Eine Frau setzt die Datenbrille auf – oder ab. © Andreas Gebert / DPA

Irgendetwas stimmte nicht mit Google Glass. Man sah die Datenbrille in vergangener Zeit kaum noch. Nicht einmal die sonst auf mediale Wirkung geeichten Google-Manager hatten in der Öffentlichkeit noch die Brillen auf der Nase. Viele vermuteten Probleme des Projekts.

Das hat Google nun in einem Blog-Eintrag bestätigt. Google hat entschieden, die Datenbrille ab dem 19. Januar 2015 nicht mehr zu verkaufen. Das klingt nach Einstellung des Projekts, aber es ist ein Neuanfang. Denn es geht zwar nicht weiter wie bisher, aber dafür anders. Die Datenbrille wird nicht länger von der Abteilung Google X entwickelt. Google X forscht an Zukunftsprojekten wie zum Beispiel dem autonom fahrenden Auto. Künftig wird der frühere Apple-Manager Tony Fadell das Google Glass Projekt in einer regulären Abteilung führen.

Fadell gilt als erfahrener Mann. Er hat bei Apple maßgeblich den iPod und das iPhone mitentwickelt. Durch die Übernahme des Geräteherstellers Nest kam Fadell zu Google. Nest entwickelt Thermostate und Rauchmelder für das intelligente Haus. Google hatte die Firma im vergangenen Jahr für drei Milliarden Dollar übernommen. Fadell wollte zunächst bei Nest weiterarbeiten, nun löst er Ivy Ross bei Google Glass ab, die jedoch weiterhin das operative Geschäft betreut.

Kritik wegen Verletzung der Privatsphäre

Die vermeintliche Einstellung ist also ein Schritt nach vorn. Und dieser ist auch nötig. Seit der Vorstellung von Google Glass im Frühjahr 2012 gab es neben Bewunderung vor allem viel Schelte. Es folgten medienwirksame Auftritte von Stars mit der Brille auf der Nase. Im Rahmen eines Testprogramms verkaufte Google die Brille an Tester zum Preis von 1.500 US-Dollar.

Trotzdem begegneten viele der Datenbrille mit Skepsis statt Euphorie. Dies hing zum einen mit dem gewöhnungsbedürftigen Design der ersten Brillen zusammen. Schwerer wog jedoch eine Funktion der Brille. Google Glass kann alles und jeden mit seiner eingebauten Kamera aufnehmen. Für zusätzlichen Zündstoff sorgten Programme wie NameTag, das eine Gesichtserkennung ermöglicht und in Verbindung mit der Brille eingesetzt werden kann. Viele fühlten sich dadurch in ihrer Privatsphäre verletzt. In den Vereinigten Staaten ging das geflügelte Wort Glassholes herum.

Google fand darauf bis zuletzt keine Antwort. Einzig eine rote Diode sollte anzeigen, wann die Brille ihre Umgebung filmt. Eine öffentliche Debatte über Probleme des Datenschutzes fand nicht statt. Google hat dabei wohl auf die Macht des Faktischen gesetzt: Ist das Gerät erst einmal im Umlauf, werden sich die Probleme in Luft auflösen. Das ist durchaus plausibel. Menschen äußern regelmäßig Bedenken gegenüber neuer Technik und passen Verhalten und Regeln dann darauf an. So geschah es vor Jahren auch bei den ersten Handys mit Fotofunktion.

Ist Google für einen Neuanfang gerüstet?

Durch die Passivität von Google fühlten sich aber viele mit ihren Sorgen nicht ernst genommen. Das Projekt spürte immer mehr Druck. Zuletzt konzentrierten sich die Entwickler von Google Glass deshalb stärker auf die Arbeitswelt als auf den Konsumentenmarkt. Ausdruck dessen ist das Programm Glass at Work. Und eine mögliche Zukunft von Google Glass könnte tatsächlich in Unternehmen sein. Besonders die Automobilbranche versucht die Brille für sich nutzbar zu machen. BMW testet die Datenbrille etwa bei der Fehlerkorrektur. Die Kontrolle der Arbeiter wird dabei auf Video festgehalten.

Ein anderes Beispiel ist der Zulieferer Bosch. In dem Unternehmen testet man seit dem vergangenen Jahr Datenbrillen für die Arbeiter in der Logistik. Dabei kommen allerdings nicht die Brillen von Google zum Einsatz. Bosch setzt vielmehr auf die Brillen der Firma Vuzix. Diese seien stabiler und für den Industriegebrauch gemacht, berichten Bosch-Mitarbeiter. Die Vuzix-Brille ist darüber hinaus mit rund 1.000 US-Dollar auch wesentlich günstiger als das Google-Modell.

Google hat auf derlei Konkurrenz bislang keine Antwort gefunden. Die Brillen kämpfen stattdessen mit Überhitzung und geringen Akkulaufzeiten. Beides ist für den Einsatz in Unternehmen schlecht. Auch auf dem Konsumentenmarkt ist die Konkurrenz erheblich gewachsen. Nahezu jeder Technologiekonzern hat eine eigene Brille im Programm. Zuletzt zeigte Sony eine neue Datenbrille auf der Consumer Electronics Show in Las Vegas.

Welche Strategie Google nun fährt, ist nicht bekannt. Gegenüber dem Technologie-Blog TheVerge sagte der neue Manager Fadell, die ersten Versuche mit Glass hätten gezeigt, was für Verbraucher und Unternehmen wichtig sei. Danach ist auch denkbar, dass Google sowohl für Unternehmen als auch Private weiterentwickelt wird. Über ein neues Modell der Datenbrille wird bereits spekuliert.