Das B in Apple steht für Bescheidenheit. Kein anderes Unternehmen der Branche beherrscht die Selbstbeweihräucherung, die Superlative und die Show so gut wie Apple. Das bleibt nicht ohne Wirkung. Mehrere Millionen Menschen haben das iPhone 6s oder 6s Plus bereits vorbestellt, ohne es jemals in der Hand gehabt zu haben. War das voreilig? Nach einigen Tagen mit den beiden neuen Modellen, die am 25. September in den Handel kommen, brauche ich nun ungefähr 2.000 Wörter für meine Antwort.

Das Äußere

Auf den ersten Blick sehen das iPhone 6s und das 6s Plus exakt so aus wie ihre Vorgänger. Sie sind 0,1 bis 0,2 Millimeter länger, breiter und dicker, aber das ist zu vernachlässigen. Sie sind allerdings spürbar schwerer. Das iPhone 6s wiegt 143 Gramm, das sind 14 Gramm mehr als das, was das iPhone 6 auf die Waage bringt. Das iPhone 6s Plus wiegt mit 192 Gramm sogar 20 Gramm mehr als der Vorgänger und ist damit mit Abstand das schwerste Smartphone, das ich je in der Hand und in der Hosentasche hatte. Ein schöner Brocken, aber eben ein Brocken. Das liegt vor allem am Display, wie The Verge herausgefunden hat.

Das Gehäuse ist jetzt aus raumfahrterprobtem 7.000er Aluminium. Die Alu-Zink-Legierung soll wohl ein zweites Bendgate verhindern. Ob das klappt, darf gerne jemand anderes überprüfen.

Update 1: Jemand hat es überprüft. Ergebnis: Das iPhone 6s ist verdammt stabil.

An der Displaygröße und der Auflösung hat sich im Vergleich zum iPhone 6 nichts geändert; die neuen Modelle brechen also keine Pixeldichte-Rekorde. Aber High-End-Smartphones bewegen sich mit ihren ppi-Werten ohnehin seit Jahren in Bereichen, in denen das menschliche Auge praktisch keinen Unterschied mehr erkennen kann. Es kommt also auf andere Qualitäten an: Helligkeit, Kontrast, Farben. Und da ist die Android-Konkurrenz zum Teil an Apple vorbeigezogen, zumindest laut Laborwerten. Im Alltag ist die Situation aber weniger eindeutig. Im Vergleich zu Samsungs hochgelobtem AMOLED-Display im Galaxy S6 etwa zeigt das LC-Display des iPhone 6s Plus Farben etwas zurückhaltender, weniger leuchtend. Man könnte auch sagen: realistischer. Und heller erscheint das Galaxy S6 auch nicht, obwohl es das laut Labortest tun müsste. Das iPhone 6s hat also ein ausgezeichnetes Display, aber sicherlich nicht das insgesamt beste auf dem Markt.

iPhone 6S - Neue iPhone-Modelle von Apple

Die Kamera

Auch hier ist Apple unter Zugzwang geraten: Die Kameras zum Beispiel im Samsung Galaxy S6 und im LG G4 sind denen im iPhone 6 ebenbürtig, mitunter überlegen, wie verschiedene Tester festgestellt haben. Das konnte Apple nicht auf sich sitzen lassen. Die Superlative, Sie wissen schon.

Deshalb hat das iPhone 6s erstmals eine zwölf-Megapixel-Kamera, nachdem Apple sich jahrelang geweigert hatte, den Pixelwettbewerb der Konkurrenz mitzumachen und stets bei acht Megapixeln geblieben und damit gut gefahren war. Mehr Pixel allein garantieren aber noch keine besseren Fotos, zumal sie auf dem Sensor so eng zusammenliegen, dass es zu gewissen unerwünschten Überlappungseffekten beim Lichteinfall kommen kann – Crosstalk genannt. Apple will deshalb einen Weg gefunden haben, die einzelnen Pixel so zu isolieren, dass es keinen Crosstalk gibt. Samsungs Isocell lässt grüßen.

