SmartphonesDas übernächste iPhone nimmt keiner mehr in die Hand

"Wearables" – Computer in Uhren und Brillen – werden das nächste große Ding, glauben Hersteller und Analysten. Die Rolle des Smartphones wird sich ändern.

Sogenannte "Wearables" wie die SmartWatch von Sony stehen vor dem Durchbruch, glauben Analysten.

Sogenannte "Wearables" wie die SmartWatch von Sony stehen vor dem Durchbruch, glauben Analysten.

Smartphones sind langweilig. Sie werden leistungsstärker, ihre Displays brillanter, und die Auswahl an Apps wird gewaltiger. Gleichzeitig werden sie sich immer ähnlicher. Ein Blackberry Z10 sieht aus wie ein iPhone 5, und beide sehen aus wie alles, was LG unter dem Sammelnamen Optimus verkauft. Auch das nächste iPhone, das nach Informationen des Wall Street Journal ein iPhone 5S sein wird und im Sommer auf den Markt kommt, wird mit seinem Design und seinen Funktionen niemanden überraschen.

21 Jahre nachdem mit IBMs Simon das erste Smartphone mit berührungsempfindlichem Bildschirm auf den Markt kam, herrscht weitgehende Einigkeit darüber, wie ein solches Gerät auszusehen hat und was es können muss. Doch was ist mit der nächsten Generation mobiler Computer? Noch im Laufe des Jahres werden einige Elektronikkonzerne die ersten wirklich spektakulären Geräte auf den Markt bringen. "Wearables" heißen diese Rechner, die wie Kleidung oder Accessoires am Körper getragen werden. "Wir glauben, dass Wearables die nächste Wachstums- und Innovationswelle in diesem Segment tragen werden", sagt Sarah Rotman Epps, eine Analystin beim Marktforschungsunternehmen Forrester Research, die sich seit Jahren mit den tragbaren Kleincomputern beschäftigt.

Anzeige

Zwei Konzepte stehen vorerst im Mittelpunkt: Brillen und Armbanduhren. Google treibt sein Projekt Glass voran und will die Brille angeblich schon bald industriell in Kalifornien fertigen lassen. Die ganze Branche erwartet zudem, dass Apple demnächst eine iWatch genannte smarte Uhr präsentieren wird.

Solche Konzepte sind nicht neu. Sony nennt es SmartWatch und verkauft das erste Modell seit dem vergangenen Jahr für rund 100 Euro. Trotzdem ist die Uhr, genau wie die Armband-Accessoires von Nike oder Pebble, bislang ein Nischenprodukt. Apple könnte mit einem innovativen Design und neuartigen Funktionen dafür sorgen, dass ein Massenmarkt entsteht.

Patrick Beuth
Patrick Beuth

Patrick Beuth ist Redakteur im Ressort Digital bei ZEIT ONLINE. Seine Profilseite finden Sie hier.

Vom Potenzial der Smartwatch sind jedenfalls auch andere überzeugt: Samsung hat bereits verkündet, an einer solchen Uhr zu arbeiten, und Google hat zumindest einen Patentantrag für eine Smartwatch eingereicht. Apple wiederum hat – ebenso wie Sony, Olympus und andere – Ideen und Pläne, die auf eine Computerbrille hindeuten, wie sie Google derzeit entwickelt.

Wearables werden Smartphones nicht ersetzen, sie aber zu Taschencomputern degradieren. Sie selbst sind zu klein, um Platz für einen Akku bieten zu können, deshalb müssen energieintensive Rechenprozesse ausgelagert werden. Am besten könnten dies eben Smartphones übernehmen, sie verfügen über reichlich Rechenleistung und vergleichsweise große Akkus gleichermaßen: Sonys SmartWatch etwa braucht ein Smartphone im Hintergrund, die Brille MEG 4.0 von Olympus ebenso. Auch eine iWatch von Apple könnte eher eine Ergänzung des iPhones sein als ein komplett eigenständiges Gerät. Verbunden werden die beiden drahtlos durch Bluetooth-Technologie.

