Crowdsourcing ist eine feine Sache. Man kann mit den Daten der Vielen den Verkehr in Großstädten leiten oder zeigen, wie marode deutsche Schulen sind. Oder vor Erdbeben warnen.

Forscher der US-Universität Berkeley haben dazu ein neues Projekt vorgestellt: die kostenlose App MyShake für Android. Sie nutzt die Beschleunigungssensoren im Handy, um Erschütterungen mit jenen zu vergleichen, die während eines Erdbebens auftreten. Registrieren genügend Smartphones innerhalb einer Region die charakteristischen Signale, kann in Zukunft ein Alarm ausgelöst werden.

Deutsche Telekom beteiligt

Zusammen mit der Deutschen Telekom haben die Forscher dazu einen Algorithmus entwickelt, der Vibrationen herausfiltert, die bei einem Erdbeben entstehen und nicht etwa beim Gehen, Tanzen oder wenn das Smartphone auf den Boden fällt. Ein erster Nachteil: Die App funktioniert am besten, wenn sie ruhig auf einer flachen Oberfläche liegt.

Die Daten aus den Sensoren werden zusammen mit dem Standort, der über GPS ermittelt wird, an die seismologische Abteilung der Universität beziehungsweise an einen zentralen Server geschickt. "Wir brauchen mindestens 300 Smartphones in einem Bereich von 110 mal 110 Kilometern, um den Ort, die Stärke und den Zeitpunkt eines Erdbebens realistisch schätzen zu können", sagt Qingkai Kong von der Berkley-Universität. "Je dichter das Netzwerk, um so eher können wir das Beben ermitteln." Momentan kann die App ein Erdbeben ab der Stärke fünf auf der Richterskala in zehn Kilometern Entfernung erkennen. Stärkere Beben registriert sie auch aus größerer Entfernung.

Warnung wenige Sekunden vor dem Beben

Zusammen mit bereits vorhandenen seismologischen Messstationen soll dadurch ein globales Frühwarnsystem entstehen. Wenn zukünftig 60 Prozent aller mit der App ausgestatteten Smartphones in einem Radius von zehn Kilometern ein Erdbeben erkennen, sollen sofort weitere Nutzer in der Gegend informiert werden. Der zweite Nachteil: Die Warnung kann die Nutzer bestenfalls wenige Sekunden vor dem Erdbeben erreichen. Den Betroffenen bliebe dann aber vielleicht genug Zeit, ihr Haus oder ihr Auto zu verlassen. Bis die App wirklich vor Erdbeben warnt, wollen die Forscher MyShake allerdings noch mindestens ein Jahr lang testen.

Um genug Nutzer zu gewinnen, ist neben der Android-Version auch eine App für iOS geplant. Die Forscher heben die zunehmende Verbreitung von Smartphones hervor: 2,6 Milliarden sollen es weltweit sein. Die Zahl soll darüber hinaus bis zum Jahr 2020 auf sechs Milliarden anwachsen. MyShake soll vor allem in Gegenden eingesetzt werden, die bisher kaum über ein Frühwarnsystem verfügen, etwa auf Haiti und in Nepal, die in den letzten Jahren von schweren Beben betroffen waren.

Einsatz im Nahen Osten und in Asien

Ein Beben der Stärke 7,8 hatte in Nepal im April 2015 Hunderte Tote zur Folge. Den Forschern zufolge hätten die Menschen in der Hauptstadt Kathmandu mithilfe der etwa sechs Millionen Smartphones im Land etwa 20 Sekunden vor dem Eintreffen des Bebens gewarnt werden können. 

Weitere denkbare Einsatzorte für die App sind der Iran, Afghanistan, Pakistan, die Mongolei, Malaysia, Indonesien und die Philippinen. Das Smartphone wird in diesen Ländern immer wichtiger und durchdringt langsam den Alltag. So gibt es etwa im Iran 20 Millionen Smartphone-Nutzer, in Pakistan 15 Millionen, in Indonesien 55 Millionen.