Als Kind nahm ich im heimischen Schuppen mit großer Begeisterung kaputte Radios und Röhrenfernseher auseinander. Mit dem Lötkolben löste ich Bauteile wie Kondensatoren und Widerstände von den Platinen und sortierte alles fachmännisch in einen leeren Schraubenkasten. Könnte man ja vielleicht noch mal brauchen das Zeug. Die Wahrheit ist: Ich hatte keine Ahnung, aber für den Moment fühlte es sich an, als wüsste ich, was ich tue.

So ähnlich muss sich der Kollege Jason Koebler von Motherboard gefühlt haben, als er vor einigen Tagen einen Artikel mit der Überschrift "Öffne deine Elektronik" schrieb, ein Nachtrag zu seinem langen Text aus der Vorwoche über die Reparatur-Industrie und Unternehmen wie iFixit. Koeblers Erkenntnis: Die Elektronik in unseren Smartphones und anderen Geräten ist nicht so komplex wie gedacht und jeder kann mit etwas Hilfe aus dem Netz selbst reparieren, was kaputt ist. Das klingt toll. So toll, dass der Text sich in den sozialen Netzwerken rasend verbreitet hat. Schade nur, dass es nicht stimmt.

Reparieren gegen Müll

Der Traum vom Alles-Reparieren ist nicht neu. Die Befürworter von Arts & Crafts, von Do-it-Yourself und in den vergangenen Jahren die Maker-Bewegung propagieren seit jeher, Probleme selbst zu lösen, um Ressourcen und Kosten zu sparen und nebenbei zu verstehen, wie die so selbstverständlich genutzte Technik eigentlich funktioniert. Im Softwarebereich gibt es das Open-Source-Prinzip, für jedermann zugänglichen Code, der ergänzt, verbessert und dessen Schwachstellen ausgebessert werden können.

Das Prinzip auf Smartphones, Tablets oder Laptops anzuwenden erscheint nur logisch. Zumal wir tatsächlich mehr Elektronik wegwerfen, als wir müssten und sollten. In keinem anderen EU-Land wird pro Kopf mehr Elektroschrott produziert als in Deutschland. Jahr für Jahr kauft der deutsche Durchschnittsbürger einer UN-Studie zufolge 27,5 Kilogramm Elektronik und wirft dafür 23,3 Kilo weg. 2013 wurden in Deutschland 35 Millionen Handys verkauft. Die alten fliegen entweder verbotenerweise in den Hausmüll oder in den Sondermüll. Über Umwege landen sie in afrikanischen Ländern, wo sie von Hand mitsamt ihren teils giftigen Komponenten für ein paar Cent zerlegt werden.

Reparieren kann helfen, Elektroschrott zu vermeiden. Das ist die Meinung der Maker und Unternehmen wie iFixit. Die Gründer der kalifornischen Firma begannen 2003 damit, eine Art Wikipedia für Reparaturanleitungen ins Netz zu stellen, gepaart mit einem Versandhandel für Ersatzteile. Inzwischen setzt iFixit mehr als 10 Millionen US-Dollar im Jahr um, es verbreitet Anleitungen für die Reparaturen vom Küchenmixer bis zum neuen iPhone. Wann immer ein neues Smartphone auf den Markt kommt, werden die "Profi-Bastler" von iFixit zitiert, die das Gerät fachmännisch zerlegen und anschließend sagen, wie schwer das ihrer Meinung nach für Laien wäre.

Bitte nicht öffnen!

Leider ist es in vielen Fällen ziemlich schwer. Samsungs Galaxy S6 etwa erhält von iFixit nur 4 von 10 möglichen Punkten in Sachen Reparierbarkeit. Die Rückseite aus Glas ist stark verklebt, weshalb es schwierig ist, überhaupt ins Innere des Geräts zu kommen, ohne gleichzeitig das Display zu zerbrechen. Besser schneidet das iPhone 6S ab, doch auch Apple hatte in der Vergangenheit die Reparatur seiner Geräte erschwert. Wer aktuelle Apple-Geräte öffnen möchte, braucht zwingend einen Pentalob-Schraubendreher. Das Schraubenprofil hatte Apple erstmals 2009 eingeführt, bis heute gibt es die passenden Schraubendreher nicht in jedem gewöhnlichen Baumarkt zu kaufen. iFixit hat sie deshalb für acht US-Dollar im Angebot, ebenso wie Saugnapf-Zangen ("iSclack", 25 Dollar), um iPhone-Displays anzuheben oder gleich komplette Sets zum Austauschen einzelner Bauteile.

Wieso machen es die Hersteller den Käufern so schwierig, die Hardware zu öffnen? Offiziell wird das gerne mit Design- und Sicherheitsgründen gerechtfertigt. Moderne Unibody-Smartphones sollen möglichst nahtlos wirken, sichtbare Schrauben passen nicht ins Konzept und um spritzwassergeschützt zu sein, müssen die Komponenten möglichst gut versiegelt sein. Die meisten Verbraucher verstehen Kleber, Nieten und spezielle Schrauben gleichermaßen als Abschreckung wie Ansage: Bitte nicht öffnen!

