Wearables heißen die Fitness-Armbänder, Smartwatches und Schmuckstücke, die zurückgelegte Schritte und verbrannte Kalorien zählen und unseren Puls, Schlaf und andere Aktivitäten messen wollen. Spezialisierte Hersteller wie Fitbit, Jawbone, Misfit oder Pebble sowie Konzerne wie LG, Samsung und Sony investieren zurzeit stark in den Markt. Und das obwohl die Gadgets zurzeit noch Nischenprodukte sind, die hauptsächlich unter Fitnessfans und Selbstoptimierern Anhänger finden. Die Marktforscher schätzen, dass die Hersteller im ersten Quartal dieses Jahres weltweit 2,7 Millionen einfache Fitnessarmbänder und intelligentere Smartwatches auslieferten. Die Prognose für das gesamte Jahr: rund 17 Millionen Stück.

Einige Beobachter fragen sich, ob der Markt bereits gesättigt ist. Der US-Sportartikelhersteller Nike, der mit seinem Fuelband zu den ersten und größten Fitness-Armband-Herstellern gehörte, kündigte im April den Rückzug aus dem Hardwaregeschäft an – obwohl Nike Schätzungen zufolge im vergangenen Jahr Fuelband-Produkte im Wert von 33 Millionen Dollar verkaufe. Der Konzern will sich stattdessen auf die Entwicklung von Fitness-Software konzentrieren. Auch Samsung lieferte im ersten Quartal dieses Jahres deutlich weniger Modelle seiner Gear-Produkte aus als im Quartal zuvor.

Apple könnte der Vorreiter sein

Dennoch drängen immer neue Hersteller in den Markt. Razer, der kalifornische Nischenhersteller von teuren Gaming-Laptops, wagt sich demnächst mit dem Nabu-Armband ins Rennen. Motorola, HTC und LG wiederum planen die Einführung von Smartwatches mit Android Wear, Googles im März vorgestellten Betriebssystemversion für Wearables. Android-Wear-Modelle von anderen Herstellern werden folgen. Der Chiphersteller Intel versucht, den Markt mit dem Wettbewerb Make It Wearable in Gang zu bringen.

Und alle warten auf Apple. Der Technologiekonzern bastelt Gerüchten zufolge an einer Smartwatch mit Fitness- und Gesundheitsfunktionen, die dieses Jahr vorgestellt werden könnte. Das kommende Betriebssystem iOS 8 soll mit der Software Healthbook zahlreiche Fitness-Funktionen mitbringen. Die Kalifornier, so die Hoffnung, werden den Markt mit einem benutzerfreundlichen und attraktiven Gerät massentauglich machen. Genau so, wie sie es mit dem iPod und dem iPhone schafften.

Die Nutzer legen Fitness-Armbänder schnell beiseite

Doch der Weg zum Massenphänomen ist weit. Die meisten Modelle werden von vielen Gesundheits- und Fitness-Experten skeptisch beurteilt, und von den meisten Nutzern nach ein paar Wochen oder Monaten zur Seite gelegt. Der innere Schweinehund siegt meist über die hehren Ziele, dauerhafte Verhaltensänderungen sind selten. "Die meisten Geräte und Anwendungen können nicht so personalisiert werden, dass die Nutzer echte Erkenntnisse gewinnen", sagte Martha Wofford von der US-Versicherung Aetna im März auf dem Technik-Festival SXSW in Austin, "das führt dazu, dass die wenigsten Leute Fitness-Armbänder langfristig einsetzen."

Rodridgo Martinez, Chefstratege für den Bereich Lifesciences bei der bekannten US-Designfirma Ideo, war gleicher Meinung: "Es muss einfach mal gesagt werden: Die heute verfügbaren Wearables sind bestenfalls mittelprächtig im Umgang", monierte er auf der SXSW-Konferenz. "Jede Woche kommt ein neues Produkt auf den Markt, das 80 Prozent dessen misst, was andere Produkte auch tun, nur ein einer anderen Form, Farbe oder Plastikverkleidung."

Martinez zufolge wird die Sache erst interessant, wenn die Geräte an den Nutzer angepasst werden und die Nutzer experimentieren können. "Ich will entscheiden können, was ich messe und in welchem Kontext, beispielsweise mit Bildern, Tönen und Gerüchen", sagte der Ideo-Manager.

Noch weiter geht der Misfit-Chef Sonny Vu. Sein Unternehmen produziert den Activity- und Schlaf-Tracker Shine, der gleichzeitig als Uhr fungiert. Fitness-Armbänder seien aus seiner Sicht bald ein Auslaufmodell und bestenfalls ein winziger Teil des gesamten Wearables-Markts. Vu glaubt stattdessen an Geräte, die etwa ihre Träger anhand ihrer Herzfrequenz identifizieren und so ihre Autotüren öffnen, das Licht anmachen oder Zahlungen durchführen können.

Neue Sensoren machen T-Shirts zu Wearables

Weitere Gründe für die Ermüdungserscheinungen der Early Adopters: Die Geräte können nicht miteinander kommunizieren, zudem sind die meisten bessere Schrittzähler und tun nicht einmal das sonderlich akkurat. "Schritte, Kalorien und Schlaf werden nicht immer genau gezählt", sagt Jim McDannald, Fußspezialist und Trainer für Mittelstreckenläufer an der McGill University im kanadischen Montreal.

McDannald, der für die Technologietest-Website The Wirecutter über Gesundheits- und Fitnesstechnologie schreibt, hat vor allem an Schlafsensoren viel auszusetzen: "Viele Hersteller behaupten, ihre Geräte könnten mit Sensoren messen, wie viele Stunden man schläft. Man kann schlaflos im Bett liegen und an die Decke starren, was die Geräte als Schlaf messen, da man sich nicht bewegt." Für mehr Genauigkeit müssten die Sensoren die Herzrate oder gleich die Hirnströme messen.

Smarte Kleider

Auch Daniel Matte vom Marktfoschungsunternehmen Canalys hofft auf neue, auf Wearables zugeschnitten Sensoren, auf sogenannte "Systems-on-a-Chip" und neue Materialien. Das kanadische Start-up OMsignal begeisterte etwa im April auf der Facebook-Entwicklerkonferenz in San Francisco das Publikum mit einem biometrischen T-Shirt: Das Sport-Shirt, das in vier Varianten und vorerst nur für Männer erhältlich ist, misst unter anderem Herz- und Atemfrequenz, verbrannte Kalorien und zurückgelegte Schritte.

Die T-Shirts senden die Daten laufend ins Netz, wo sie auf OMsignal-Servern gespeichert werden. Das dürfte nicht jedem behagen, auch wenn OMsignal  versichert, dass der Nutzer bestimmt, wer Zugriff auf die Daten hat. "Die von den meisten Fitness-Tracking-Firmen derzeit in der Cloud gespeicherten Datenpunkte wie Schritte oder verbrannte Kalorien beunruhigen mich nicht, da sie ja auch nicht laufend gestreamt werden", sagt Jim McDannald. "Werden aber erst einmal private medizinische Daten und Laborergebnisse laufend in die Wolke gestreamt, dann müssen wir die Nutzungsbedingungen ganz genau unter die Lupe nehmen." Die Frage nach Datenschutz und Sicherheit wäre dann die nächste im Hype um die Wearables.