Trotz dieser Beschränkungen können Wearables die Welt der tragbaren Computer verändern. Denn eines haben sie dem Smartphone voraus: Ihre Besitzer müssen sie nicht mehr aus der Tasche ziehen, entsperren, die gewünschte App starten und den Bildschirm vors Gesicht halten, um sie zu benutzen. Das gilt für eine Brille wie Google Glass noch mehr als für eine Armbanduhr. Diese Vorstellung elektrisiert Entwickler, Forscher, Analysten und Technik-Blogger. "Man kann die Bedeutung dieser neuen Geräte kaum überbewerten, weil sie völlig neue Daten über unseren Körper und unsere Umgebung generieren werden, zu denen wir bislang keinen Zugang hatten", sagt Analystin Sarah Rotman Epps.

Mark Rolston, Kreativchef beim Unternehmen frog design, das einst die erste Funkarmbanduhr der Welt entwarf, sieht das ähnlich. "So wie wir heute unsere Smartphones bedienen, so bedienen wir unsere Computer zu Hause im Prinzip seit 30 Jahren", sagt er. "Sie fordern unsere Aufmerksamkeit. Aber der nächste echte Innovationsschritt wird sein, die Bedienung zu sehr viel subtileren Interaktionen mit der Technik zu machen, die uns nicht mehr so aus dem Alltag reißen." Rolstons aktueller Lieblingssatz lautet: We are taking computers out of computing.

Leser-Kommentare
  1. ... prinzipiell zwar richtig - aber wenn Apple das unter die Leute bringen will, dann rennen die dem hinterher so wie dem anderen I-Zeugs.

    Wenn die ein I-Parfum machen würden, das omamässig wie 4711-Tosca müffelte, würde es auch ein Renner, wetten? Um die Sache.gehts schon lang nicht mehr bei den heutigen Markenreligionen.

    5 Leser-Empfehlungen
    • 7x7-7
    • 03.04.2013 um 22:44 Uhr

    OK- Smartphones sind gegenüber den herkömmlichen Handys noch ein gewisser Vorwärtsschritt, aber ein echter Quantensprung sieht für mich anders aus. Man schaue sich doch mal das winzige Display auf der Uhr an – völlig unbrauchbarer fernost – Plunder. Wahrscheinlich gibt dass wieder eine Schar von Spi... äh Jüngern, die in endlos langen Schlangen für das vermeintlich neue Statussymbol anstehen, um diejenigen, die schließlich eines ergattern konnten, in phrenetischem Jubel zu feiern. Da mich damals schon die Taschenrechnerquarzuhren kalt ließen, kann ich über diesen Retroabklatsch erst recht nur schmunzeln.
    Sicher wird es in nicht allzu ferner Zeit gelingen, digitale Lebensformen zu kreieren, die sich dann selbst optimierend in rasantem Tempo fortentwickeln. Mit dieser Technologie macht dann endlich auch mein bluetouch- fähiger Toaster Sinn, der sich dann zusammen mit dem Kühlschrank überlegt, wie der Wecker mich morgens noch innovativer aus dem Bett geklingelt bekommt. Das ist dann Singularity und dann wird es sicher spannend für uns Technikfreaks.
    Bis dahin
    Gute Nacht !

    7 Leser-Empfehlungen
  2. Was den Praxis-Faktor betrifft, gebe ich Ihnen recht. Wenn die Uhr-Variante auch mit einem Touchscreen ausgestattet ist, wird die Bedienung wohl zur Nervenprobe (bei der Brille frage ich mich, wie man die bedient... indem man zu ihr spricht?). Aber ich könnte mit beiden Versionen nichts anfangen, einen Punkt haben Sie schon angeschnitten: ich trage gern Armbanduhren, und zwar, was bedeutend ist: verschiedene Modelle. Außerdem trage ich (meistens) eine Brille. Gegen beide Gadgets, Brille wie Armband, hätte ich also schon aus ästhetischen Gründen Einwände. Die soziale Akzeptanz wird sich womöglich steigern. Ich kann mich auch noch an die Zeit in meiner Jugend erinnern, als Handys absolut uncool waren!

    2 Leser-Empfehlungen
  3. Dabei hat es eine Weile so ausgesehen, als würden Mobiltelefone irgendwann so klein, dass man sie beim Telefonieren versehentlich verschlucken könnte. Mit den Smartphones sind die dann wieder größer geworden. Einige neue Modelle sind beinahe so groß dass man sie nicht mehr in die Hosentasche stecken kann.
    Von wegen ins Handgelenk reinquatschen: da kommt auf der Straße Einer auf dich zu, quatscht irgendwie okkult vor sich hin und du fragst dich ob er gleich ein Küchenmesser rausholt und 17 mal auf dich einsticht, aber halt - die erleichternde Erkenntnis: er telefoniert mit Freisprech...