Tatsächlich möchten die meisten Hersteller einfach nicht, dass Nutzer diese Einblicke erhalten und auf eigene Faust Komponenten austauschen, denn damit würden sie sowohl die Kontrolle über die Hardware verlieren als auch das Geschäft mit Reparaturen außerhalb des Garantiefalls. Zusätzliche Garantieprogramme wie Apple Care sollen sicherstellen, dass die Käufer im Reparaturfall direkt zum Hersteller gehen und nicht zum nächstbesten Handyshop, wo es günstiger ist. Denn dass die Hersteller in offiziellen Werkstätten und Servicezentren gewöhnlich etwas mehr Geld verlangen als der Schrauber um die Ecke, ist bei Elektronik ebenso üblich wie in der Autobranche.

"Was du nicht reparieren kannst, gehört dir nicht"

Günstige Ersatzteile gibt es nämlich. So sehr Hersteller wie Samsung oder Apple ihre technischen Errungenschaften auch anpreisen, im Kern enthalten die meisten Smartphones, Fernseher oder Spielkonsolen gewöhnliche Komponenten aus chinesischen Großproduktionen. Wer sucht, findet auf Marktplätzen wie eBay Einzelteile, die zwar nicht offiziell sind (weil etwa Apple keine Einzelteile verkauft), aber ebenso funktionsfähig und meistens deutlich günstiger ausfallen als die Kosten einer offiziellen Reparatur.

Einige Hersteller wehren sich gegen diesen wenn schon nicht schwarzen dann zumindest grauen Markt. In den USA wurden in der Vergangenheit unabhängige Reparatur-Shops von den Behörden durchsucht, weil sie Apple-Ersatzteile verbauten, die mutmaßlich gegen das Marken- und Urheberrecht verstießen. Offiziell heißt es, diese Bauteile genügten nicht den Qualitätsansprüchen und nur ausgewählte Service-Provider dürften Apple-Produkte reparieren. Inoffiziell zeigt es, wie Hersteller versuchen, auch noch lange nach dem Kauf die Kontrolle über ihre Hardware zu wahren.

Sag es mit deiner Reparatur

Kyle Wiens, der Gründer von iFixit, kann das nicht verstehen. Ein Credo seiner Firma lautet "Was du nicht reparieren kannst, gehört dir nicht". Als selbst ernannter Reparatur-Lobbyist kämpft er für das Recht, für viel Geld gekaufte Waren auseinanderzunehmen und bei Bedarf fixen zu können. In den USA gibt es Initiativen wie Digital Right to Repair und die Electronics TakeBack Coalition, die sich auch auf legislativer Ebene dafür einsetzen, dass Unternehmen Reparaturanleitungen, Ersatzteile und Recycling von sich aus anbieten. In Großbritannien möchte das gemeinnützige Restart Project unsere Einstellung gegenüber Elektronik verändern und das Bewusstsein dafür schärfen, dass wir Geräte nicht bloß kaufen müssen, um sie eines Tages wieder wegzuwerfen. Bislang ist der Erfolg überschaubar, 2.869 Mitglieder hat das Projekt zurzeit – und das seit mittlerweile drei Jahren.

Für Motherboard-Autor Jason Koebler hängt das geringe Interesse in der Bevölkerung auch damit zusammen, dass viele Menschen nicht mehr wissen, dass sie Dinge selbst reparieren können. Durch die gezielte Verknappung der Ersatzteile vonseiten der Hersteller und den Mythos von der komplizierten Elektronik sei es praktisch zur Normalität geworden, dass Geräte früher oder später auf dem Müll landen oder eben durch neue Generationen ausgetauscht werden. Dabei sei selbst ein Smartphone keine "Black Box", sondern letztlich auch nichts anderes als ein paar Platinen mit Steckern und Schrauben.

Der modulare Ausweg

Das stimmt prinzipiell, aber gleichzeitig schwingt in diesen Worten stets auch die naive hemdsärmelige Einstellung mit, die man aus den Slogans von Baumarkt-Werbespots kennt: "Man hilft sich", "Und jetzt du", "Du kannst alles sein – nur nicht ungeschickt". Abgesehen davon, dass einige Geräte wie erwähnt ziemlich schwer zu öffnen sind, erfordert jede Reparatur nicht nur ein gewisses handwerkliches Geschick, sondern als erstes die Kenntnis darüber, was eigentlich genau kaputt ist. Ein zersplittertes Display ist offensichtlich, aber was genau ist kaputt, wenn der Bildschirm eines Smartphones schwarz bleibt? Für manche Diagnosen helfen auch die besten Tutorials im Netz nichts. Zudem sollte sich jeder bewusst sein, dass durch das Öffnen eines Geräts im Regelfall die Garantie erlischt, falls man noch Anspruch haben sollte.

Im Idealfall kommen die DIY-Fans und die Elektronikhersteller eines Tages zusammen. Erste Konzepte und Produkte gibt es bereits, das Stichwort lautet Modularität. Im Smartphone-Bereich ist das Fairphone das zurzeit vielversprechendste Modell, die ersten 15.000 Modelle der zweiten Generation werden in diesen Tagen ausgeliefert. Das Smartphone besteht aus einzelnen Modulen, die Nutzer bei Verschleiß in wenigen Minuten austauschen können. Komponenten wie Display oder Akku lassen sich ohne Werkzeuge ersetzen. In der iFixit-Skala bedeutet das übrigens 10 von 10 Punkten. Mit echtem Basteln, reparieren und Verstehen hat es aber nicht mehr viel zu tun.