Im Silicon Valley, wo Menschen wie dem Twitter-Mitgründer Jack Dorsey selbst das Herumtragen von drei oder vier Dollarscheinen für einen Kaffee lästig ist, arbeiten Unternehmen seit Jahren an der Abschaffung des Bargeldes. Dorsey hat den mobilen Bezahldienst Square gegründet, es gibt vergleichbare Angebote von anderen aufstrebenden Firmen, von Google und Paypal, von den Mobilfunkkonzernen und seit August auch von Amazon. Nun will auch Apple die Konsumenten dazu bringen, Kreditkarten und Bargeld zu Hause zu lassen und stattdessen überall mit dem Handy oder der Smartwatch zu bezahlen. Beobachter glauben, dass Apple es schaffen könnte, die bislang verschmähten Systeme massentauglich zu machen.

Apple Pay heißt der Dienst, den das Unternehmen am Dienstag in der Nähe seines Hauptquartiers in Cupertino vorstellte. Er wird zentraler Bestandteil des iPhone 6 und der Apple Watch. Beide sind mit einem NFC-Chip (Near-Field Communication oder Nahfeldkommunikation) ausgerüstet. Die Funktechnik ermöglicht drahtlose Verbindungen für den Austausch von Daten über kurze Distanzen von wenigen Zentimetern. Der Kunde hält das mit einem NFC-Chip ausgerüstete Gerät an der Kasse vor ein entsprechend ausgerüstetes Lesegerät und bestätigt die Zahlung mit einem Klick. Im Fall des iPhones geschieht dies per Fingerabdruck auf dem iPhone-Sensor. Laut Apple ist das besonders sicher, weil dann niemand mit einem gestohlenen iPhone einkaufen kann.

Ab Oktober wird Apple Pay verfügbar sein, zumindest in den USA. Der Bezahldienst wird über ein Update in iOS 8 eingeführt, der nächsten Version von Apples mobilem Betriebssystem. Die mit dem kontaktlosen Bezahlverfahren ausgerüstete Smartwatch wird allerdings erst Anfang 2015 auf den Markt kommen. Der kalifornische Konzern versucht, auch die Besitzer der iPhone-Modelle 5, 5C und 5S zu Apple-Pay-Nutzern zu machen und gleichzeitig einen Kaufanreiz für seine mindestens 349 Dollar teure Smartwatch zu liefern: Apple Pay wird auf allen diesen Handys und in Kombination mit der Apple Watch funktionieren. Wann Apple Pay auch in anderen Ländern funktionieren wird, verriet Apple zunächst nicht.

Die iPhone-Besitzer können ihre Kredit- und Bankkarten von American Express, Mastercard und Visa einfach mit der Smartphone-Kamera fotografieren und in der Passbook-App ablegen. Sie müssen dann noch bei ihrer Bank nachweisen, dass es wirklich ihre Kreditkarte ist, dann wird sie zu Apple Pay hinzugefügt. Genauere Angaben zu diesem Vorgang machte Apple am Dienstag nicht. Wer seine Kartendaten bereits in iTunes gespeichert hat, kann auch einfach die entsprechende Karte auswählen.

Kreditkartendaten werden nicht auf dem Gerät gespeichert

Laut Apple sollen Nutzer bald in insgesamt 220.000 Niederlassungen von McDonald’s und Subway, in den Drogeriemärkten Walgreens und Sephora, im Baumarkt und sogar in Disney World mit Apple Pay bezahlen können. Auch in dafür optimierten Apps sind Zahlungen mit Apple Pay möglich, beispielsweise bei Uber. Der Fahrdienst verlangt dann nicht einmal die Einrichtung eines Uber-Kontos.

Apple legt nach eigenen Angaben viel Wert auf die Sicherheit und den Schutz der Privatsphäre – eine Anspielung auf Anbieter wie Amazon oder Google, wo Daten zu Käufen gespeichert und weiterverwendet werden. Kreditkartennummern werden laut Apple weder bei Apple noch auf dem Gerät gespeichert. Stattdessen werde eine "einmalige Geräte-Kontonummer zugewiesen, verschlüsselt und sicher in einem speziellen Chip auf dem iPhone oder der Apple Watch gespeichert, den Apple "Secure Element" nennt. Jeder Zahlungsvorgang wird mit einer einmaligen Nummer autorisiert, welche die Geräte-Kontonummer nutzt. Apple verwendet nicht den Sicherheitscode auf der Rückseite der Kreditkarte, vielmehr erzeugt Apple Pay einen dynamischen Sicherheitscode, um einen Zahlungsvorgang zu bestätigen.

Vertrauen in Apple trotz iCloud-Hacks?

Die Kassierer sähen weder die Kartennummern noch die alten Sicherheitscodes, was die Wahrscheinlichkeit des Missbrauchs verringere, sagte Apple-Manager Eddy Cue. Und weiter: "Apple sammelt keinerlei Kaufhistorie, wir wissen also nicht, was und wo gekauft oder wie viel dafür bezahlt wurde. Und wenn das iPhone verloren geht oder gestohlen wird, können Zahlungen von diesem Gerät umgehend mit Hilfe von Find my iPhone ausgesetzt werden", sagte Cue weiter. Dabei müssen die hinterlegten Kreditkarten nicht gesperrt werden, denn Apple Pay basiert ja nicht auf der Kreditkartennummer und dem Sicherheitscode auf der Rückseite.

"Wir sind komplett abhängig von den sichtbaren Kartennummern und den antiquierten und anfälligen Magnetstreifen", sagte Apple-Chef Tim Cook. "Wir alle wissen, dass diese nicht sehr sicher sind." Offenbar geht er davon aus, dass seine Kunden trotz gehackter iCloud-Konten von Prominenten auf Apples Sicherheitsmaßnahmen vertrauen.