Der Revolution läuft die Zeit davon. Nur zwei Wochen bleiben dem südafrikanischen Multimillionär Mark Shuttleworth und seinem Unternehmen Canonical noch. 14 Tage, um auf der Crowdfunding-Plattform Indiegogo die Finanzierung für den Bau eines neuartigen Smartphones namens Ubuntu Edge aufzutreiben. Die Chancen stehen eher schlecht.

Das Ziel ist allerdings auch ein hochgestecktes. 32 Millionen US-Dollar müssen innerhalb von 30 Tagen zusammenkommen für dieses Gerät, das nach Angaben von Canonical eine Art Formel-1-Wagen im Smartphone-Sektor sein soll: Hightech, produziert in kleiner Stückzahl für absolute Enthusiasten. Das Edge soll gewissermaßen das maßgeschneiderte Telefon zu der mobilen Version des Linux-Betriebssystems Ubuntu sein. Und es soll die Grenzen auflösen zwischen Telefon und Desktop-Computer. Wenn es denn jemals gebaut wird.

Ubuntu Edge stehe "auf der Kippe zum Misserfolg", orakelt das Technik-Blog The Verge nun bereits zur Halbzeit des Projektes. Zwar sind immerhin schon über 8,4 Millionen Dollar zusammengekommen, doch das ist nur etwa ein Viertel der angepeilten Finanzierungssumme. In den ersten 24 Stunden fanden sich 5.044 Interessenten, die bereit waren, den Anfangspreis von 600 Dollar für das Telefon zu bezahlen. Der Blitzstart sorgte weltweit für Aufregung, doch die Dynamik hat sich schnell verlangsamt. Für Unmut sorgte, dass der Preis von anfangs 600 Dollar auf 625, 650 und 780 Dollar stieg. Bald schon wurden erste skeptische Stimmen laut, die befanden, 32 Millionen Dollar seien definitiv unrealistisch.

Nun hat Shuttleworth reagiert und den Preis wieder gesenkt. 695 Dollar kostet ein Gerät jetzt, knapp 100 Dollar weniger als bisher.

Ob diese Maßnahme ausreichen wird, um genügend Unterstützer anzulocken, ist natürlich noch nicht abzusehen. Vor einigen Tagen noch zitierte die Zeitung The Guardian zwei belgische Statistik-Experten mit der Einschätzung, dass die Kampagne keinen Erfolg haben und wahrscheinlich bei einem Ergebnis von 18 bis 22 Millionen ins Ziel gehen werden. Die beiden Gründer der Firma Open Analytics hatten sich den Verlauf typischer Kampagnen auf der Crowdfunding-Plattform Kickstarter näher angesehen und das typische Muster auf das Projekt Ubuntu Edge übertragen. Das Ergebnis: Auch wenn man das typische Absacken in eine "tote Zone" einige Tage nach dem Start und das Anziehen der Finanzierungsbereitschaft Richtung Ende der Kampagne mit einberechnet, hat das Ubuntu Edge keine Chance. Außerdem erreicht nur jedes zehnte Projekt bei der Kickstarter-Alternative Indiegogo das angestrebte Ziel, wie The Verge in einer Analyse festgestellt hat.

Der Arbeitsplatz in der Hosentasche

Selbst Fans des Projektes beschlich offenbar schon früh das Gefühl, dass die mutig angesetzte Crowdfunding-Aktion – 32 Millionen Dollar wären eine Rekordsumme – vielleicht etwas zu hoch gegriffen ist. "Ich frage nur ungern, weil ich optimistisch bleiben möchte, dass das Ziel erreicht wird, aber was passiert, wenn die crowdgesourcte Finanzierung nicht klappt?", fragte ein Reddit-Nutzer in einem Dialog mit Mark Shuttleworth. Die knappe Antwort lieferte in diesem Fall ein anderer Nutzer: "Kein Geld, kein Ubuntu Edge." So erklärt die Indiegogo-Seite, was in dem Fall geschieht, dass das Ziel verpasst wird: "Es wird kein Ubuntu Edge geben, alle Unterstützungen werden vollständig zurückgezahlt."

Unterstützern droht, sollte es wirklich so weit kommen, also keinerlei finanzieller Schaden. Bedauerlich wäre es trotzdem, wenn das Edge nie das Licht der Welt erblickt. 

Es soll einen superschnellen Prozessor bekommen, vier Gigabyte RAM und 128 Gigabyte Speicher. Wird es an einen beliebigen HDMI-Bildschirm angeschlossen, soll aus der Oberfläche des mobilen Ubuntu auf dem Telefon automatisch die vollwertige Ubuntu-Variante für Desktops werden, lautet der Plan. Jeder Edge-Nutzer könnte mit seinem Telefon also seinen kompletten Arbeitsplatz mit sich herumtragen.  

Bloomberg bestellt 100 Geräte für zusammen 80.000 Dollar

Das Betriebssystem Android soll parallel zu Ubuntu auf dem Smartphone laufen. Und auch beim Material will Canonical glänzen: Geschützt werden soll das Display von einer Schicht Safirglas, das extrem kratzfest, bisher aber noch recht teuer ist und nur gerüchteweise im nächsten iPhone zum Einsatz kommen soll.

In den Handel soll das Gerät zunächst nicht gelangen. Nur wer es bei Indiegogo unterstützt, soll es bekommen. Diese Exklusivität ist für manche verlockend. So hat die Wirtschaftsnachrichtenagentur Bloomberg gerade als erstes Unternehmen das größtmögliche Paket bestellt: 100 Ubuntu-Edge-Smartphones für 80.000 Dollar. Damit die Vision vom wandelbaren Ubuntu-Smartphone Realität werden kann, braucht es aber noch sehr viele Nachahmer in sehr kurzer Zeit.