Die Smartwatch von Pebble © Pebble

Ich hätte nie gedacht, dass ich einmal Menschenleben in Gefahr bringen könnte. Dass es so weit kam, liegt an einer Armbanduhr, die ich im Internet gekauft habe.

Es war im April 2012, als ein paar Amerikaner auf der Crowdfunding-Seite Kickstarter.com ein Projekt vorstellten: Bekämen sie 100.000 Dollar zusammen, dann könnten sie in Massenfertigung eine Uhr bauen, wie es sie in dieser Art noch nicht gab. "Pebble" nannten sie diese Uhr. Eine sogenannte Smartwatch, die sich über Bluetooth mit iPhones und Android-Handys verbinden sollte, und für die jedermann Apps programmieren könnte.

Ich war elektrisiert – nicht weil ich programmieren wollte, sondern weil ich seit jeher Gadgets liebe. Ich zahlte 130 Dollar, der Preis einer Pebble samt Versandkosten, und wurde so einer der ersten Finanziers des Projekts. Insgesamt 85.000 Menschen bestellten die Pebble-Uhr, bevor es sie gab. Zehn Millionen Dollar kamen zusammen – das bis dahin meistunterstützte Projekt auf Kickstarter.

Es dauerte nur ein lächerliches Jahr, bis ich dann im Februar die frohe Kunde bekam, meine persönliche Pebble sei fertig gebaut und losgeschickt worden. Und dann ... tat sich lange Zeit nichts. Aber gut, ich war ja Warten gewohnt. Sechs Wochen später bekam ich die Nachricht, dass ich ein Päckchen vom Zoll abholen solle. Erste Zweifel tauchten auf: Holt man Pakete nicht bei der Post ab? Was will der Zoll? Aber vor lauter Vorfreude, schon bald meine Pebble ums Handgelenk legen zu dürfen, ignorierte ich die Zweifel.

Beim Zoll lief es dann zunächst auch wie am Schnürchen: Nach nur 45 Minuten Wartezeit kam ich dran. Als die Zollbeamtin das Paket holte, auf dem schon außen der Name "Pebble" prangte, musste ich unwillkürlich lächeln – ich konnte einfach nichts dagegen tun. Auch dann nicht, als sie mir sagte, ich solle bitte das Paket öffnen. Ist halt der Zoll, dachte ich, da herrscht wahrscheinlich generell ein gewisses Misstrauen. 

"Nichtkonformes Erzeugnis"

Doch dann sagte die Zöllnerin: "Ich muss Ihnen das Paket jetzt leider wieder abnehmen." Gefühlt zehn Sekunden lang lächelte ich mein glückseliges Lächeln weiter, dann erst begriff ich langsam, was die Frau gesagt hatte: Paket. Wieder. Abnehmen. Mein gekrächztes "Warum das denn?" beantwortete sie mit einem kühlen "Weil die enthaltene Uhr gegen Einfuhr-Bestimmungen verstößt". Das musste ein Witz sein. Aber sind Zollbeamte überhaupt in der Lage, bei ihrer Arbeit zu scherzen? Nein. Eine herbeigeholte Vorgesetzte sagte, sie könnten das Gerät nicht herausgeben, und, noch viel erstaunlicher: "Die zuständige Marktüberwachungsbehörde ist eingeschaltet", das sei in diesem Fall die Bundesnetzagentur.

Die Bundesnetzagentur kümmert sich um ... meine Uhr? Eine kleine, harmlose Uhr? Die Bundesnetzagentur, die Behörde, die ich bislang mit Dingen wie der Vergabe von Mobilfunklizenzen in Verbindung gebracht hatte? Okay, die Pebble kommuniziert über Bluetooth, sie funkt also. Aber musste der Hamburger Zoll deswegen gleich die Bundesnetzagentur einschalten?

Natürlich musste er. Wie naiv ich war. Es ging doch hier um etwas Großes. Um Menschenleben, mindestens eins. In einem nachgeschickten Brief stand nämlich, dass es sich "bei dem vorliegenden Produkt um ein nichtkonformes Erzeugnis handeln könnte, das zum Schutz der menschlichen Gesundheit nicht eingeführt werden darf". Und weiter: "Das von ihnen importierte Produkt kann Ihnen somit nicht überlassen werden, sondern wird der Wiederausfuhr durch die Deutsche Post AG zugeführt."

Nur drei Zollstellen geben die Uhr nicht heraus

Aber wenn die Pebble so gefährlich ist, musste es noch weitere Exemplare geben, die der Zoll zurückhielt. Die gab es auch. Allerdings nicht so, wie ich vermutet hatte. Auf german-pebblers.de, einem Pebble-Forum, las ich von ein paar wenigen unglücklichen Pebble-Bestellern – und vielen glücklichen Besitzern. Es zeigte sich schnell, dass es nur drei Zollstellen in Deutschland gab, die alle Pebble-Uhren zurückhielten. Eine davon war die in der Koreastraße in Hamburg, in der ich meine Pebble abholen wollte. Und selbst die hatte eine Zeit lang die Pebble durchgelassen – bis sie irgendwann die große Gefahr erkannte, die von der Uhr ausging.

Das machte mich stutzig: Wenn die Pebble so gefährlich ist, warum verhinderten dann nur drei Zollstellen in Deutschland ihre Einfuhr – und mindestens eine davon erst, nachdem schon einige Exemplare durchgegangen waren? Warum hatten die anderen Zollstellen keine Probleme, die Uhren an ihre Besteller auszuhändigen? Und warum kümmerte sich die Bundesnetzagentur darum? Mein Interesse an der Bürokratie war geweckt.