Zum 20. Geburtstag von ZEIT ONLINE laden wir Programmierer, Wissenschaftler, Unternehmer und Designer ein, mit uns über die Zukunft des digitalen Lebens zu diskutieren. Den Auftakt der Serie "Digital Denken" lesen Sie hier – und künftig jede Woche einen weiteren Beitrag.

Ihr vernetzter Fernseher, die neue Barbiepuppe Ihrer Kinder, das Auto, das Sie fahren – sie alle haben alle eines gemeinsam: Sie funktionieren, indem sie Daten sammeln, persönliche Informationen. Über Sie, Ihre Freunde, Ihre Familie.

Das mag sich schon gruselig anhören, ist aber nicht unser eigentliches Problem.

Aral Balkan ist ein französischer Entwickler und Web-Designer. Mit seinem Unternehmen Ind.ie arbeitet er an der Entwicklung sozialverträglicher Technologien. 2015 zog er wegen einer angekündigten Lockerung von Datenschutzregeln von Großbritannien nach Schweden. Balkan spricht und publiziert regelmäßig zu Überwachung und Bürgerrechten.

Die neuen Technologien funktionieren nun mal, indem sie Unmengen oft persönlicher Daten verarbeiten. Das ist gewissermaßen ein neues Naturgesetz, das wir nicht ändern werden. (Es sei denn, wir wollten gänzlich auf Technologie verzichten.)

Die entscheidende Frage ist: Wem gehören die persönlichen Informationen, die diese Geräte sammeln, und wem die Mechanismen, mit deren Hilfe sie analysiert und in nützliche Dienstleistungen verwandelt werden?

Wäre die Antwort auf diese Frage "mir", dann hätten wir kein Problem. In diesem Fall würde Technologie die Menschen mit einer Fülle von Informationen über sich selbst und ihre Umwelt versorgen – Informationen, die sie stärker machen würden, zu einer Art Superkraft.

Doch die Wirklichkeit sieht leider anders aus.

Multinationale Konzerne wie Google und Facebook besitzen und kontrollieren unsere persönlichen Daten ebenso wie die Werkzeuge, mit denen man sie sammelt, auswertet und zu Geld macht.

"Überwachungskapitalismus" nennt die Professorin Shoshana Zuboff von der Harvard Business School diesen sozio-techno-ökonomischen Zustand unserer Welt.

Um zu verstehen, warum Überwachungskapitalismus problematisch ist, möchte ich zuerst zwei grundlegende Konzepte klären: erstens die Beschaffenheit des Selbst und zweitens das Wesen von Daten im digitalen Zeitalter. 

Wer ist Ich in einer digitalen Welt?

Der Usability-Experte Steve Krug, Autor des Buches Don't make me think!, ist der Auffassung, dass jede gutgemachte Technologie die Rolle eines Butlers einnehmen sollte, wenn Menschen mit ihr interagieren. Sagen wir, ich habe ein Smartphone bei mir und möchte mir einen Gedanken für später notieren. Der Dialog zwischen mir und meinem Telefon könnte ungefähr so lauten:

Ich: Butler, merk Dir das hier für später.

Telefon: Gern, Sir, ich habe es unter Notizen für Sie gespeichert.

Ich: Danke.

Genau diese Unterhaltung können wir heute mit Apples Siri bereits führen.

Das Beispiel macht die am weitesten verbreitete Sichtweise auf unsere Beziehung zu Technologie deutlich: ein Dialog zwischen zwei getrennten Akteuren. In diesem Fall zwischen meinem Smartphone und mir. Wenn wir Technologie so verstehen, dann bedeutet Überwachung nichts anderes, als ein Signal auf seinem Weg zwischen diesen beiden Akteuren abzufangen. Im Prinzip so, wie etwa die Stasi vorging, als sie Wohnungen verwanzt und Gespräche belauscht hat. Nicht nett, aber eben das, was Überwachungsapparate immer getan haben.