Hyomin Song ist geheilt, sagt sie. Zwar hat sich die 24-jährige Politikstudentin gerade erst das neueste Modell von Samsung besorgt, schaut auch regelmäßig drauf, um alles Mögliche zu checken: Nachrichten auf vier verschiedenen sozialen Netzwerken, SMS, ihre liebsten Internetseiten, die frisch heruntergeladenen Spiele. Häufig sieht sie auch nur kurz nach, ob sich irgendwas getan hat, obwohl sie wissen müsste, dass in dem Fall schon der Vibrationsalarm losgegangen wäre. Aber ihren Konsum habe sie jetzt eingedämmt, nach mehreren erfolglosen Versuchen. "Ich hab' mir Regeln gesetzt. Nur noch zweimal in zehn Minuten nehme ich es in die Hand." Und sie will aufhören, in der U-Bahn immer nur aufs Handy zu starren.

Nirgendwo auf der Welt sind Smartphones so weit verbreitet wie in Südkorea. Nach Erhebungen des Marktforschungsunternehmens eMarket haben schon 70 Prozent der 49 Millionen Einwohner ein modernes Telefon. Wer in der Hauptstadt Seoul die U-Bahn benutzt, kann im Berufsverkehr trotz gefüllter Züge kaum Blickkontakt aufnehmen. So gut wie jeder, zumindest unter den jüngeren Leuten, starrt auf einen kleinen Bildschirm. Hin und wieder ist zu beobachten, wie Fahrgäste hastig vom Sitz aufspringen und zur Tür rennen, weil sie vor lauter Surfen und Chatten das Aussteigen vergessen haben. Oft wird Seoul die "am besten vernetzte Stadt der Welt" genannt.

Das war Absicht. Als in den 1990er Jahren die Informationstechnologien boomten, preschte Südkorea voran und wollte für alle damit verwandten Produkte und Dienstleistungen der weltweit führende Standort werden. Schnelles Internet ist heute gerade in der Hauptstadt überall zu finden, der Elektronikkonzern Samsung bringt seit Jahren einige der besten Telefone auf den Markt. Südkorea ist bekannt für seine hochwertigen Produkte aus Technik und Kommunikation, und einer der weltweit größten Exporteure. Die Wachstumsstrategie der Regierung ist aufgegangen.

Aber eines haben die Architekten des koreanischen Wirtschaftsmodells nicht bedacht: Weil heute praktisch jeder ein Smartphone besitzt und Zugang zum Internet hat, ist auch die Sucht nach diesen Diensten größer als irgendwo sonst. Schon vor zwei Jahren schätzte die Regierung Südkoreas die Zahl der Internetsüchtigen auf zwei Millionen. Eine andere Regierungsumfrage kam zum Ergebnis, dass ein Fünftel aller Teenager smartphonesüchtig ist. 80 Prozent der Heranwachsenden zwischen 12 und 19 Jahren haben ein solches Telefon, 40 Prozent davon verbringen täglich mehr als drei Stunden damit, auf dem Gerät zu spielen, zu chatten oder etwas bei Facebook zu posten. 

"Nicht bloß ein Telefon"

In Südkorea wird die Abhängigkeit vom Mobiltelefon mithilfe mehrerer Kriterien definiert: wer Angst- oder Depressionsschübe hat, wenn er von seinem Gerät getrennt ist, wer wiederholt daran scheitert, es weniger zu benutzen oder wer sich mit seinem Smartphone glücklicher fühlt, als im Kreis von Freunden und Familie, bei dem kann eine Abhängigkeit diagnostiziert werden.

Hyomin Song, die ihren wahren Namen nicht nennen will, weil sie sonst Probleme bei der Jobsuche bekommen könnte, drückt das Phänomen so aus: "Das Telefon ist nicht bloß ein Telefon. Es ist dein ständiger Begleiter, es hat ja auch auf fast alles eine Antwort." Mögliche Auswirkungen des fanatischen Umgangs kenne sie von sich selbst. "Wenn mir meine Eltern in den letzten Jahren sagen wollten, ich solle statt mit dem Smartphone auch mal Zeit mit ihnen verbringen, habe ich das nicht verstanden. Ich wurde zornig, habe herumgeschrien. Sonst ist das gar nicht meine Art." Auch nervös sei sie geworden, die Finger zitterten manchmal, auf die Inhalte an der Uni habe sie sich nicht mehr konzentrieren können.

Schlagzeilen machten in den letzten Jahren noch extremere Fälle allgemeiner Internetsucht, auch wenn der Begriff umstritten ist und zum Beispiel auch Spielsucht bedeuten kann. Im Jahr 2005 etwa sorgte der Tod eines spielsüchtigen Mannes für Aufsehen, der an die 50 Stunden am Stück in einem der rund um die Uhr geöffneten Internetcafés verbrachte. Vier Jahre später starb ein drei Monate altes Baby an Unterernährung, nachdem die Eltern täglich mehrere Stunden in einem Café zockten. Eltern smartphonesüchtiger Kinder berichten von Gewalttätigkeit, Gedächtnisschwäche und Aufmerksamkeitsproblemen. Ärzte haben unter ihren Patienten zuletzt eine Zunahme neurologischer Traumata wie Kopfschmerzen, Hirninfarkte oder psychische Störungen beobachtet. Internetsucht soll dafür verantwortlich sein.

Kurse für Eltern

Die Sucht nach Smartphones ist mitunter ein noch größeres Problem, da Eltern diese im Gegensatz zum Zocken und Surfen vorm heimischen PC schlechter kontrollieren können. So sind auch politische Antworten noch schwieriger. Schon mit allgemeiner Internetsucht tut sich die Regierung schwer. 2011 wurde zu Mitternacht eine tägliche Sperrstunde von Servern beliebter Onlinespiele eingeführt. Da dies wegen mehrerer Umgehungswege wenig Wirkung zeigte, folgte ein Jahr später die Regel für Spielehersteller, ein Element in ihre Produkte einzubauen, das es Eltern erlaubt zu beobachten und zu bestimmen, wann ihre Kinder spielen können.

Mit Smartphones, dem ständigen Begleiter, funktionieren solche Maßnahmen noch weniger. So veranstaltet die Regierung seit Kurzem Vorlesungen in Schulen, um über die Gefahren des exzessiven Umgangs aufmerksam zu machen. Für Eltern werden auch Wochenendkurse angeboten, in denen sie lernen, wie sie den Zugang zu ihren Kindern zurückgewinnen können. Allerdings haben diese Maßnahmen Grenzen. Nach Erhebungen des Instituts Korea Computer Life ist auch unter den Erwachsenen ein Zehntel zumindest internetsüchtig. Hyomin Song will bald zu Hause ausziehen. Wenn sie dann rückfällig wird, ist nur noch sie selbst für sich zuständig.