ElektroschrottEin Mobiltelefon zum Zusammenstecken

Das ideale Smartphone ist modular, sodass jeder es nach seinen Bedürfnissen zusammenbauen kann, glaubt Dave Hakkens. Mit Phonebloks will er Konzerne zum Umdenken bewegen. von 

Phonebloks, ein Konzept für ein modulares Smartphone

Phonebloks, ein Konzept für ein modulares Smartphone  |  © Dave Hakkens

Ein Telefon versetzt derzeit Technikfans in Aufregung. Nein, es ist keines mit einem angebissenen Apfel auf der Rückseite. Phonebloks heißt das Konzept für ein neuartiges Smartphone, mit dem der Niederländer Dave Hakkens offensichtlich einen Nerv getroffen hat.

Seine Idee erläutert er in einem Video, das derzeit in Blogs und sozialen Netzwerke zirkuliert: Es zeigt ein Handy, das jeder Nutzer aus austauschbaren Komponenten selbst zusammenbauen kann – eine Art Lego-Telefon.

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Mehr oder weniger kindlicher Basteltrieb spielt sicher eine Rolle bei der allgemeinen Begeisterung für die Idee des Designers. Auch der Schauspieler Elijah Wood unterstützt das "revolutionäre" Konzept, einschlägige Seiten wie Engadget, Golem.de oder Business Insider berichten darüber.

Über Twitter verkündete Hakkens am Donnerstag, er sei aufgewacht und habe über Nacht eine Menge neuer Nachrichten bekommen.

Was sich der Niederländer mit Phonebloks vorstellt und was bei vielen auf großes Interesse stößt, ist ein Handy-Baukastensystem. In dessen Zentrum befindet sich eine gelochte Grundplatine. Auf diese werden auf der einen Seite ein Bildschirm und auf der anderen Module aufgesteckt. Die enthalten den Prozessor, die Kamera, den Akku, das WLAN-Modul oder einen Bewegungssensor. Die Zusammenstellung der Bauteile kann je nach Anforderungen, Vorlieben und Budget erfolgen.

Foto-Fans könnten sich so etwa ein besseres Objektiv aufstecken, Schwerstnutzer stattdessen einen größeren Akku einbauen, der eine längere Laufzeit verspricht. Senioren können auf solchen Schnickschnack möglicherweise gut verzichten, würden aber vielleicht einen ordentlichen Lautsprecher zu schätzen wissen. Zusammengehalten werden alle Elemente mit zwei Schräubchen.

Austauschen statt wegschmeißen

Gedacht ist das Ganze nicht als Spielzeug für Tüftlerseelen, wie Hakkens auf seiner Website erläutert. Ihm geht es um Vermeidung von Elektroschrott, von dem jedes Jahr mehrere Dutzend Millionen Tonnen entstehen. "Elektronische Geräte werden nicht dafür entwickelt, lange zu halten", sagt Hakkens. Und wenn Handys kaputtgehen, lassen nur die wenigsten Menschen sie reparieren. Das selbständige Auswechseln des Akkus ist bei vielen Geräten gar nicht mehr möglich. Bei Phonebloks lässt sich ein Bauteil, das entweder defekt oder technisch überholt ist, einfach austauschen, ohne dass der Rest auf den Müll fliegt.

Beziehungsweise: soll sich austauschen lassen. Von der Marktreife ist das Konzept noch weit entfernt. "Nun ja, es ist eine Idee", heißt es etwas zurückhaltend in dem Video auf Hakkens Seite. Die er auch nicht einmal selbst verwirklichen will.

Leserkommentare
  1. Modulare IT-Systeme kennen wir und haben wir. Etwa im privaten Desktop-Bereich, aber auch im industriell geprägten Embedded-Sektor.

    Das Notebook als mobilerer Abkömmling des Desktops (heutzutage gerne auch als "Desktop-Replacement" genutzt) ist schon weit weniger modular. Sicherlich, die einzelnen Komponenten unterscheiden sich nicht wesentlich und werden nach dem "Baukastensystem" zum System zusammengestellt. Sehr wohl unterscheidet sich aber die Art deren Montage: PGA und LGA Sockel erlauben z.B. im Desktop den Tausch eines Prozessoren, BGA in Notebooks bedingt die Verlötung.

