Screenshot von "Nuzzel" © Nuzzel

Der Großteil der Nachrichten, die mich über den Tag erreichen, sind Lärm: Sie haben nichts mit mir zu tun, haben keinen Einfluss auf mein Leben, regen mich oft nicht einmal zu einer Reaktion. Und trotzdem kann ich als News-Junkie nicht anders, als sie zu lesen, in der Hoffnung, doch erleuchtet zu werden.

Die Diagnose meines Arztes, die Mail über eine erfolgreiche Bewerbung, der Anruf eines Freundes, dass er Vater wird oder die SMS meiner Mutter, dass sie gut gelandet ist – das sind Nachrichten, die mich bewegen. Manchmal gehört das Wetter dazu (Sturmwarnung? Dann schnell weg hier) oder Verkehrsnachrichten (Streik? Nee, dann lieber daheim bleiben). Meist aber kommt relevante Information von denen, die mir nahestehen oder ganz genau wissen, was mich bewegt.

Gegen diese Insider sind Journalisten blinde Hühner in einem Maislabyrinth. Scheinbar wahllos picken sie Nachrichtenkörnchen und spucken sie wieder aus, in der Hoffnung, dass die Geräusche irgendjemandem helfen, ein bisschen Licht ins allgemeine Dunkel zu bringen. Nur wenige finden das sprichwörtliche Korn, das mich weiterbringt und das auch nur selten. Wie auch? Schließlich machen sie die Nachrichten nicht speziell für mich (Moment, wieso eigentlich nicht?).

Nachrichten-Apps sollen den Lärm filtern und aus der Informationsflut das fischen, was mich bewegt. Die Idee von Nuzzel klingt, anders als der Name der App, ansprechend. Mit Nuzzel soll ich die "Top-Nachrichten" meiner Freunde entdecken, ohne in der Flut an Statusmeldungen, Babyfotos und Nachrichten zu ertrinken. Endlich nicht mehr verpassen, was wirklich wichtig ist. Nuzzel gibt es gratis für iOS und Android.

Die "Top-News" sind nur so gut wie die Freunde

Ich verbinde mein Twitter- und mein Facebookkonto mit Nuzzel und die App mit dem kleinen blauen Igel-Logo liefert mir erstmal: Nichts! Das ist entweder einer der Fehler, von denen ich in den Nutzerbewertungen gelesen habe, oder in den letzten 24 Stunden ist tatsächlich nichts Wichtiges passiert. Am Vortag sieht es besser aus. Die Top-Nachricht haben acht Menschen geteilt. Dass es sich dabei um eine Pressemitteilung des Axel-Springer-Verlags handelt, die mich kalt lässt, kann ich der App nicht ankreiden.

Spätestens jetzt wird aber ein Konstruktionsfehler klar: Meine "Top-News" sind nur so gut wie meine Freunde. Die schreiben mir nicht über Facebook und Twitter. Sie rufen an, schicken E-Mails, SMS oder andere Nachrichten. Facebook nutze ich für Bekanntschaften, Twitter für Nachrichtenmedien, Politiker und besonders Journalisten. Kein Wunder, dass die Liste meiner Nuzzel-Nachrichten im eigenen Saft kocht. Die App liefert mir "Trending Topics" der Medien-Branche. Bei Twitter kann ich Trends bisher nur lokal filtern.

Um den Artikel zu lesen, leitet die App mich zur Originalseite, aus der App heraus kann ich dafür direkt in die Unterhaltung einsteigen, Tweets weiterleiten, auf Facebook kommentieren und Artikel in Späterlesen-Apps wie Pocket speichern. Außerdem erfahre ich, was "Menschen, denen diese Geschichte gefallen hat", noch so gelesen haben.

Standort spielt keine Rolle

Eine weitere Funktion präsentiert mir Geschichten, die ich verpasst haben könnte (ja, habe ich). Damit das nicht mehr passiert, aktiviere ich die Benachrichtigungen. Teilen wahlweise drei oder fünf oder sieben Nutzer einen Link, meldet sich Nuzzel auf dem Handy. Das ist hilfreich, wenn ich selbst keine Zeit habe, das Netz zu durchforsten.

Einfluss auf die Themen habe ich nur über meine Kontakte. Wo ich bin, spielt keine Rolle, und so bekomme ich keine Informationen aus der derzeitigen Heimat New York. Auch gezielt bestimmte Themen zu verfolgen, wie etwa bei der Nachrichtenapp Circa, ist nicht möglich. In meinen Twitterlisten habe ich für den besseren Überblick Menschen aus Wirtschaft, Politik und Journalismus nach Themenfeldern getrennt. Für Nuzzel zählt aber die Masse – wie oft ein Link geteilt wird, entscheidet darüber, ob auch ich ihn zu sehen bekomme. Was mich sonst noch interessiert hätte, kriege ich so doch nicht mit, anders als versprochen.

Nur die Top-News und nichts verpassen klingt also weiterhin zu schön, um wahr zu sein. Ich muss wohl weiter selber filtern.