Die Technik- und Gadget-Industrie kann kurios sein. Auf der einen Seite buhlten in den vergangenen Jahren Unternehmen wie Apple, Google und Samsung mit ihren Smartphones, Tablets und den konkurrierenden Betriebssystemen iOS und Android um die Gunst der Nutzer. Auf der anderen Seite stand Microsoft und präsentierte mit dem Surface Pro einen Hybriden aus Tablet und Notebook mit Windows 8 – eine "Kombination aus Toaster und Kühlschrank", wie es Apple-CEO Tim Cook einst spöttisch nannte. Die Übernahme von Nokias Mobilfunksparte entwickelte sich zum Milliardenverlust und Microsoft, so schien es, hatte den Anschluss auf dem Hardware-Markt verloren.

Dass mit Microsoft aber weiterhin zu rechnen ist, zeigte das Unternehmen am Dienstagabend in New York. In einer zweistündigen Veranstaltung präsentierte Microsoft eine ganze Reihe neuer Produkte, die einen neuen Eindruck vermitteln. Nämlich, dass Microsoft zurzeit nicht nur einer der spannendsten Hardware-Entwickler ist, sondern nebenbei auch ein Trendsetter, der Hersteller wie Apple, Google und Samsung inspiriert. Wie gesagt: Es ist kurios.

Surface Pro 4 mit neuer Tastatur

Kaum ein Produkt illustriert Microsofts Entwicklung so gut wie das Surface Pro. Waren die ersten beiden Modelle noch technisch unausgereift, konnte das Surface Pro 3 vergangenes Jahr erstmals sowohl die Tester als auch die Nutzer überzeugen. Und nicht nur das, inzwischen sind andere Hersteller nachgezogen. Apple bietet für sein neues iPad Pro eine optionale Tastatur und Stift an und vergangene Woche präsentierte Google mit dem Pixel C ein Produkt, das dem Surface Pro ebenfalls verdächtig ähnlich sieht. Hieß es immer, Touch-Displays seien die Zukunft, fangen plötzlich alle Hersteller an, Tastaturen an die Tablets zu klemmen. "Wir haben Konkurrenten, sie jagen uns. Das ist ziemlich cool", sagte Surface-Chef Panos Panay.

Das am Dienstag vorgestellte Surface Pro 4 soll Microsofts Rolle als Vorreiter unter diesen Hybriden bestätigen. Es hat die gleichen Maße wie der Vorgänger, besitzt aber mit 12,3 Zoll und einer Auflösung von 2.736 mal 1.824 Pixeln einen etwas größeren Bildschirm, weil der Rahmen etwas schmaler ist. Mit einer Festplatte von bis zu einem Terabyte und maximal 16 Gigabyte Arbeitsspeicher soll es 50 Prozent mehr Leistung bringen als ein MacBook Air – es blieb nicht der einzige Vergleich mit Apple-Produkten an diesem Abend.

Sowohl die Besonderheit als auch die Schwachstelle des Surface war stets die optionale Tastatur, die sich magnetisch an das Tablet heften ließ, aber qualitativ nicht immer überzeugte. Das Surface Pro 4 bekommt eine neue Tastatur, die dünner und stabiler sein soll. Die Tasten sind jetzt klar voneinander getrennt und erinnern an klassische Laptop-Tastaturen. Das arg kleine Touchpad des Surface Pro 3 wurde um 40 Prozent vergrößert. Erst die Tests werden zeigen, ob es sich tatsächlich angenehmer auf dem Surface Pro 4 tippen lässt, zumindest optisch sieht es wertiger aus. Zusätzlich zur Tastatur gibt es den Stylus Pen, mit dem sich auf dem Display schreiben lässt. Die Spitze des Stifts kann ausgetauscht werden, etwa wenn Nutzer gezielt schreiben oder zeichnen möchten.

Das Surface Book ist Microsofts erster Laptop

Die Überraschung des Abends aber war nicht die Vorstellung des neuen Surface-Tablets, sondern eines komplett neuen Produkts: des Surface Book. Es ist der erste Laptop, den Microsoft selbst baut, und nebenbei eine Kampfansage an Apple und seine MacBooks. Es hat einen Alurahmen, ein 13,5 Zoll großes Display mit einer Auflösung von 3.000 mal 2.000 Pixeln, zwei USB-Anschlüsse, einen SD-Kartenslot und ein Trackpad aus Glas. Eine Grafikkarte von Nvidia soll auch anspruchsvollen Spielen genügen. Insgesamt, betonte Panos Panay mehrfach, sei das Surface Book "doppelt so leistungsfähig" wie das MacBook Pro in der gleichen Größe. Eine sehr flüssig laufende Demonstration des Videoschnittprogramms Adobe Premiere jedenfalls sorgte für Applaus unter dem Fachpublikum in New York.

Das Surface Book ist der erste Laptop von Microsoft. © Andrew Burton/Getty Images

Doch das Surface Book will mehr sein als ein Laptop. Tatsächlich ist es ebenfalls ein Hybrid-Gerät; das Display lässt sich ebenso wie beim Surface Pro von der Tastatur lösen und funktioniert als Tablet über Touch- oder Stifteingaben. In diesem Fall übernimmt der im Display verbaute Chip die Grafik, die Grafikkarte selbst ist in dem Teil mit der Tastatur verbaut. Das Display lässt sich über das auffällige, flexible Scharnier in beiden Richtungen mit der Tastatur verbinden und die Halterung ist stabil genug, um das Gerät am Display oder der Tastatur zu tragen. Per Knopfdruck lösen sich Tastatur und Display voneinander.

War das Surface Pro vor allem ein Nischengerät, soll das Surface Book jene Menschen ansprechen, die einen neuen und leistungsstarken Laptop suchen und dennoch nicht auf die Vorteile eines Tablets verzichten möchten – und die das entsprechende Kleingeld haben. Der Preis des Surface Book fängt nämlich bei 1.499 US-Dollar an. Microsoft muss angesichts dieser stolzen Summe bestätigen, dass das Surface Book nicht nur leistungsfähig, sondern auch handlich, leicht und nutzerfreundlich ist. Dann könnte es tatsächlich zu einer echten Alternative unter Windows-Notebooks werden. Die klassischen Notebook-Hersteller wie Dell oder HP, die bislang Windows lizenzierten, dürften von Microsofts Vorstößen jedenfalls nicht begeistert sein. Auch sie könnten deshalb bald Hybrid-Geräte auf den Markt bringen.