Es klang ja irgendwie direkt zu schön, um wahr zu sein. "Richte die Kamera deines Smartphones auf ein Objekt und dessen unsichtbare Funktionen werden sichtbar", hieß es geheimnisvoll in der Beschreibung. Oder: "Ziehe virtuelle Linien von einem Objekt zu einem anderen und stelle eine Beziehung zwischen beiden her."

Tagelang versuchte ich daraufhin verzweifelt, Verknüpfungen zwischen meiner Schreibtischlampe und meiner Computermaus, meiner Kaffeetasse und meinem Laptop herzustellen. "Das Objekt wird geladen", steht dann jedes Mal auf meinem Display und ich warte gespannt, aber weiter passiert nichts. Für die virtuelle Realität, dachte ich, scheine ich irgendwie noch nicht gerüstet.

Irgendwann musste ich dann einsehen: Der Reality Editor funktioniert leider nur dann, wenn meine Objekte ohnehin schon um ein Mindestmaß an Intelligenz verfügen und in der Lage sind, über ein zentrales Netzwerk miteinander zu kommunizieren. In meiner Wohnung ist bislang leider nichts miteinander verbunden. Mikrowelle, Lichtschalter, Musik – alles muss ich genau da anmachen, wo es sich befindet. Irgendwann aber soll mir die App die volle Kontrolle über meine Besitztümer geben.

Forschungsarbeit vom MIT

Man könnte so etwas auf den ersten Blick als virtuellen Schwindel abtun, aber schließlich steckt hinter der iOS-App nicht irgendeine kleine Klitsche in Los Angeles. Der Reality Editor ist das Ergebnis von drei Jahren Forschung des Deutschen Valentin Heun am Elite-Institut MIT. Sein Ziel ist es, eine Technologie zu entwickeln, die dem Nutzer maximale Kontrolle gibt, in dem sie all die menschlichen Eigenschaften nutzt: Räumliche Koordination, Muskelkraft und die Fähigkeit, Werkzeuge zu bauen. Na gut, ganz so einfach ist es doch nicht.

Ein Beispiel: Der eine Lichtschalter im Schlafzimmer, der sich viel zu weit weg vom Bett befindet und für den man immer wieder aufstehen muss, wenn man schlafen gehen will. Einfach den Reality Editor aus der Tasche ziehen, eine Linie von Lampe zu einem passenden Objekt in Bettnähe, etwa einem Radio, ziehen – und schon hat man das eigene Heim ein bisschen gehackt, um es bequemer zu machen. Ab sofort braucht man nur noch das Objekt neben dem Bett als Werkzeug, um jenes in der Ferne zu betätigen.

Will man die Lampe mit einem Timer bedienen, braucht man nur ein passendes Objekt, das über einen Timer verfügt – einen Fernseher etwa – und zieht eine Linie zwischen Fernseher und Licht. Das Auto ist im Sommer zu warm und im Winter zu kalt? Einfach die Heizung im Wagen mit dem Bett verbinden. Wacht man auf, springt auch die Heizung (oder Klimaanlage) an und bereitet das Auto auf die nächste Fahrt vor.

Universelle Regeln physischer Objekte

Die Forscher um Heun erklären, sie hätten in ihrer Arbeit einfache universelle Regeln identifiziert, die fast allen physischen Objekten gemein seien. So könne die App genutzt werden, um die Funktionen eines Objekts zu verändern, die Art, wie es mit anderen Objekten zusammenarbeitet und reagiert. "Sie können etwas, das eigentlich virtuell ist, zu etwas physischem machen und umgekehrt", schreiben die MIT-Tüftler. Zwei verschiedene Realitäten würden so zu einer.

Ein Video auf der Seite erklärt, was wie das heißt und wie man es nutzt – wenn unsere Schreibtischlampen und Kaffeetassen dann erst mal intelligenter sind. Auch wenn das bei mir noch nicht funktioniert: Die App öffnen und ein bisschen von der Zukunft träumen kann ich ja schon mal.