Meine erste neue Freundin ist Becca aus Alabama. Es ist ihr erster Tag, also fragt sie in die Runde, wer denn eigentlich so hier sei. Ich stehe gerade an einer Kreuzung in Brooklyn, als ich die Kamera anwerfe und einen kleinen Willkommensgruß nach Alabama schicke. Kurz darauf schickt Becca eine kleine Antwort, erzählt, dass sie deutscher Abstammung ist und folgt mir ab sofort.

Wir befinden uns auf Weev, einem Videonetzwerk, in dem sich kleine Botschaften und Gedankenfetzen zu einem weltumspannenden Gespräch zusammensetzen – so eine Art Instagram, bei dem auf Videos eben mit Videos geantwortet wird. "Eine Video-App, die antwortet", beschreibt sich das Start-up selbst. Hier soll man Fragen stellen, Meinungen abgeben oder Ideen in die Runde werfen.

"Wer ist außer mir noch wach?", fragt Jessica aus Wisconsin in meinem Feed in ihrem wenige Sekunden langen Clip. Kurz darauf erhält sie Antworten von "Cheekylicious The Usher" und Kelsey Welch aus Missouri. Zwischen den Dreien enstpannt sich ein nächtliches Gespräch aus kurzen Videoschnipseln, das bald in alle Richtungen abdriftet, bevor die Beteiligten offenbar doch einfschlafen.

"Was ist das merkwürdigste Geräusch, das ihr machen könnt?"

Anders als bei Instagram scheint es den "Weevern" nicht um reine Selbstdarstellung und möglichst viele Herzen zu gehen. Hier sind die Menschen tatsächlich interessiert an dem, was die anderen Nutzer so tun. Viele der kurzen Videos fordern zu kleinen Herausforderungen auf. "Was ist euer liebstes Filmzitat?", fragt zum Beispiel Keon in seinem Drei-Sekunden-Clip und erhält immerhin 58 Antworten. "Was ist das merkwürdigste Geräusch, das ihr machen könnt?", will Ally aus Minnesota wissen.

Ursprünglich hatte Gründer Andrew Sachs die App weniger als Spaß-Netzwerk geplant, sondern vor allem ein Frage-und-Antwort-Werkzeug schaffen wollen. Doch die Nutzer selbst, erzählte er vor wenigen Wochen im Interview mit der Website Mediapost, hätten den Wandel vorangetrieben. "Sie wollen sich vor allem unterhalten."

Und das tun sie ausführlich. Blieben sie in der Beta-Phase vor gut einem Jahr gerade mal vier Minuten auf der App, verbringen die Weever heute im Schnitt 16 Minuten damit, Videos anzugucken und Videos zu versenden.

Jess Amber zum Beispiel ist gelangweilt und will von ihren Mit-Weevern unterhalten werden. Kurz darauf prasseln Dutzende kleine Videos auf sie ein, in denen andere Nutzer seltsame Laute von sich geben, eine Handpuppe rappt oder sie eine Führung durch eine Wohnung im Asia-Design bekommt. Im Hintergrund spielt die App währenddessen einen automatisierten kleinen Marsch.

Comedians wie Jimmy Fallon machen mit

Der Durchschnittsnutzer schaut laut Weev dreimal am Tag vorbei. Längst nutzen auch Promis wie Comedian Jimmy Fallon oder Stan Lee, einer der Erfinder hinter den Marvel-Comics, die App, um sich mit Fans auszutauschen. Zwar sei das Feld mit Social-Video-Apps wie Vine, der Facebook-Antwort Riff und Streaming-Apps wie Periscope und Meerkat prall gefüllt, so Sachs im Interview. "Aber wir befinden uns gerade in den Anfängen und wissen noch gar nicht, was alles wirklich möglich ist."

Im Internet würden sich viele hinter der Anonymität verstecken, die einem viele Apps und Seiten ermöglichen, erklärt er. Gleichzeitig gehe vieles an Kontext verloren, wenn man eben nur mit 140 Zeichen oder ein paar Emojis reagieren könne. "Eine Diskussion von Angesicht zu Angesicht", glaubt Sachs, "ändert den ganzen Ton des Dialogs".

Weev gibt es gratis, bislang nur für iOS.