Das Leben in New York City ist teuer. Vor allem, wenn man dort mit wenig Geld auskommen muss. So wie ich, geringverdienende Journalistenschülerin auf Big Apple Mission. Trotzdem möchte ich mobil erreichbar sein, chatten, Fotos posten. Und das am besten günstig, einfach, und ohne extra für einen Kurzaufenthalt einen Mobilfunkvertrag abzuschließen. Zum Glück gibt es in Manhattan und Brooklyn viele kostenlose Hotspots in Bars und Cafés. Da muss man allerdings oft etwas kaufen, um an das begehrte Passwort zu gelangen. Und weil sich viele Nutzer einen Zugang gleichzeitig teilen, lässt die Geschwindigkeit – wie zu erwarten – zu wünschen übrig.

Die App FireChat will Abhilfe schaffen und verspricht ein Kommunikationstool, bei dem nicht jeder einzelne Nutzer einen Internetanschluss oder Datentarif braucht, um online zu gehen. Und das geht in der Theorie so: Mit einer Art Schneeball-System, dem sogenannten Mesh-Netz, werden die User der App miteinander verbunden. So werde auch ich zu einem Datenknoten und bilde mit anderen FireChattern ein eigenes Datennetz, über das wir kommunizieren können.

Das Prinzip ist das Gleiche, wie es etwa die Freifunker in Deutschland nutzen. Die Umsetzung aber ist anders: FireChat möchte weniger freies Internet für alle anbieten, sondern in erster Linie ein zusätzliches Datennetz zur Kommunikation schaffen. Nutzer, die sich in der Nähe aufhalten, werden dabei direkt miteinander über Bluetooth oder WLAN verbunden. So können dann in Echtzeit Nachrichten verschickt werden, indem sie von einem Nutzer an den anderen weitergereicht werden. Ein Internetzugang ist mit der App also nicht zwingend für jeden Nutzer notwendig.

Ohne Nutzer kein FireChat

Das ersetzt noch keinen klassischen Hotspot, aber es hat einige Vorteile. Wo es sonst immer wieder zu Unterbrechungen in der herkömmlichen mobilen Kommunikation kommt, etwa durch Funklöcher, werden diese durch das Mesh-Netzwerk der FireChat-Community einfach überbrückt. Voraussetzung ist lediglich, dass sich mindestens ein weiterer FireChat-Nutzer in einem Radius von 60 Metern um mich herum befindet, der wiederum Verbindung zu einem weiteren Nutzer in derselben Reichweite hat. Transatlantische Kommunikation mit meinen Freunden in Köln wäre so zwar immer noch nicht offline möglich. Aber immerhin mit meinen Kollegen und neuen Freunden in New York theoretisch schon. Das entscheidende Wort ist theoretisch.

Nachdem ich mich erfolgreich registriert habe (was nur über eine herkömmliche Internetverbindung möglich ist), verschaffe ich mir einen ersten Eindruck von den offenen Chatrooms, die es hier neben den Privatnachrichten gibt. Erwartungsvoll schalte ich meine mobile Datenverbindung aus und sende eine Nachricht "Hi there – anyone up for a quick chat?" Es sieht zwar so aus, als wäre die Nachricht gesendet, doch niemand antwortet mir. Der zuvor rege Austausch im Chatraum ist verstummt. Klicke ich auf "erkunden", passiert nichts – bis sich nach einiger Wartezeit die Fehlermeldung öffnet: "Es besteht anscheinend keine Verbindung zum Internet". Aber war das nicht der Sinn der Sache?

Okay, ich sitze im achten Stock eines Bürogebäudes am Broadway. Schon möglich, dass sich in meiner unmittelbaren Nähe kein anderer User aufhält. Also begebe ich mich auf die Straßen Manhattans unter Menschen. Wieder klicke ich auf "Erkunden" – wieder dieselbe Fehlermeldung. Irgendetwas scheine ich falsch zu machen. Oder es gibt schlicht und ergreifend doch noch nicht genügend User der App, um ihrer Idee gerecht zu werden. Das bestätigt mir auch der Entwickler Open Garden: "Je mehr Menschen FireChat nutzen, umso besser wird es", heißt es aus San Francisco per E-Mail. "Wir sehen es als unsere Herausforderung, in vielen Gegenden und Gesellschaften der Welt ausreichend vertreten zu sein." 

Einsatz bei Protesten und in Krisengebieten

Dann entfaltet die App im Idealfall ihre volle Wirkung, wie Beispiele aus dem Irak oder Hongkong zeigen. Als die Regierung in Bagdad im vergangenen Jahr zu Beginn der Offensive gegen den IS das Internet lahmlegte, waren auch viele Iraker plötzlich abgeschnitten und konnten sich über ihre Lage nicht mehr austauschen. FireChat sorgte für Abhilfe: Tausende Iraker luden sich die App auf ihre Smartphones und tauschten sich offline aus.

Auch während der Proteste in Hongkong im vergangenen Herbst sei die App innerhalb weniger Tage über 100.000 Mal heruntergeladen worden, sagt FireChat-Mitbegründer Micha Benoliel. Die konnten dann nicht nur untereinander sprechen: Hat jemand einen Onlinezugang, kann er diesen mit anderen FireChat-Nutzern teilen und diese so mit Informationen aus der ganzen Welt versorgen.

Ursprünglich hatten die Entwickler der App vor allem Großveranstaltungen wie den Papstbesuch auf den Philippinen oder Festivals wie Burning Man im Sinn, bei denen aufgrund des hohen Datenverkehrs häufig mal die Leitungen zusammenbrechen. Entsprechend besteht der Kern der App aus dem Hauptchat, der die Menschen vor Ort zusammenbringen soll. Doch man kann auch eigene, themenbasierte Chatrooms eröffnen, die optisch alle ein wenig an die frühen neunziger Jahre erinnern.

Mit dem Hashtag #Kino starte ich eine Gruppe, in der sich Blockbuster-Fans über die neuesten Filme austauschen können. Existiert bereits ein Chatraum mit demselben Hashtag, werden beide zu einem zusammengefügt. Während in den Chats jeder mitlesen kann, versichert die Beschreibung im AppStore: Nutzer haben die Möglichkeit, private Nachrichten zu verschicken, "die dank der End-to-End-Verschlüsselung nur von dir und dem Empfänger gelesen werden können."

Seit die App im März 2014 auf dem Markt kam, hat sie für einige Aufregung gesorgt. FireChat wurde gleich mehrfach ausgezeichnet, die Financial Times sprach anerkennend von "einer neuen Version des Internets". Doch bis die es auch auf die Straßen von Manhattan schafft, werde ich wohl noch eine ganze Weile nach öffentlichen Hotspots suchen müssen.