Twitter will nicht mehr nur Lieferant eines einzigen Produkts sein, einer Anwendung, die für viele Menschen immer noch schwer verständlich oder schlicht irrelevant ist. Um sein Geschäft auszubauen, versucht Twitter nun, integraler Bestandteil möglichst vieler Apps und auf diesem Weg allgegenwärtig im Leben von Smartphone-Besitzern zu werden. In vielen Fällen dürften diese von Twitters Anwesenheit gar nichts merken.

Den ersten Teil dieser Strategie stellte Twitter-Chef Dick Costolo am Mittwoch auf der Twitter-Entwicklerkonferenz in San Francisco vor. Es handelt sich um eine neue Plattform namens Fabric, mit der die Entwicklung von Apps leichter werden soll. Fabric enthält praktische Werkzeuge für teils kostspielige Probleme, mit denen fast alle App-Entwickler kämpfen: Wie beseitigt man Fehler, die zum App-Absturz führen, wie macht man sich angesichts der mehr als zwei Millionen Apps für Android- und iOS-Geräte bei Nutzern bemerkbar, wie erwirtschaftet man mit einer App Umsatz und wie bestätigt man die Identität der Nutzer auf mobilen Geräten?

Entwickler von der Ein-Mann-Bude bis hin zu Unternehmen wie McDonald’s, Spotify oder News Corp bekommen Fabric kostenlos, im Gegenzug integrieren sie Twitter-Werkzeuge in ihre Apps, die von Millionen Menschen genutzt werden. "Wenn wir Werkzeuge anbieten, die alle Entwickler toll finden und die sie ganz einfach in ihre Apps integrieren können, wird sich das für uns bezahlt machen", sagt Jeff Seibert, Chef von Twitters mobiler Plattform, im Gespräch mit ZEIT ONLINE am Rande der Entwicklerkonferenz.

Mat Honan von Wired vergleicht Fabric dagegen mit einem Trojanischen Pferd. Selbst wer den Dienst Twitter nicht nutze, werde ständig das Unternehmen Twitter benutzen, schreibt er. Mit einer feindlichen Invasion hat das allerdings wenig gemeinsam.

Den Anfang für den Wandel hin zum Anbieter einer umfangreichen Entwicklerplattform machte Twitter mit dem Kauf des von Seibert selbst gegründeten Start-ups Crashlytics. Als Twitter die Übernahme im Januar 2013 ankündigte, war unklar, wie der Spezialist für Absturz-Analyse-Tools und das soziale Netzwerk zusammenpassen sollen. Mit der Einführung von Fabric wird klar: Analyse-Werkzeuge und die ebenfalls 2013 von Twitter gekaufte Anzeigenplattform MoPub sind wichtige Elemente, mit denen Twitter viele App-Entwickler für sich gewinnen könnte. Mit MoPub können Entwickler ohne viel Aufhebens mobile Werbung in ihre App einbauen. Twitter bekommt einen Anteil an den Werbeumsätzen aus potenziell Hunderttausenden Apps.

Digits soll Passwörter für Apps ersetzen

Das wohl auffälligste Fabric-Element, das Entwickler in ihre App einbauen sollen, heißt Digits. Damit können Nutzer mit ihrer Handynummer ein Konto bei einem neuen App-Anbieter eröffnen. Sie tippen im Login-Fenster ihre Handynummer ein und erhalten wenig später per SMS einen einmal gültigen Bestätigungscode, den sie für die Anmeldung bei der App angeben. Einige Apps wie etwa WhatsApp verwenden diese Art der Anmeldung und Verifizierung längst. Nun will Twitter sie mit Digits zum Standard machen. Sie soll die etwa in den USA weit verbreitete App-Anmeldung mit einer E-Mail-Adresse und einem Passwort oder einem Facebook-Konto ablösen. 

Bei diesem Vorgang übersehen Nutzer womöglich den kleinen Hinweis, dass die Kontoeröffnung von Digits – "powered by Twitter" – abgewickelt wird. Digits wird nicht als Twitter-Funktion vermarktet, sondern als eigenständiges Produkt mit einer eigenen Webseite. Ob und wann sich neue Twitter-Nutzer mit Digits bei Twitter selbst anmelden können, wollte Manager Seibert nicht sagen.