Yo ist eine hochminimalistische Kommunikationsapp. Nutzer können einander in beliebigen Lebenslagen die Grußformel "Yo" übermitteln. Mehr nicht. Ein Yo als "Ich denke an dich", ein Yo als "Guten Morgen", ein Yo als ... nun, den Kontext machen die Nutzer unter sich aus. Die App beherrscht nur dieses eine Wort. Dennoch entwickelt sie sich gerade von einem Aprilscherz zu einem ernsthaft betriebenen Start-up. Eines, das für seine weitere Expansion eine Million Dollar Seed-Finanzierung einsammeln konnte.

In sozialen Medien und Blogs ist nun eine Diskussion darüber entbrannt, inwieweit eine siebenstellige Kapitalspritze für ein so trivial erscheinendes Ein-Feature-Produkt zeigt, dass aus der bloßen Überhitzung des Sektors endgültig eine Blase geworden ist. Derartige Mutmaßungen besitzen gerade ohnehin Hochkonjunktur.

Nach Bekanntwerden der Yo-Finanzierungsrunde gab es zunächst reihenweise zynische Kommentare. Nun aber folgen mahnende Worte von Beobachtern, die darauf hinweisen, dass man neuartige Kommunikationskonzepte nicht voreilig verurteilen sollte. Marc Andreessen produzierte einen seiner mittlerweile berühmt-berüchtigten "Tweetstorms" und verwies auf zahlreiche Alltagsbeispiele, in denen sich die "One Bit"-Kommunikation über Yo als praktisch und massentauglich erwiesen habe. Ciarán O’Leary, Partner bei der Berliner Venture-Capital-Gesellschaft Earlybird, pflichtete ihm bei

Natürlich haben O’Leary und Andreessen recht, wenn sie die vorschnelle Ablehnung von eigenwillig wirkenden sozialen Apps infrage stellen. Auch zehn Jahre nach dem Aufkommen der ersten ernstzunehmenden sozialen Netzwerke ist unklar, welche Faktoren dafür sorgen, dass Anwendungen wie Twitter, Instagram, WhatsApp oder Snapchat eine kritische Masse und Netzwerkeffekte generieren – während so viele Konkurrenten untergingen, obwohl sie sich nur in Details von den erfolgreichen Apps unterschieden.

Dennoch ist die Skepsis von Außenstehenden und auch manchen in der Webwirtschaft als erste Reaktion auf plötzlich im Rampenlicht stehende, von Techmedien "hochgeschriebene" Social Apps verständlich. Bis zu einem gewissen Grad ist es eine Schutzmaßnahme: Es gilt, Zeit und Energie nicht bedeutungslosen Neulingen zu widmen, die so schnell verschwinden wie sie gekommen sind.

Branchenkennern fehlt oft das Gespür für die Bedürfnisse der Nutzer

Statistisch gesehen ist fast jede Social-Web-App zum Scheitern verurteilt. Auf ein Facebook, Tumblr oder Pinterest kommen Tausende soziale Netzwerke, Chat-Apps und Publishing-Plattformen, die mit gewaltigen Zielen ins Web gehievt wurden, aber nie auf nennenswerte Resonanz stießen. Viele dieser Anbieter blieben weitgehend unbemerkt. Manche aber wurden zumindest für einige Tage oder Wochen als Kandidaten für das nächste große Ding gehandelt.

Welche Social App zum Shootingstar und Publikumsliebling avanciert, können auch die kompetentesten, erfahrensten Technologie- und Branchen-Kenner nicht sicher vorhersagen. Eher im Gegenteil: Ihre Filterblase und das manchmal schwach ausgeprägte Verständnis für die Befindlichkeiten von Otto-Normal-Nutzern und Jugendlichen hindern sie gelegentlich daran, rechtzeitig die richtigen Trends zu identifizieren. Dabei sind vor allem junge Nutzer eine wichtige Zielgruppe. Viele der Apps mit der größten Anziehungskraft der vergangenen Jahre tauchten erst ernsthaft auf dem Radar der Technikmedien auf, als sie in ihrer Kernzielgruppe bereits über den Tipping Point hinaus waren. Pinterest gehört dazu, Snapchat, WhatsApp, Whisper oder auch Ask.fm.

Für Investoren wie Marc Andreessen oder Ciarán O’Leary aber ist es entscheidend, rechtzeitig auf das beste Pferde zu setzen. Das finden sie nicht zuletzt, indem sie einfach auf viele Pferde parallel setzen. Aus ihrer Sicht ist es kein Drama, mehrfach in Flops zu investieren, solange sie auch bei der vergleichsweise geringen Zahl an echten Erfolgsgeschichten dabei sind.