Wann war das nochmal genau? Eine Begegnung, ein Urlaub, ein Besuch – die Erinnerung verblasst schnell. Und dabei sollte doch jeder Tag etwas Besonderes sein. Tagebuch schreiben würde da helfen. Aber mal ehrlich: Wer macht das noch? Schreiben, am Ende noch handschriftlich? Das 21. Jahrhundert will Action, Bilder, Emotionen. Und die gibt es mit der App 1 Second everyday.


Die Idee dahinter ist, jeden Tag eine Sekunde auf Video aufzunehmen. Etwas, das diesen einen Tag ausmacht. So entsteht in den 30 Tagen, in denen die App zumindest für Android kostenlos ist (Folgepreis 99 Cent, für die iOS-Version werden die sofort fällig), immerhin schon ein Videoclip von einer halben Minute. Das Leben in 30 Sekunden abgebildet. Das sollte zumindest so sein.

Ich stoße allerdings schon an Tag eins auf mein erstes Problem: Eine Sekunde soll charakteristisch für meinen ganzen Tag sein? Schwierige Wahl. Mein erster Clip zeigt Touristen, die sich um den Charging Bull am Broadway in New York drängen. Doch schon am selben Tag überlege ich, das Video zu ersetzen. Man sieht nicht wirklich viel, außer viele Leute und eine amerikanische Flagge. Das Originalvideo geht knapp 10 Sekunden. Gar nicht so einfach, daraus eine Sekunde zu machen.

App-Gründer Cesar Kuriyama erklärt auf der Website, dass er das Projekt begann, um ein besonderes Jahr zu dokumentieren. Jeden Tag eine Sekunde. Er kündigte seinen Job, begann zu reisen und mehr Zeit mit Familie und Freunden zu verbringen. Daraus entstand ein Film, der im Internet auf gutes Feedback stieß. So gut, dass er diese Idee für jeden möglich machen wollte. Daraus entstand die App.

Lückenloses Leben

Was Kuriyama bei seinem ersten Film besonders ärgerte: An zwei Tagen vergaß er, ein Video aufzunehmen. Seine Begründung: Es sei wohl einfach nichts Aufregendes passiert. Die Lücke, so der App-Entwickler, erinnere ihn dafür ab jetzt immer daran, dass jeder Tag etwas Besonderes sein sollte.

Mit 1 Second everyday kann das kaum passieren. Die App erinnert zu festen Zeiten daran, dass noch keine Aufnahme gemacht wurde. Außerdem gibt es die Möglichkeit, Videos und Bilder im Nachhinein hinzuzufügen. Allerdings natürlich nur die, die man auch an dem entsprechenden Datum aufgenommen oder empfangen hat. Nachträglich eingefügte Fotos machen aber ohnehin nur halb so viel Spaß wie richtige Videos.

Erlebtes mit anderen teilen

Man lernt deshalb schnell, keinen Tag mehr zu versäumen. Und man beginnt, viel mehr zu filmen. Schließlich soll genau die perfekte Szene nicht verpasst werden. Mehr als 100.000 Downloads der App und zahlreiche Videos auf dem Portal und auf unterschiedlichen Videoportalen dokumentieren das Suchtpotenzial von 1 Second everyday.

Selbst Stars wie Drew Barrymore nutzen die App bereits, um die Entwicklung ihrer Kleinkinder zu dokumentieren. Es geht nämlich auch darum, die Erlebnisse mit anderen Nutzern zu teilen. Und natürlich im Gegenzug deren Clips zu schauen. Auf der Webseite findet man genug Inspiration, wie viel in einer Sekunde erzählt werden kann. Zu sehen sind Orte, die die Hobbyfilmer besucht haben, Menschen, Gesten, Momente – und die ganz kleinen Dinge, die diesen einen Tag zu einem besonderen machen.

Mit 1 Second everyday beginnt man nicht nur, diese Situationen zu erkennen, und wertzuschätzen, man sammelt sie auch und hat bereits nach wenigen Tagen den ersten Clip, den es sich lohnt, anzuschauen. Und dann gibt es ja noch die Option, ein zweites Projekt zu öffnen. Man könnte ja neben seinem Leben auch sein Essen dokumentieren oder seine Outfits oder Haustiere. Babys wurden ja bereits erwähnt. Die Phantasie der Nutzer ist grenzenlos. Viele nutzen ein Sabbatical als Anlass, ein Projekt zu starten. Häufig zeigen die Videos aber auch den Zeitraum von Geburtstag zu Geburtstag oder Neujahr bis Neujahr. Wann auch immer man damit beginnt und was auch immer man filmen will: Es besteht Suchtgefahr.