    Das ist keine böse Obsoleszenzstrategie, sondern notwendig, um die Geräte gemäß Kundenwunsch flacher und leichter zu machen.

    Zudem besteht ist Trend zur Integration ungebrochen. Früher hatten wir Soutbridge, Northbridge, externe Caches, mathematische Co-Prozessoren, diskrete Grafikeinheiten etc.. Heute haben wir SoCs, in denen all diese Funktionen vereint sind.

    Gerade bei Smartphones sind in die SoCs noch weitere Funktionen implementiert wie etwa GPS, Bluetooth, WLAN, Gyrosensor usw.

    Nötig ist das, um vor allem den Energieverbrauch möglichst gering zu halten. Viele separate Chips benötigen immens mehr Energie als ein einzelner Chip, der alle Funktionen in sich birgt. Und sie benötigen industrieweit standardisierte Schnittstellen, die immer nur einen Kompromiss zwischen Funktionsumfang, Performance und Energieverbrauch darstellen.

    Insofern: Nette Idee, von der Realität aber bereits überholt.

    3 Leserempfehlungen
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    • hask_l
    • 14. September 2013 4:27 Uhr

    Mag ja alles richtig sein, was Sie da zur Effizienz schreiben, dennoch ist der Ansatz an sich ja nicht falsch.
    Bei den Rechenleistungen derzeit darf doch sicher der User entscheiden, ob er lieber 30 Minuten mehr telefonieren will, oder stattdessen 5 Sekunden mehr youtube moechte.
    Zumal das Projekt auch eine grosse Chance fuer andere Bereiche sein kann.
    Man stelle sich mal eine EU-Richtlinie vor, die verlangt, dass mindestens 20% der Hauptkomponenten eines Geraets austauschbar sein muessen. Einfach, damit "nachhaltig" repariert werden kann. Apple haette verloren, und wer weiss welche anderen Hersteller noch (hab da echt grad keine Ahnung).
    Lassen wir doch den "Markt" entscheiden, ob sich das verkauft. Offenbar gibt's genug Leute, die sich dafuer interessieren.
    Meiner Meinung nach wird das eh daran scheitern, dass die grossen Konzerne kein finanzielles Interesse daran haben, nicht-wegwerf-Geraete zu bauen. Womoeglich in dem Fall "am Kunden vorbei", aber wenn's nur Wegwerf-Technik gibt, wie will man da effektiv als Kunde gegensteuern?

    • hareck
    • 13. September 2013 18:12 Uhr

    Und dem steht das Baukastensystem diametral entgegen.

    Trotzdem interessant.

    Eine Leserempfehlung
  2. Nur leider werden die großen Hersteller dieses Produkt niemals auf den Markt kommen lassen. Man hat schon beim Ubunto one gesehen, dass der Crowdfunding kampagne Steine in den Weg gelegt worden sind wo es nur geht. Dieses Telefon muss tatsächlich on den Konsumenten direkt finanziert werden. Und jeder Artikel dieser Art trägt dazu bei.

    3 Leserempfehlungen
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    Marketing technisch ist die Idee genial. Wirtschaftlich, technisch und vor allem psychologisch nicht. Menschen konsumieren Smartphones und nicht die Unternehmen, Menschen schmeißen den Elektroschrott weg und nicht Unternehmen. Solche Blöcke, die viel ineffizienter wären als vergleichbare Smartphones sind wie oben beschrieben nur was für Bastler. 99% der Kunden wäre das zu umständlich und auch auf die Dauer blöd.

    Menschen ist die Umwelt egal , sobald es um den eigenen Komfort und handlichkeit geht.
    Ökologisch brauchbare Konzepte müssen viele Kriterien erfüllen, damit sie konventionelle ablösen. Gleiche oder bessere Effizienz in den relevanten Bereichen, ungefähr gleiche preis, selbe Annehmlichkeiten und Einfachheit. Sonst würden sich auch Elektroautos wie warme Semmeln verkaufen.