Nach einem zugegebenermaßen nur amateurhaften Vergleich (siehe Fotostrecke) von iPhone 6s, 6s Plus, 6 und Samsung Galaxy S6 habe ich insgesamt den Eindruck, dass sich Apples Anstrengungen gelohnt haben. Die höhere Auflösung der 6s-Kamera im Vergleich zum iPhone 6 wird beim Zoomen natürlich schnell sichtbar. Die Kontraste wirken zudem schärfer. Die Farben erscheinen etwas kräftiger als beim iPhone 6 und natürlicher als beim Galaxy S6, das zumindest im Automatik-Modus einen gewissen Hang zur Überbelichtung hat. Das gilt für Aufnahmen in natürlichem wie auch künstlichem Licht. Kurz gesagt: Bessere Fotos macht derzeit wohl keine Smartphone-Kamera.

Wie professionellere Tester urteilen, werde ich nachreichen. Was diese professionellen Tester aber in jedem Fall weiterhin vermissen werden, sind manuelle Einstellungen zu Verschlusszeit, Blendenöffnung und Iso-Werten in der Standard-App. Dafür braucht man externe Apps wie Manual und Camera+. Apple selbst vertraut fast vollständig auf seine Automatik, Nutzer können vor einer Aufnahme lediglich mit einem Schieberegler festlegen, ob ein Bild heller oder dunkler werden soll.

Update 2: Die Kollegen von golem.de halten die Kamera des Galaxy S6 für besser. TIME dagegen hat das iPhone 6s einem Fotografen in die Hand gedrückt, damit er aus einem Hubschrauber heraus Foros von der New Yorker Skyline machen kann. (Hat da einer Medienkrise gesagt?) Sein Fazit: Sehr gute Bildqualität, sehr realistische Farben.

Das iPhone 6s kann jetzt auch Videos in 4K-Auflösung aufnehmen. Samsung, HTC, LG und andere lassen grüßen. Im 6s Plus steckt zudem ein optischer Bildstabilisator auch für Videoaufnahmen. Den habe ich bei einer einhändigen Fahrradfahrt über das Tempelhofer Feld getestet, konnte aber keinen signifikanten Unterschied zum 6s feststellen.

Eine Anmerkung zu 4K: Die günstigste Version des iPhone 6s hat nur 16 Gigabyte Speicher, abzüglich Betriebssystem und systemeigener Apps. Wer circa 30 Minuten lang in 4K aufnimmt, hat den Speicher komplett gefüllt.

Die Frontkamera für Selfies und Facetime-Videochats wurde ebenfalls aufgewertet. Aus der 1,2-Megapixel-Kamera ist eine mit fünf Megapixeln geworden, damit auch iPhone-Selfies endlich eine nennenswerte Auflösung erreichen. Damit sie auch bei schlechteren Lichtverhältnissen gelingen, benutzt Apple das Display als Blitzlicht. Ein erster Blitz analysiert das Umgebungslicht, an das sich der Bildschirm dann beim folgenden eigenen Aufleuchten anpasst. LG lässt grüßen.

Der Effekt: Selfies mit dem 6s in dunkler Umgebung sind überraschend dunkel. Und das ist auch gut so. Denn das iPhone 6 hellt solche Bilder zu stark auf. Das sieht meist unrealistisch aus und hat mehr Bildrauschen zur Folge, als das beim 6s der Fall ist.

Und noch etwas hat sich Apple bei der Konkurrenz abgeschaut: Live Photos. In der Standardeinstellung speichern beide Kameras nicht nur ein Standbild, sondern auch die 1,5 Sekunden vor und nach dem Druck auf den Auslöser – natürlich nur, wenn der Fotograf das Motiv lange genug im Sucher hat. Das daraus entstandene Minivideo, das eher wie ein animiertes GIF mit Ton wirkt, schaut man sich an, indem man mit dem Finger etwas fester darauf drückt. Live Photos lassen sich aber auch auf einem MacBook mit Apples kommendem Betriebssystem OS X El Capitan betrachten. Dort wird es einen Live-Icon geben, über das Nutzer nur mit der Maus fahren müssen.