Vorgestern wollte mich eine Anzeige in der U-Bahn davon überzeugen, meine Augen jemandem zu spenden, der nicht sehen kann. "Eye made the decision" stand dort neben einer glücklichen, jungen Amerikanerin, die ihre Augen ganz offensichtlich noch hatte. Ich finde Organspende sehr ehrenwert, habe aber Angst, dass mich die Sanitäter im Zweifel praktischerweise lieber gleich liegen lassen, wenn sie meinen Organspendeausweis finden.

Ich teile meine Augen deshalb lieber. Das geht jetzt ganz einfach und schon zu Lebzeiten. Die App Be My Eyes bringt Blinde und Sehende zusammen. Bei der Anmeldung gibt man an, ob man sehen und helfen kann, oder blind ist und Hilfe sucht. Blinde Nutzer bedienen das Programm mittels der in iOS enthaltenen Gestensteuerung namens VoiceOver. Nach der Anmeldung bei Be My Eyes sind die eigenen Augen im Pool gespeichert und stehen den derzeit rund 10.500 blinden Nutzern zur Verfügung.

Haben die eine kleine Alltagsfrage, pingt die App nach und nach eine Auswahl der 119.000 angemeldeten Sehenden an. Ist die Milch über dem Haltbarkeitsdatum? Ist der linke oder der rechte Karton der Orangensaft? Welches Kabel ist rot, das linke oder das rechte? Wer immer gerade Zeit hat, beantwortet die Frage. Beide Nutzer werden per Videochat verbunden, sodass der freiwillige Helfer kurzerhand durch das Alltagsdickicht lenken kann. Mehr als 30.000 Fragen sind so bereits beantwortet worden.

Wer zögert, bekommt kein Karma

"Ich habe die Hoffnung, dass wir als Online-Community einen Unterschied machen können im Leben blinder Menschen rund um die Welt", so Gründer Hans Jørgen Wiberg aus Kopenhagen. Der Däne leidet selbst unter einer Sehbehinderung und stellte die App erstmals im April 2012 auf einem Start-up-Event vor. Be My Eyes ist ein Non-Profit-Start-up, der Code ist Open Source, also frei einsehbar und überprüfbar. Jeder, der kann und will, kann die App verbessern, erweitern und in weiteren Sprachen verfügbar machen.

Einmal werde auch ich gefragt: "Markus braucht Hilfe." Eine Sekunde zögere ich – ich sitze gerade am Schreibtisch im Büro, und die Vorstellung, gleich mit einem bis dahin völlig Fremden verbunden zu werden, macht mich nervös. Aus demselben Grund habe ich mich nie an Chatroulette herangetraut. Aber schließlich kann ich hier etwas Gutes tun, ich überwinde mich und wische nach rechts. "Anfrage bereits beantwortet, danke für deine Hilfe." Jemand war schneller als ich, Markus wurde bereits geholfen. Umso besser.

Es gehört nicht nur Mut, sondern vermutlich auch viel Vertrauen dazu. Denn wer garantiert mir, dass sich auf der anderen Seite niemand einen Scherz erlaubt? Und, noch viel wichtiger: Wer garantiert Markus, dass ich ihm die Wahrheit sage? Letzteres soll mit einem Bewertungssystem verhindert werden, bei dem beide Nutzer nach dem Videochat das Gespräch einstufen. Wer sich nicht benimmt, wird ausgeschlossen.

Wer dagegen dabeibleibt und zuverlässig hilft, sammelt Punkte. In der App – und auf dem Karma-Konto.

Be My Eyes gibt es gratis für das iPhone und soll bald auch auf Android-Geräten laufen.