Amazon-Chef Jeff Bezos mit dem Fire Phone © David Ryder/Getty Images

Smartphones mit mehreren Kameras, schnellen Chips und strapazierfähigem Gorilla-Glas sind attraktiv. Nutzer eines Amazon-Handys sollen jedoch nicht die Hardware, sondern den Kauf möglichst vieler Produkte – vorzugsweise von Amazon – im Fokus haben. Das machte Amazon-Vorstandschef Jeff Bezos bei der Präsentation seines ersten Smartphones klar. "Dienste spielen eine wichtige Rolle", sagte Bezos.

Das Fire Phone ist eng mit konzerneigenen Angeboten wie Videos, Musik, Apps, Spielen oder Büchern sowie Hardware wie der Streaming-Box Fire TV verbunden. Das Angebot enthält auch Apps von Drittanbietern wie Netflix oder HBO. Eine besonders shoppingfreundliche Funktion ist ein an der Seite des Handys angebrachter Knopf namens Firefly. Drückt man ihn, erkennt das Handy neben Telefonnummern, E-Mail-Adressen und Web-Adressen auch Bücher, TV-Shows, CDs, DVDs, Barcodes, Lieder oder das Etikett eines Nutella-Glases und bastelt daraus eine Einkaufsliste. In Seattle zeigte Amazon, wie Firefly eine Folge von Game of Thrones erkennt und dem Nutzer den Erwerb im Video-Laden oder als DVD zur Auswahl stellt.

Das Fire Phone ist mit Fire OS 3.5.0 ausgestattet, einer von Amazon abgewandelten Version von Googles Betriebssystem Android. Es enthält Qualcomms Quad-Core-Prozessor Snapdragon mit einer Taktrate von 2,2 Gigahertz sowie 2 Gigabyte Arbeitsspeicher. Das Handy hat einen 4,7-Zoll großen HD-Bildschirm, eine 2,1-Megapixel-Kamera auf der Vorderseite und eine 13-Megapixel-Kamera auf der Rückseite. Die Version mit 32 Gigabyte wird 199 Dollar mit einem Zweijahresvertrag kosten. Mit 64 Gigabyte Speicher wird das Handy 299 Dollar kosten. Das Smartphone ist ab 25. Juli erhältlich, aber nur in den USA und nur bei AT&T. Ob und wann Amazon seine Smartphones außerhalb der USA einführt, wollte der Konzern auf Anfrage nicht sagen.

Ökosystem aus Hardware und digitalen Medien

Bezos hat mit dem Fire Phone einen weiteren Teil seiner Strategie vorgestellt, mit der die Reichweite seines Konzern über den Computer hinaus erweitert werden soll. Mit mobilen Geräten wie dem Fire Phone oder den Kindle-Fire-Tablets und der Streaming-Box Fire TV kann Amazon Kunden enger an sich binden und ihnen auch dann Produkte verkaufen, wenn sie nicht am Rechner sitzen. Amazon baut wie Apple oder Google ein Ökosystem aus Hardware und digitalen Medien und anderen Produkten auf, das Kunden mitsamt ihrer Kreditkartennummer enger an die Konzerne binden soll.

Ob Smartphone-Nutzer ihre iPhones und Android-Handys für ein Amazon-Gerät aufgeben, wird sich zeigen müssen. Der gesättigte und hart umkämpfte amerikanische Smartphone-Markt wird von Apple beherrscht. Der Konzern kommt Comscore-Schätzungen zufolge auf einen Anteil von fast 42 Prozent. Auf Platz zwei liegt Samsung mit 27 Prozent. Aus Betriebssystem-Sicht dominiert Android, das auf den Geräten zahlreicher Hersteller installiert ist, mit einem Anteil von gut 52 Prozent. iOS wird nur von Apple verkauft, weshalb der Marktanteil des Betriebssystems mit dem der verkauften iPhones identisch ist.

Der Markt ist selbst für erfahrene Technologiekonzerne ein Milliardengrab. Google ist zwar mit dem Betriebssystem Android erfolgreich, kommt aber mit eigenen Smartphones wie dem gescheiterten Nexus One nicht vom Fleck. 2011 übernahm Google den in die Jahre gekommenen Handy-Pionier Motorola Mobility für 12,5 Milliarden Dollar und verkauft ihn jetzt schon wieder für lediglich 2,9 Milliarden Dollar an Lenovo. Der einstige Smartphone-Marktführer Blackberry kämpft ums Überleben. Der Software-Gigant Microsoft kommt mit seinem Betriebssystem Windows Phone gerade einmal auf knapp vier Prozent Marktanteil weltweit, und hofft nun auf den vollzogenen Zusammenschluss mit Nokias Handysparte.

Bezos ist das egal. Er will nicht mit Hardware Geld verdienen, sondern Nutzer in die Amazon-Welt lotsen. Dafür ist er auch bereit, Verluste bei der Hardware hinzunehmen. "Wir wollen Geld verdienen, wenn die Leute unsere Geräte nutzen, nicht wenn sie unsere Geräte kaufen", sagte der Amazon-Chef lange vor Ankündigung seines ersten Handys.

Bislang strafen Investoren den Hoffnungswert Amazon nicht ab für die Bereitschaft, für enorme Investitionen in das Umsatzwachstum die Gewinne zu opfern. Die Kunst eines Unternehmens ist laut Bezos, so effizient zu sein, dass es sich niedrige Preise leisten kann. Bislang funktioniert das bei Amazon aber nicht immer. Die Gewinnmarge des Konzerns ist in den vergangenen Jahren bei wachsendem Umsatz gesunken, im jüngsten Quartal betrug sie weniger als ein Prozent. Zwar wurde bei einem Umsatz von knapp 20 Milliarden Dollar ein kleiner Gewinn in Höhe von 108 Millionen Dollar erwirtschaftet. Aber im laufenden Quartal könnte wieder ein Verlust anstehen, warnte Amazon, und zwar bis zu 455 Millionen Dollar. Das hat den Enthusiasmus der Wall Street dann doch ein wenig gedämpft. Der Kurs der Amazon-Aktie, der im Januar den Höchstwert von 408 Dollar erreichte, hat mittlerweile rund 20 Prozent verloren.