Kann schädlich sein: der Bildschirm eines iPods. © Jason Lee / Reuters

Apple hat vergangene Woche die erste öffentliche Beta-Version des neuen iPhone-Betriebssystems iOS 9.3 veröffentlicht und neue Features enthüllt. Die Notizen lassen sich nun per Fingerabdruck sichern, die eingebaute Nachrichten-App soll sich mehr an den Vorlieben der Nutzer orientieren, Health macht es einfacher, Gesundheitsapps zu finden und CarPlay erhält neue Musik- und Karten-Funktionen.

Die meiste Aufmerksamkeit hat allerdings der neue Blaulichtfilter von Apple erhalten, genannt Night Shift. Mit den Einstellungen können iOS-Nutzer die Farbtemperatur des Displays wärmer oder kälter machen, entweder manuell oder automatisch. Über die Uhrzeit und den Standort erkennt das System nämlich, wann die Sonne untergeht und die Farben des Displays werden wärmer. Bei Sonnenaufgang werden die normalen Einstellungen wieder abgerufen.

Besser schlafen mit Rotlicht

Der wissenschaftliche Hintergrund ist noch nicht vollständig erforscht, aber es gibt Indizien: Je höher der Blauanteil im Licht, desto stärker wird das Hormon Melatonin im Körper unterdrückt, das für gesunden Schlaf verantwortlich ist. Wer also vor dem Schlafengehen noch einmal auf das Smartphone schaut, dem könnte eine unruhige Nacht bevorstehen. Handy- und Laptop-Displays sind eher dem blauen Licht zuzuordnen.

Die Entwickler von Apple sind nicht die ersten, die den Zusammenhang erkannt haben. Das Ehepaar Lorna und Michael Herf arbeitet bereits seit 2009 an der Software f.lux für Mac, Windows, Linux und iOS. Das Programm arbeitet ähnlich wie Night Shift von Apple: f.lux dämmt bei Sonnenuntergang das blaue Licht und soll so für einen angenehmeren Schlaf sorgen. An einer Android-Version arbeiten die Macher gerade und es gibt auch eine App für iOS – allerdings nur auf Umwegen.

Jetzt im App Store nicht verfügbar: f.lux

f.lux ist nämlich nicht offiziell im App Store verfügbar. Laut den Entwicklern liegt das am iOS-System, das den Zugriff auf wichtige Systemschnittstellen verhindert, die f.lux benötigt. Nutzer, die f.lux trotzdem verwenden möchten, mussten ihr Smartphone erst jailbreaken, einen alternativen Appstore installieren und f.lux von dort herunterladen. Das ist nicht nur umständlich für den Nutzer, sondern kann möglicherweise zu Problemen mit der Garantie führen.

Die Entwickler haben am 10. November deshalb eine andere Methode bereitgestellt, um die App ohne Jailbreak zu installieren. Nutzer konnten die Software über einen kostenlosen Entwickler-Account und der Entwicklungsumgebung Xcode per Mac auf das iPhone übertragen. Xcode ist eine Sammlung von Programmen, mit denen Entwickler Apps für iOS programmieren können. Das ist zwar ähnlich aufwendig, aber immerhin eine Alternative für Nutzer, die f.lux wirklich nutzen wollen.

Am 12. November, also nur zwei Tage später, hat Apple reagiert und die Verbreitung von f.lux  über Xcode gestoppt. Die App soll demnach gegen den Entwicklervertrag verstoßen haben. Die Macher der App zeigten sich daraufhin enttäuscht und betonten, dass sie schon seit fünf Jahren mit Apple diskutieren, um die Software regulär über den App-Store anbieten zu können. Außerdem weisen sie darauf hin, dass die Desktop-App bereits über 15 Millionen mal heruntergeladen wurde.

Wurde f.lux "gesherlocked"?

Eine Petition, die Apple auffordert, f.lux für iPhones ohne Jailbreak zuzulassen, konnte bisher über 5.500 Unterzeichner finden und wird mit über 2.000 Kommentaren eifrig diskutiert. Das Interesse an dem Feature ist da, doch Apple stellt sich quer. Eine mögliche Erklärung: Das Unternehmen wollte mit der hauseigenen Funktion anderen Anbietern zuvorkommen.

Es wäre jedenfalls nicht das erste Mal, dass Apple die Features von anderen Programmen übernimmt und als eigene Funktionen bereitstellt. Es gibt sogar ein eigenes Wort dafür: sherlocking. Der Begriff geht auf Apples frühere Desktopsuche Sherlock zurück, benannt nach Sherlock Holmes. Die Software durchsucht Inhalte auf dem Mac und zeigt dazu Ergebnisse aus dem Netz an. Ab Mac OS X 10.4 wurde das Programm durch die Spotlight-Suche ersetzt.

2001 brachte die Firma Karelia eine Erweiterung für Sherlock auf den Markt, die passenderweise Watson hieß. Apple übernahm ein Jahr später die Fähigkeiten von Watson und stellte diese in einer neuen Sherlock-Version bereit – ohne Karelia zu bezahlen. Für die einen war es die logische Weiterentwicklung für Sherlock, für die anderen schlicht ein Plagiat von Apple. Die Umstände werden sich wohl nie ganz klären lassen, aber seitdem hat sich der Begriff sherlocking im Internet verbreitet.