Vor sechs Jahren begann mit dem iPhone eine neue Ära des Telefons. Nun sind die Uhren dran. Smartwatches heißen die Geräte, die mit der ein Jahrhundert alten Idee der tragbaren Zeitmessung nicht mehr viel gemein haben. Samsung hat eine solche Smartwatch vorgestellt. 

Die heißt Galaxy Gear und ist das, wovon die Ingenieure in den achtziger Jahren träumten, als sie die ersten Taschenrechner und Terminplaner in Armbanduhren einbauten – ein Computer. In ihrem stählernen Rahmen steckt ein Chip mit einer Taktrate von 800 Megahertz und in ihrem Gummiarmband eine Kamera mit 1,9 Megapixeln.

Trotzdem ist die Galaxy Gear kein eigenständiges Gerät. Sie funktioniert nur in Zusammenarbeit mit den Smartphones und Tablets von Samsung. Um sie zu benutzen, braucht es ein Tablet Note 10.1, oder ein Smartphone Galaxy S III, ein Galaxy S4, ein Note II oder das neue, ebenfalls am Mittwoch vorgestellte Note 3. Nur wer eines davon in der Tasche hat, kann mit der Gear telefonieren, Fotos machen, maximal zehn Sekunden lange Filme aufnehmen, SMS lesen und so weiter.

Allerdings arbeiten nur das neu vorgestellte Note 3 und das neue Tablet 10.1 jetzt schon mit der Uhr zusammen. Die anderen aufgeführten Samsung-Telefone sollen erst noch folgen. Um das zu können, brauchen sie als Betriebssystem Android 4.3, das gerade erst erschienen ist. Von einer Kompatibilität mit anderen Android-Geräten war nicht die Rede.

Die Kommunikation geschieht via Bluetooth. Steht die Verbindung, dann wirkt die Uhr durchaus wie ein Spielzeug aus dem Arsenal von James Bond. Kommt ein Anruf, muss der Träger sein Handgelenk zum Ohr bringen, um das Gespräch anzunehmen. Das Mikro befindet sich in der Armbandschnalle. Der Arm am Ohr sieht seltsam aus, aber auch nicht viel seltsamer als das Sprechen in die leere Luft bei den Bluetooth-Headsets.

Wie Google Glass versteht die Galaxy Gear Sprachkommandos. Anrufe tätigen oder nach dem Wetter fragen sollen so auch möglich sein, wenn die Hände gerade etwas anderes tun.

Kamera im Armband

Die Kamera – das Unternehmen nennt sie Memographer – ist so im Armband integriert, dass sie ständig nach vorne zeigt. Ein Wisch und ein anschließender Tip auf den Schirm der Uhr, und sie macht ein Foto oder ein Video. Das geschieht noch unauffälliger als bei der Datenbrille Google Glass, die dazu ein hörbares Sprachkommando braucht. Damit es nicht als Spionageinstrument taugt, lässt sich das Klickgeräusch beim Bildermachen nicht abstellen.

Der Träger einer Galaxy Gear sollte nicht allzu viel herumfuchteln. Denn wenn die klotzige Uhr dabei an eine Tischkante trümmert, ist die frontale Kamera wohl das erste Opfer. Wie gut der 1,63 Zoll große und berührungsempfindliche Super-Amoled-Schirm gegen Kratzer und Stöße gesichert ist, erwähnte Samsung bei der Vorstellung nicht. Seine Auflösung beträgt 320 mal 320 Pixel.

Voll Stolz aber berichteten die Entwickler, dass der Akku in ihr einen Tag lang durchhalten soll. 25 Stunden seien die durchschnittliche Nutzungsdauer. Die wird offensichtlich auch durch rigides Nutzer-Management erreicht. Werden sie nicht verwendet, schalten sich die Kamera und der Bildschirm schon nach wenigen Sekunden wieder ab. Gewechselt werden kann der Akku, der eine Leistungaufnahme von 315 Milliamperestunden hat, nicht.

Dabei ist die knapp 74 Gramm leichte Smartwatch zu keiner Zeit ein Ersatz für das Smartphone, eher so etwas wie eine Erweiterung. Sie hat zwar einen Speicher von vier Gigabyte und einen Arbeitsspeicher von 512 Megabyte, taugt aber eher nicht dazu, um auf ihr E-Mails zu schreiben oder Spiele zu spielen. Auch wenn es speziell für sie zugeschnittene Apps gibt. Zum Start präsentierte Samsung ungefähr 70 Apps, beispielsweise zum Thema Fitness wie Runtastic.  

Die Uhr ist auch ein Sportgerät

Da das Gerät ein Gyroskop zur Lageerkennung und einen Schrittzähler hat, wird die Überwachung der eigenen Sportfortschritte sicher eine der wichtigsten Anwendungen werden. Aber dank der Kamera soll es auch möglich sein, Schilder zu erkennen und sie zu übersetzen, wenn sie in einer fremden Sprache verfasst sind. Eine neue Ebene der Augmented Reality eröffne sich damit, hieß es bei der Vorstellung.

Die Idee der Smartwatches ist es, das Handy nicht mehr aus der Tasche nehmen zu müssen. Dieses Versprechen erfüllt Samsung mit der Galaxy Gear nur bedingt. Auf dem kleinen Schirm lassen sich vielleicht noch SMS lesen, eine E-Mail aber schon nicht mehr. Samsung hat das Handy und die Uhr daher so verknüpft, dass eine Mail, die der Nutzer auf der Uhr antippt, gleichzeitig auch auf dem Handy geöffnet wird. Nimmt er das dann aus der Tasche, kann er sie gleich lesen.

Aber zum Arbeiten ist Galaxy Gear offensichtlich sowieso nicht gedacht. Sie kommt mit Armbändern in verschiedenen Farben und Samsung-Manager JK Shin sagte bei der Vorstellung, er sei sicher, dass es das neue "fashion item" werde. Etwas zum Herumzeigen also. Möglicherweise ist das ein nicht zu unterschätzender Faktor, denn dazu taugen iPhones ja schon lange nicht mehr. Ab wann das möglich sein wird, sagte Samsung nicht, auch ein Preis wurde nicht genannt.

Update:Verschiedene Medien berichten, die Uhr soll in den USA ab Anfang Oktober für 299 Dollar verkauft werden. In anderen Ländern startet der Verkauf demnach bereits Ende September.