"Vintage" nennt Mark Gurman von 9to5Mac die iPhones mit Vier-Zoll-Display. Vintage bedeutet, etwas verallgemeinert, alt. Was in diesem Zusammenhang wiederum heißt: so was von Herbst 2013. Denn da wurden das iPhone 5s und das iPhone 5c vorgestellt, die letzten Modelle mit vier Zoll Bildschirmdiagonale.

Das 5s wird bis heute verkauft, obwohl Apple seit Herbst 2014 die größeren iPhones der 6er-Reihe verkauft. Ein Auslaufmodell sind die 5er aber offenbar nicht. Denn nun berichtet der für gewöhnlich gut informierte Gurman, dass Apple im März das iPhone 5se vorstellen wird. Das "se" steht für special edition. Es soll eine Mischung aus dem "alten" 5s und den 6er-Modellen sein, mit Kameras und Prozessoren des iPhone 6, einem NFC-Chip für Apple Pay, einem Barometer für die Health-App und mit der vom 6s bekannten Live-Foto-Funktion. Auch die Form soll an die der aktuellen Reihe angelehnt sein. Nur die Größe entspricht jener des 5s. Vintage eben.

Gurmans Wortwahl ist typisch für das zur Selbstverständlichkeit gewordene Entwicklungstempo im Smartphonemarkt. Wobei die Erkenntnis, dass ein zweieinhalb Jahre altes Gerät heute als veraltet gilt, natürlich nicht besonders überraschend ist. Vor allem aber deutet der iPhone-Fachmann in seinem Artikel – absichtlich oder nicht – den ersten denkbaren Vintage-Trend bei Smartphones an. Zurück zum Einhand-Smartphone, so könnte man ihn beschreiben. 

Jahrelang wurden die Geräte immer größer, bis irgendwann die Grenze zur Albernheit erreicht schien. Phablets mit 5,5 oder 6 Zoll jedenfalls machten viele Leute sehr wütend und wurden allenthalben als Schritt in die falsche Richtung angesehen. Nichts illustrierte die Absurdität der Riesenbildschirme besser als Einhand-Modi, mit denen sich die Tastatur verkleinern und in die linke oder rechte Ecke schieben ließ, damit der Daumen noch alle Buchstaben erreichen konnte.

Heute hingegen sind sechs Zoll gesellschaftlich weitgehend akzeptiert. Und Fünf-Zoll-Geräte dürfen straflos den Namenszusatz "mini" tragen. Zwar sind sie einhändig kaum zu bedienen, sind selten hosentaschenkompatibel und wiegen bis zu 200 Gramm. Doch insbesondere Inhalte wie Videos und Games, aber auch Fotos machen sich auf einem großen Display natürlich besser, zumal viele Hersteller mittlerweile brillante Technik verbauen. Entertainment schlägt Einhand.

Entsprechen vier Zoll dem "gesunden Menschenverstand"?

Als vermeintliche Standardgröße hat sich jedoch der Bereich zwischen 4,5 und fünf Zoll durchgesetzt. Apple hat länger als alle anderen gebraucht, um das zu akzeptieren. Das iPhone 6 und 6plus mit 4,7- beziehungsweise Sechs-Zoll-Display kamen erst Ende 2014 auf den Markt. Vorher entsprachen vier Zoll laut Apple schlicht dem "gesunden Menschenverstand", wie es in diesem Werbespot für das iPhone 5 aus dem Jahr 2012 heißt.

Insofern entbehrte es nicht einer gewissen Ironie, wenn Apple nun als erster wichtiger Hersteller einen Vintage-Trend ausrufen und auf jene Nutzer hören würde, die vier Zoll als absolut ausreichend oder sogar als deutlich schöner und praktischer ansehen als 4,7 und mehr. Sollte es so kommen, sollte die 5er-Generation fortgeführt statt beendet werden, darf man auf die Reaktion der Android-Konkurrenz gespannt sein. Werden Samsung, LG und Huawei nachziehen, nachdem sie die Display-Gigantomanie jahrelang maßgeblich vorangetrieben haben? Oder wird nur Apple versuchen, Oberklasse-Technik in altertümlich kleine Gehäuse zu pressen?

200 Euro weniger für fast schon veraltete Technik

Apple würde den vermeintlichen Rückschritt kaum wagen, wenn es nicht davon überzeugt wäre, dass es genug solcher Menschen gibt. Genug heißt: so viele, dass es auch künftig Rekordzahlen bei den iPhone-Absätzen verkünden kann. Denn Wohl und Wehe (neudeutsch für Aktienkurs) von Apple hängen von diesen Zahlen ab.

Was für das von 9to5Mac beschriebene Angebot spräche: Der Verkaufspreis soll dem des 5s entsprechen – das wären 450 bis 500 US-Dollar, in Deutschland derzeit rund 500 bis 550 Euro – und damit immerhin 200 Dollar beziehungsweise 200 Euro unter dem des 6s liegen. Dafür bekämen Kunden keine billig wirkende Plastikschale wie beim wenig erfolgreichen 5c, sondern eine Hülle aus Aluminium und Glas, wie sie auch Apples Topmodelle haben. Das Betriebssystem wäre auf dem neuesten Stand. Und dann wäre da noch der Vintage-Faktor: Ein neues, aber kleines iPhone wäre ein modisches Statement und dürfte als Statussymbol, das Apples Geräte immer schon waren, durchaus funktionieren.

Was gegen das Konzept spräche: Wenn Kameras und Prozessoren jenen des 2014 vorgestellten iPhone 6 entsprechen und wenn neue Funktionen wie 3D Touch fehlen, dann ist auch die Technik des 5se schon ein Stück Vintage.