Telegram

Telegram für iOS kam an dem Tag auf den Markt, als ZEIT ONLINE den Artikel über Threema veröffentlichte – am 14. August 2013. Die Android-Version folgte im Oktober. Telegram ist eine Erfindung der Brüder Pawel und Nikolai Durow, den Gründern von VK (ehemals VKontakte), dem größten sozialen Netzwerks Russlands. 

Seitdem verbreitet sich die App offenbar besonders in spanisch-sprachigen Ländern rasant. Das sagen jedenfalls die Entwickler. Was sie sonst noch sagen und was nicht, wirft einige Fragen auf.

Das geht schon bei der Anmeldung los: Beim ersten Aufrufen der App wird der Nutzer nach seiner Handynummer gefragt. An die wird ein Validierungscode gesendet, mit dem die App beim ersten Mal aktiviert werden soll. Im Test wurde der Code zwar per SMS versendet, aber er musste aber nicht eingegeben werden – die App öffnete sich auch so. Warum das so ist, wird nirgendwo erklärt. Auch das FAQ und die Datenschutzerklärung enthalten Unschärfen, etwa zu den Daten, die Telegram löscht, wenn man sein Profil löscht. Das geht nur über eine sogenannte Deaktivierungsseite im Netz, wobei Deaktivieren dem Namen nach nicht das gleiche ist wie Löschen. Auch wird nicht klar, ob dabei auch die eigene Handynummer gelöscht wird oder ob Telegram die aus irgendeinem Grund behält. Erst auf Nachfrage sagt der Support, auch die Telefonnummer werde gelöscht.

Unter Contacts werden alle eigenen Kontakte angezeigt, die ebenfalls Telegram installiert haben. Die App greift also auf das Adressbuch zu und gleicht es mit dem eigenen Nutzerbestand ab. Laut Datenschutzerklärung fragt Telegram dabei immer um Erlaubnis. Im  Test ist das eindeutig nicht passiert.

Zwei Anforderungen erfüllt Telegram:

1. Grundsätzlich ist die App aufgeräumt und leicht zu bedienen. Es gibt zwei Wege, sich zu schreiben. Normale Chats werden verschlüsselt auf den Servern von Telegram vorgehalten, damit sind sie von verschiedenen Geräten eines Nutzers abrufbar. Die sogenannten Secret Chats sind Ende-zu-Ende-verschlüsselt. Sie können nur auf einem Gerät wieder entschlüsselt werden und zudem ein Verfallsdatum verpasst bekommen, an dem sie sich selbst löschen. Secret Chats werden nur so lange auf den Telegram-Servern gespeichert, bis sie vom Empfänger abgerufen werden. Das ist übrigens auch bei Threema so. Ob der Nutzer sich in einem Secret Chat befindet, sieht er an kleinen Schloss-Symbolen. 

2. Telegram ist sehr vielseitig. Es gibt es sogar inoffizielle Desktop-Apps und Apps für Windows-Phone.

Was den Quellcode und die Sicherheit angeht, hinterlässt Telegram einen zwiespältigen Eindruck. Open Source sind nur Teile der App. Die Entwickler schreiben im FAQ aber, dass sie in Zukunft weiteren Code veröffentlichen wollen. Wer das bei Threema akzeptiert, wird das auch bei Telegram akzeptieren können.

Die meisten Fragen wirft die Verschlüsselung auf. Mehrere Kryptografie-Experten haben die Telegram-Lösung als Murks bezeichnet, als wilde Mischung aus zum Teil hoffnungslos veralteten und als angreifbar geltenden Bausteinen. Nun könnte man sagen: Auch eine schlechte Verschlüsselung muss erst einmal gebrochen werden, es erfordert einen gewissen Aufwand. Wie leicht angreifbar Telegram ist, ist Ansichtssache. Es ist nicht so, dass Secret Chats im Klartext durchs Netz gehen. Aber in den Hacker News gibt es eine für Nicht-Kryptografen inhaltlich kaum nachvollziehbare Diskussion zwischen den Telegram-Machern und dem renommierten Krypto-Experten Moxie Marlinspike. Der ist zwar nicht unvoreingenommen, schließlich hat er mit TextSecure ein vergleichbares Produkt entwickelt. Aber sein Wort hat in der Szene Gewicht, und er ist nicht der einzige, der reihenweise Merkwürdigkeiten in Telegrams Verschlüsselungsmethoden gefunden haben will.

In ihrem erweiterten FAQ gehen die Macher auf einige der Kritikpunkte ein. Doch einen schlechten Ruf haben sie unter Experten trotzdem – und der aggressive Tonfall der Telegram-Macher in Foren und auf der eigenen Website macht ihn nicht besser.