    Eine Leser-Empfehlung
    Antwort auf "Spielzeug"
  4. Wo bleibt in dem Artikel eigentlich der Aspekt der eigentlich unglaublichen und untragbaren Missbrauchsmöglichkeiten jenseits der völlig unerträglichen Vision eines totalen Überwachungsstaates?
    Sollte die Brille auf den Markt kommen, braucht es strenge Regeln der legalen/illegalen Anwendung. Es ist eine gruselige Vorstellung nicht mehr zu wissen was der Mensch mit dem man gerade interagiert tut oder gerade möglicherweise photographiert oder filmt.
    Und wenn man nur an Schwimmbäder und Strände denkt, muss eine Benutzung doch untersagt werden. Soll daraus dann Resultieren, dass wir dann Brillen generell untersagen oder alle Brillenträger als potentielle Spanner diskreditieren.

    Eine Leser-Empfehlung
    • welll
    • 04.04.2013 um 3:12 Uhr

    detailliertere Informationen über die Nutzer (bei der Brille auch darüber hinaus) zu sammeln um diese Informationen zu Geld zu machen, könnte man den Gimmicks durchaus etwas abgewinnen.
    Grösstes Manko ist der fortschreitende Eingriff in die Privatspähre.

    Die Uhr würde wohl am ehesten als breites Armband mit flexiblem vollflächigem Display Sinn machen, also weniger iWatch, als iBracelet.
    Dann könnten sich die bisherigen Klingeltonanbieter schon mal in die Startlöcker begeben um dereinst manigfaltige Bracelet-Designs anzubieten, was den Coolnesfaktor dieser Geräte steigern sollte. Eine virtuelle Rolex, die man auf Zuruf in ein Nietenarmband oder die Anzeige für die neuesten Tweets verwandeln kann hätte schon was.

    Leider fallen mir auch für die Brille genügend nützliche Anwendungen ein um ernsthaft daran zu zweifeln, dass es nicht zu einer nenneswerten Verbreitung kommt. Dazu sind die Dinger auch schon zu lange und zu häufig in den Medien.
    Sicher werden sie nicht so erfolgreich wie Smartphones, aber mitunter ausreichend erfolgreich.

  5. Ich finde die Diskussion müßig, ob die "Wearables" nun kommen oder nicht. Sie werden kommen, egal ob nun in Form einer Brille, einer Uhr, einer Halskette, eines Armbandes, Ohrclips, Implantats oder Manschettenknopf. Die Frage wird wohl vielmehr sein, für welches Modell ich mich entscheide. Vielleicht für mehrere, weil irgendwann so bezahlbar, dass es für die Oper die Halskette und für den Sport die Uhr sein soll.

    Ob das innerhalb der nächsten zwei Jahre den großen Durchbruch geben wird, glaube ich wohl eher nicht. Viele der genannten Funktionen funktionieren nach wie vor nur leidlich (Google-Translate dient nach wie vor eher der Belustigung, denn der seriösen Übersetzung und selbst Rechtschreibprüfungsprogramme sind ja bis heute nicht perfekt, wie soll es dann ein Übersetzungsprogramm werden?).

    Die Frage der Funktionen wird auch noch viel Raum für Diskussionsstoff bieten. Ortungsfunktionen hin oder her, ich möchte immer noch Herr über meine Entscheidung sein, ob ich mich orten lasse oder nicht. Solange das gewährleistet ist, sind viele Dienste nice to have. Diese Wahlfreiheit haben wir ja jetzt schon nur noch in Teilen. Beim Dowonload jeder App werde ich darauf hingewiesen, dass ich mich dafür orten lassen muss. Wir sollten also nicht so sehr darüber diskutieren, ob diese Gadgets kommen (sie werden kommen), sondern wie wir Verbraucher endlich wieder Herr über unsere Entscheidungen werden und dies nicht 3-4 Megakonzernen überlassen (Google, FB, Amazon, Apple).

  6. Finger als Mikro, Bildschirm in der Handfläche der anderen Hand oder direkt in den Augapfel integriert, Senderantenne im Ohrläppchen, alternativ als modischer Ohrring oder Piercing. Geladen wird das ganze über eine im Bett integrierte, kabellose Ladestation.
    Schöne neue Welt, ich freu mich drauf

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

Service