dieses Jahr ein Neues kaufen. Wenn es noch leichter wird weht es mir der Wind aus der Hand.

    Die Branche kommt jetzt in eine Phase die an die TV-Hersteller erinnert: Die Leute fanden DVD´s und dünne Full HD Schirme super und sind shoppen gegangen. Da die meisten Menschen in irgendeiner Form eine Brille brauchen bringt es jetzt Nichts mehr die Bildqualität weiter zu erhöhen. Und größer kann man Sie auch nicht machen, Wer hat schon Platz für 65 Zoll Monster?

    Wirklich nützlich wäre folgende Innovation: Längere Batterielaufzeiten. Aber das scheint wohl nicht schick genug zu sein, die Kunden wären restlos zufrieden und würden gar nicht mehr kaufen.

    Google wird mit seiner Brille bis auf einige Spezialanwendungen in exotischen Berufen aus folgendem Grund absaufen: Mit dem Ding wird man zum Buchstäblichen "Brillo". Wer das für cool hält war schon lange nicht mehr in einer Disco.

    4 Leserempfehlungen
  4. ...die Tastaturen auf den Hinterkopf zu projezieren, oder die Bedienelemente dort anbringen - da sieht man sie zwar schlecht, aber zum Bedienen reichen "leichte Schläge" ... soll ja helfen...

    ...oder die Bedienelemente in der Kopfbedeckung zu integrieren, da sehe ich dann schon Herrscharen von Pan Taus rumlaufen, die mit ihren Melonen ware Wunder vollbringen.

    ...wenn schon Magnete in den Fingerkuppen, warum dann nicht Gyroskope am Kopf anbringen - dann kann man durch Kopfnicken bzw. -schütteln seine Geräte steuern - schwierig vielleicht wenn Metalfans gerade Musik hören wollen...

    ...diese schöne neue Bedienwelt wird bestimmt lustig :-)

    4 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • Burts
    • 16. April 2013 14:08 Uhr

    Ja bei der Vorstellung wie dann alle rumlaufen muss man schon grinsesn, andererseits... wer mir vor 15 Jahren von den heutigen Smartphonezombies auf den Strassen erzählt hätte, den hätte ich auch für verrückt erklärt und, dass wir alle mit einem Handy auf der Strasse wie selbstverständlich alles private erzählen und es jeder mitbekommen kann hätte uns vor 15 Jahren auch kaum jemand geglaubt.

    Fazit: man kann sich kaum vorstellen, dass die sich alle auf den Hinterkopf klopfen aber irgendwie passiert es wohl dann doch.

    • ztc77
    • 15. April 2013 21:11 Uhr

    ..ist doch dann ein System, das Gebärdensprache erkennen kann oder das Flaggenalphabet etc., dann kann es auch von entsprechend behinderten Menschen bedient werden, und die große Mehrheit lernt etwas, womit man sich mit einer Minderheit verständigen kann.

  5. "My i-Pad has 2 Million times the storage capacity of the Apollo 11 Space Ship. Men flew to the Moon on Apollo 11. I shoot birds at pig houses."
    (Soll von Tom Hanks sein, trotzdem schön)

    Etwas älter: Thoreau: "...verbesserte Mittel zu unverbessertem Zweck: Our inventions are wont to be pretty toys, which distract our attention from serious things. They are but improved means to an unimproved end,… We are in great haste to construct a magnetic telegraph from Maine to Texas; but Maine and Texas, it may be, have nothing important to communicate."

    Gern vergessen: "Die Hauptsache besteht nicht darin schnell, sondern vernünftig zu sprechen."

    "Und jeder Fortschritt der kapitalistischen (Land-)Wirtschaft (S.) ist nicht nur ein Fortschritt in der Kunst, den Arbeiter, sondern zugleich in der Kunst, den Boden zu berauben, jeder Fortschritt in Steigerung seiner Fruchtbarkeit für eine gegebene Zeitfrist zugleich ein Fortschritt im Ruin der dauernden Quellen dieser Fruchtbarkeit. ...

    Die kapitalistische Produktion entwickelt daher nur die Technik und Kombination des gesellschaftlichen Produktionsprozesses, indem sie zugleich die Springquellen alles Reichtums untergräbt: die Erde und den Arbeiter." K. Marx, Kapital

    2 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Thoreau:
    "Wenn (der Mensch) die Dinge hat, die zum Leben nötig sind, so gibt es noch andere Bestrebungen, als sich um das Überflüssige zu bemühen: es steht ihm jetzt frei, sich dem Leben selbst zuzuwenden...
    ..."moderne Errungenschaften": wir täuschen uns. Nicht immer bedeuten sie tatsächlich einen Vorteil. Der Teufel verlangt von seiner ersten bis zur letzten Investitierung Zins und Zinseszins auf Heller und Pfennig. Unsere Erfindungen sind meist schöne Spielsachen, die unsere Aufmerksamkeit vom Wesentlichen ablenken...

  6. Thoreau:
    "Wenn (der Mensch) die Dinge hat, die zum Leben nötig sind, so gibt es noch andere Bestrebungen, als sich um das Überflüssige zu bemühen: es steht ihm jetzt frei, sich dem Leben selbst zuzuwenden...
    ..."moderne Errungenschaften": wir täuschen uns. Nicht immer bedeuten sie tatsächlich einen Vorteil. Der Teufel verlangt von seiner ersten bis zur letzten Investitierung Zins und Zinseszins auf Heller und Pfennig. Unsere Erfindungen sind meist schöne Spielsachen, die unsere Aufmerksamkeit vom Wesentlichen ablenken...

    3 Leserempfehlungen
    Antwort auf "Fortschritt?"
    • Burts
    • 16. April 2013 14:08 Uhr

    Ja bei der Vorstellung wie dann alle rumlaufen muss man schon grinsesn, andererseits... wer mir vor 15 Jahren von den heutigen Smartphonezombies auf den Strassen erzählt hätte, den hätte ich auch für verrückt erklärt und, dass wir alle mit einem Handy auf der Strasse wie selbstverständlich alles private erzählen und es jeder mitbekommen kann hätte uns vor 15 Jahren auch kaum jemand geglaubt.

    Fazit: man kann sich kaum vorstellen, dass die sich alle auf den Hinterkopf klopfen aber irgendwie passiert es wohl dann doch.

    2 Leserempfehlungen
    Antwort auf "Wie wäre es..."

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

  • Artikel Auf einer Seite lesen
  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Google | Microsoft | Kai Diekmann | Sony | Smartphone | Smartwatch
Service