  3. Ich stehe dieser Idee interessiert aber skeptisch gegenüber.

    Das größte Problem wird sein, ein geeignetes Betriebssystem zu entwerfen. Für jedes Modul muss erst einmal ein passender Treiber geschrieben werden und das Betriebssystem muss mit Treibern arbeiten können.

    Ich, zum Beispiel, würde ein Telefon nur kaufen wollen, wenn es mindestens eine 10er-Tastatur besitzt - besser sogar: Eine Volltastatur mit Tasten für Umlaute. Das gab's bis vor kurzem, jetzt aber nicht mehr.

    Alleine schon für diese Typen von Tastaturen muss das Betriebssystem vollkommen unterschiedlich reagieren und anzeigen, ganz abgesehen von der Variante "Eingabe über Tatsch-Screen".

    Wenn man dies auf andere I/O-Komponenten erweitert, wird es schnell kompliziert. Ganz zu schweigen von neuen Moden und unterschiedlichen Versionen von Hardware-Standards.

    Sicher, das alles ist nicht unmöglich, aber es rechnet sich halt auch nicht. Solch ein Telefon wäre viel teurer als andere. Wer würde so etwas ernsthaft kaufen wollen - bei aller Sympathie?

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    • hask_l
    • 14. September 2013 4:27 Uhr

    Mag ja alles richtig sein, was Sie da zur Effizienz schreiben, dennoch ist der Ansatz an sich ja nicht falsch.
    Bei den Rechenleistungen derzeit darf doch sicher der User entscheiden, ob er lieber 30 Minuten mehr telefonieren will, oder stattdessen 5 Sekunden mehr youtube moechte.
    Zumal das Projekt auch eine grosse Chance fuer andere Bereiche sein kann.
    Man stelle sich mal eine EU-Richtlinie vor, die verlangt, dass mindestens 20% der Hauptkomponenten eines Geraets austauschbar sein muessen. Einfach, damit "nachhaltig" repariert werden kann. Apple haette verloren, und wer weiss welche anderen Hersteller noch (hab da echt grad keine Ahnung).
    Lassen wir doch den "Markt" entscheiden, ob sich das verkauft. Offenbar gibt's genug Leute, die sich dafuer interessieren.
    Meiner Meinung nach wird das eh daran scheitern, dass die grossen Konzerne kein finanzielles Interesse daran haben, nicht-wegwerf-Geraete zu bauen. Womoeglich in dem Fall "am Kunden vorbei", aber wenn's nur Wegwerf-Technik gibt, wie will man da effektiv als Kunde gegensteuern?

  4. ...Wunschtraum.

    Er würde vor allem erreichen, daß die Geräte größer, teurer und weniger leistungsfähig würden.

    Bei der Verschrottung ergäbe sich ebenfalls kein Vorteil, da die meisten Menschen das Gerät nicht aus Geschmacksgründen entsorgen, sondern weil neue Geräte leistungsstärker sind. ( Akkulaufzeit, Bandbreite, Kamera, Speicherkapazität, Abhörsicherheit )

    Der einzige Weg dem Elektro(nik)-Schrott Paroli zu bieten, ist die verwendung von biologisch abbaubaren Materialien, die im Idealfall als Schweinefutter oder Leckerli für Hunde dienen können.

  5. Antwort auf "Herausforderung"
    • skiffy
    • 16. September 2013 17:33 Uhr

    "Bei der Verschrottung ergäbe sich ebenfalls kein Vorteil, da die meisten Menschen das Gerät nicht aus Geschmacksgründen entsorgen, sondern weil neue Geräte leistungsstärker sind. ( Akkulaufzeit, Bandbreite, Kamera, Speicherkapazität, Abhörsicherheit )"

    Sie haben das Prinzip wohl nicht verstanden. Genau was Sie hier aufzählen sind die Vorteile. gibt es eine neuere, bessere Kamera, dann kaufe ich mir die, aber mein Handy kann ich weiterbehalten. Oder wenn ich unterwegs bin, setze ich mir den größeren Akku ein. Es gibt unzählige Möglichkeiten wo die Variabilität einen Vorteil hätte

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