Es kommt nicht besonders häufig vor, dass ich mich zurück in die Schule sehne. Wenn ich davon träume, weil meine Nichte mir von ihren Englisch- und Bio-Klausuren erzählt, dann sind es meistens Albträume. Ich schreibe dann selbst Klausuren, übersehe Aufgabenblätter und bin unfähig, einfache Rechenaufgaben zu lösen. Wenn ich aufwache, bin ich froh, das alles heil überstanden und lange hinter mir gelassen zu haben.

Jetzt gerade ist die Idee allerdings verlockend. Denn nicht gelöste Aufgaben gehören der Vergangenheit an. Die App PhotoMath ist die Rettung aller Schüler, Mathe-Hausaufgaben sind ab sofort ein Spaziergang. Das Programm löst die Aufgaben völlig selbstständig und zaubert Lösung und Rechenweg auf das Smartphone-Display – so eine Art Taschenrechner auf Steroiden.

Dazu muss man die Aufgaben nicht einmal mehr eintippen. PhotoMath erfasst die Rechenprobleme ganz einfach über die Kamera, ähnlich wie andere Apps die schwarz-weißen QR-Codes oder Schilder in fremden Sprachen erfassen und entsprechende Infos ausspucken. Man muss nur die Kameralinse über das Aufgabenblatt wandern lassen, nach Sekundenbruchteilen hat PhotoMath das Problem erkannt und liefert die Lösung. Falls es im Zimmer besonders dunkel ist, lässt sich das Licht zuschalten, alte Aufgaben lassen sich später wieder hervorholen.

Noble Beweggründe

Mehr als 22 Millionen Nutzer weltweit verlassen sich bereits auf das Programm, das vor einem Jahr an den Start ging. "Wir wollen irgendwann genauso wichtig sein wie einst der Casio-Taschenrechner", so Damir Sabol, Gründer der Entwickler-Firma Microblink, im Gespräch mit Total Croatia.

Allerdings will die App aus Kroatien nicht als virtueller Spickzettel verstanden werden. Das Programm liefere zwar Ergebnisse in Echtzeit, heißt es auf der Webseite, aber vor allem bringe PhotoMath dem Nutzer bei, wie er mathematische Probleme selbstständig lösen kann. "Menschenähnliches" Vorgehen führe anhand nachvollziehbarer Lösungsschritte durch die Aufgabe.

Das klingt doch nobel. Kleiner Haken: Schon zu meinen Schulzeiten haben wir möglichst viel an unsere Taschenrechner abgetreten, sobald sie offiziell erlaubt waren. Das hat innerhalb weniger Monate dazu geführt, dass wir auch bei einfachsten Problemstellungen ohne technische Hilfe bald aufgeschmissen waren. Das wiederum ist vermutlich die Ursache für Jahre später auftauchende Albträume.

Die Hausaufgaben der Kinder überprüfen

Die Tatsache, dass wir ab sofort noch weniger tun müssen, um zur Lösung zu gelangen, könnte das verschlimmbessern. Schon gibt es Autoren, die die App verteufeln und fürchten, das Programm besiegle die endgültige Verdummung der Smartphone-Generation. Befürworter des Programms argumentieren dagegen, die App sei vor allem eine bequeme Art für Eltern, die Hausaufgaben ihrer Kinder zu überprüfen.

Und wer als Lehrer seine Schüler dazu anhalten will, auch weiterhin den Kopf und nicht das iPhone anzuschalten, für den gibt es – noch – eine einfache Lösung: Bislang erfasst die App nur gedruckte Aufgaben, handschriftliche Probleme überfordern auch die Mathe-Linse. 

Photo Math gibt es kostenlos für iOS, Android und Windows.