Die gute Nachricht vorab: Nach der ersten Testwoche habe ich noch genauso viele Freunde wie vorher. Das war nicht gesagt. Denn schließlich werden meine Freundschaften seit ein paar Tagen gnadenlos von emotionslosen Algorithmen überwacht. Wie lange ich jemanden kenne, wie viel Zeit ich mit ihnen verbringe: All das spielt für pplkpr (gesprochen: people keeper) keine Rolle.

Denn für die App ist nur eines entscheidend: Wie fühle ich mich, nachdem ich jemanden getroffen habe. Regt mich ein Freund in Wahrheit viel mehr auf, als ich mir das eventuell eingestehen will? Raubt mir ein anderer Energie, die ich eigentlich nicht zu verschenken habe? Und bin ich in einen Dritten eventuell heimlich verliebt, ohne dass ich das selbst merke?

All diese Fragen will das Programm beantworten. Dafür setzt pplkpr im Idealfall auf die Unterstützung eines Herzfrequenzmessers. Der sendet den Herzschlag an die App, wo er auseinandergenommen und auf Veränderungen hin analysiert wird. Geht er plötzlich hoch und wechselt man obendrein auch noch den Ort, meldet sich pplkpr zu Wort: Wen hat man gerade getroffen, und wie fühlt sich das an? Die lernfähigen Algorithmen merken sich, wie sich das eigene Herz bei bestimmten Emotionen verhält – und entwickeln so nach und nach ein Ranking der eigenen Beziehungen.

Die falschen Freunde werden gleich aus dem Adressbuch gelöscht

In meinem Fall muss ich mich auf meine eigenen Interpretationen verlassen, denn einen Herzfrequenzmesser besitze ich nicht. Also horche ich nach einem Treffen genau in mich hinein und versuche zu ergründen, ob und wie ich mich anders fühle. Ich klicke auf die kleine Tür auf dem Display, gebe einen Namen ein und wähle aus einer Reihe von Standardgefühlsregungen: aufgeregt, erregt, sauer, verängstigt, nervös, gelangweilt, entspannt.

Aus den gespeicherten Informationen zieht die App Konsequenzen, die wir uns selbst vielleicht nicht zugetraut hätten. Tut uns jemand gut, leitet pplkpr gleich das nächste Treffen ein und tippt die passende Textnachricht schon mal vor. Macht uns jemand anderes dagegen regelmäßig nervös oder ängstlich, legt einem die App nahe, den Kontakt aus dem Adressbuch zu entfernen und die Freundschaft auf Facebook zu kündigen.

Ausleger der Quantified-Self-Bewegung

Mit pplkpr wollen die New Yorker Lauren McCarthy und Kyle McDonald die Quantified-Self-Bewegung auf die Außenwelt anwenden. Nicht mehr nur die eigenen Schritte, der eigene Schlaf und die eigenen Körperfunktionen werden protokolliert, sondern eben auch die Freundschaften und Bekanntschaften auf Kosten und Nutzen abgeklopft. Das Ziel bleibt dasselbe: Mithilfe von Technologie sollen wir lernen, gesündere Entscheidungen zu treffen.

"Ich habe gemerkt, dass mich einige Leute wirklich sauer machen", gibt eine Test-Studentin im Video auf der Website an. "Plötzlich dachte ich, vielleicht sollte ich mit Marc nicht so viel Zeit verbringen, vielleicht ist er in Wahrheit ein ziemlicher Idiot." Und eine andere Nutzerin erzählt, dank der App sogar ihren Freund gefunden zu haben, weil die Algorithmen den Herzschlag schneller bemerkt hätten als sie selbst.

Online hätten wir inzwischen ein ganz gutes Gefühl dafür, wie unsere Beziehungen funktionieren, was wir mögen und was nicht, erklärt Kyle McDonald. Schließlich könnten wir dort liken und retweeten. Auf persönlicher Ebene sei das für viele aber deutlich schwieriger. Ob die Kontakte, mit denen man sich trifft, auch von anderen Nutzern schon blockiert worden sind, verrät das Programm dabei nicht. Auch die Frage, wie häufig man selbst auf der schwarzen Liste landet, bleibt – zum Glück – unbeantwortet.