Hut ab vor BQ: Das spanische Unternehmen lässt sich nicht so schnell entmutigen. Vor einem Jahr stellte BQ das erste Smartphone vor, auf dem Ubuntu als Betriebssystem vorinstalliert war. Das Ergebnis war ein netter Versuch, aber mehr auch nicht. Die Hardware war höchstens mittelklassig, die mobile Version von Ubuntu unfertig, die Auswahl an Apps gering.

Ein paar Monate später präsentierte das chinesische Unternehmen Meizu das zweite Ubuntu-Smartphone. Dessen Hardware war besser, aber selbst die reichte nicht, um das mobile Ubuntu wirklich attraktiv aussehen zu lassen. Hinzu kam, dass Ubuntu noch nicht ganz reif für das mobile Zeitalter schien, vor allem, weil zu viele wichtige Apps fehlten. Ein Henne-Ei-Problem: Ohne attraktive Hardware gab es für Entwickler kaum Anreize, ihre Apps an das alternative System anzupassen. Für BQ war das alles kein Grund, die Finger davon zu lassen. Auf dem Mobile World Congress stellt das Unternehmen in diesem Jahr das Aquaris M10 Ubuntu Edition vor, das erste Ubuntu-Tablet.

Als ob das nicht schon gewagt genug wäre, soll es auch gleich noch das erste Tablet sein, das eine "konvergente Ubuntu-PC-Erfahrung liefert". Was die Spanier damit meinen: Wird das Tablet mit Maus und Tastatur verbunden, zeigt es nicht mehr die Mobil-Oberfläche, sondern eine Desktopansicht von Ubuntu. Dementsprechend heißt die Funktion schlicht Convergence.

Mit genau dieser Idee, allerdings mit einem Smartphone statt einem Tablet, war Ubuntus Hauptsponsor, das Unternehmen Canonical, vor zweieinhalb Jahren noch spektakulär gescheitert: 30 Millionen Dollar wollte es für die Umsetzung per Crowdfunding einsammeln, bei 12,8 Millionen aber war Schluss, und das Projekt Edge war beendet, bevor es begonnen hatte.

Nun hat BQ das Konzept in einem Produkt verwirklicht. Sein Aquaris M10 ist als Android-Version bereits seit einiger Zeit auf dem Markt. Es ist ein Mittelklassegerät für 240 Euro, mit Zehn-Zoll-Display, einer Auflösung von 1.920 mal 1.200 Pixeln, einem auf 1,5 Gigahertz getakteten Mediatek-Prozessor und zwei Gigabyte Arbeitsspeicher. Für das Unternehmen war es naheliegend, für das Ubuntu-Projekt auf eine vorhandene Basis zurückzugreifen, statt ein ganz neues Tablet zu entwickeln. Die Frage ist nur: Reicht das für die mobile und die Desktop-Version von Ubuntu?

BQ hat noch etwas Zeit zum Nachjustieren

Wer sich das Tablet am Montag am Stand von BQ ansah, musste zu dem Schluss kommen: Nein, es reicht nicht. Zwar funktionierte der Wechsel zwischen mobiler und Desktopansicht problemlos, wobei sich letztere durch kleine, verschiebbare Fenster zu erkennen gibt, die in der Mobilversion noch displayfüllende Apps sind. Aber alles ruckelte, reagierte träge oder unzuverlässig.

Am heutigen Dienstag sieht das alles schon anders aus, jedenfalls am Stand von Canonical. Dort funktioniert das BQ-Tablet viel besser und flüssiger, offenbar ist hier eine neuere Version des Betriebssystems installiert. Zwar öffnen sich manche Apps nicht ganz so schnell wie auf High-End-Tablets mit Android oder iOS, doch zumindest scheint das Gerät alltagstauglich. Dabei heißt es bei BQ, man sei erst zu 60 Prozent fertig.

Das Gerät soll irgendwann im zweiten Quartal in den Handel kommen, BQ kann und will also noch nachjustieren. Ein ausführlicher Test des fertigen Produkts wird dann zeigen, was die Ubuntu-Enthusiasten um den BQ-Produktmanager Manuel Rodriguez Gonzalo noch aus dem Gerät herausholen konnten.

Auf dem alten Nexus 4 läuft Ubuntu prächtig

Ein Nexus 4 mit Ubuntu und angeschlossenem Bildschirm © ZEIT ONLINE / Patrick Beuth

Für die Freunde der beliebten Linux-Distribution gibt es aber noch mehr gute Nachrichten: Am Stand von Canonical in Barcelona ist auch ein Nexus 4 zu sehen, das ganz wunderbar mit dem System klarkommt – inklusive Convergence. Das von LG produzierte Google-Smartphone aus dem Jahr 2012 mag im Vergleich zu heutigen Geräten technisch veraltet sein, aber für die Ubuntu-Community ist es ein Referenzgerät.

Seit einigen Monaten sieht Ubuntu darauf so aus, wie es aussehen sollte. Der alte Prozessor und der mit zwei Gigabyte nicht allzu großzügig bemessene Arbeitsspeicher kommen bemerkenswert gut mit dem System klar. Kleinere Verzögerungen beim Öffnen des Browsers oder LibreOffice sind verzeihlich, der Gesamteindruck zumindest im Kurztest ist positiv. Das Smartphone selbst wird zum präzisen Touchpad, wenn es mit einem SlimPort-zu-HDMI-Kabel an einen großen Bildschirm angeschlossen ist und die Desktopversion von Ubuntu zeigt. Der größte Nachteil: Viele auf anderen Plattformen populäre Apps gibt es für Ubuntu nur als Web-App oder noch immer gar nicht, darunter WhatsApp und der Facebook Messenger.

Wer noch ein Nexus 4 besitzt oder ein günstiges gebrauchtes auftreibt, kann sich das bisherige Ergebnis selbst anschauen. Das Flashen des Geräts zum Austausch des Android-Betriebssystems ist zwar nichts für Anfänger, doch viele Ubuntu-Anhänger dürften technisch versiert genug sein. Eine Anleitung hat Canonical hier veröffentlicht.