Wir sind unsere persönlichen Daten. © Donald Iain Smith / Getty Images

Zum 20. Geburtstag von ZEIT ONLINE laden wir Programmierer, Wissenschaftler, Unternehmer und Designer ein, mit uns über die Zukunft des digitalen Lebens zu diskutieren. Den Auftakt der Serie "Digital Denken" lesen Sie hier – und künftig jede Woche einen weiteren Beitrag.

Ihr vernetzter Fernseher, die neue Barbiepuppe Ihrer Kinder, das Auto, das Sie fahren – sie alle haben alle eines gemeinsam: Sie funktionieren, indem sie Daten sammeln, persönliche Informationen. Über Sie, Ihre Freunde, Ihre Familie.

Das mag sich schon gruselig anhören, ist aber nicht unser eigentliches Problem.

Aral Balkan ist ein französischer Entwickler und Web-Designer. Mit seinem Unternehmen Ind.ie arbeitet er an der Entwicklung sozialverträglicher Technologien. 2015 zog er wegen einer angekündigten Lockerung von Datenschutzregeln von Großbritannien nach Schweden. Balkan spricht und publiziert regelmäßig zu Überwachung und Bürgerrechten.

Die neuen Technologien funktionieren nun mal, indem sie Unmengen oft persönlicher Daten verarbeiten. Das ist gewissermaßen ein neues Naturgesetz, das wir nicht ändern werden. (Es sei denn, wir wollten gänzlich auf Technologie verzichten.)

Die entscheidende Frage ist: Wem gehören die persönlichen Informationen, die diese Geräte sammeln, und wem die Mechanismen, mit deren Hilfe sie analysiert und in nützliche Dienstleistungen verwandelt werden?

Wäre die Antwort auf diese Frage "mir", dann hätten wir kein Problem. In diesem Fall würde Technologie die Menschen mit einer Fülle von Informationen über sich selbst und ihre Umwelt versorgen – Informationen, die sie stärker machen würden, zu einer Art Superkraft.

Doch die Wirklichkeit sieht leider anders aus.

Multinationale Konzerne wie Google und Facebook besitzen und kontrollieren unsere persönlichen Daten ebenso wie die Werkzeuge, mit denen man sie sammelt, auswertet und zu Geld macht.

"Überwachungskapitalismus" nennt die Professorin Shoshana Zuboff von der Harvard Business School diesen sozio-techno-ökonomischen Zustand unserer Welt.

Um zu verstehen, warum Überwachungskapitalismus problematisch ist, möchte ich zuerst zwei grundlegende Konzepte klären: erstens die Beschaffenheit des Selbst und zweitens das Wesen von Daten im digitalen Zeitalter. 

Wer ist Ich in einer digitalen Welt?

Der Usability-Experte Steve Krug, Autor des Buches Don't make me think!, ist der Auffassung, dass jede gutgemachte Technologie die Rolle eines Butlers einnehmen sollte, wenn Menschen mit ihr interagieren. Sagen wir, ich habe ein Smartphone bei mir und möchte mir einen Gedanken für später notieren. Der Dialog zwischen mir und meinem Telefon könnte ungefähr so lauten:

Ich: Butler, merk Dir das hier für später.

Telefon: Gern, Sir, ich habe es unter Notizen für Sie gespeichert.

Ich: Danke.

Genau diese Unterhaltung können wir heute mit Apples Siri bereits führen.

Das Beispiel macht die am weitesten verbreitete Sichtweise auf unsere Beziehung zu Technologie deutlich: ein Dialog zwischen zwei getrennten Akteuren. In diesem Fall zwischen meinem Smartphone und mir. Wenn wir Technologie so verstehen, dann bedeutet Überwachung nichts anderes, als ein Signal auf seinem Weg zwischen diesen beiden Akteuren abzufangen. Im Prinzip so, wie etwa die Stasi vorging, als sie Wohnungen verwanzt und Gespräche belauscht hat. Nicht nett, aber eben das, was Überwachungsapparate immer getan haben.

Was Daten eigentlich sind

Doch was, wenn diese Beschreibung auf unser Verhältnis zu Technologie gar nicht zutrifft? Wenn das Wesen dieser Beziehung ganz anders beschaffen ist? Was, wenn ich, indem ich eine Notiz in mein Smartphone tippe, um mich später daran zu erinnern, vielmehr mein Denken erweitere – und damit mich selbst?

Wir verstreuen uns; wir verteilen unser Selbst auf die Dinge und Apparate, mit denen wir uns im Alltag umgeben. Wir sind alle Cyborgs. Das bedeutet nicht, dass wir uns Technologie einpflanzen, sondern dass wir durch die Nutzung von Technologie neue Fähigkeiten erlangen. 

Es wird also Zeit, dass wir die Grenzen dessen, was wir Ich nennen, neu definieren und jene Technologien mit dazu zählen, die wir nutzen, um über unsere natürlichen Fähigkeiten hinauszuwachsen. Wenn wir unsere vernetzten Alltagsgegenstände so begreifen – nicht als von uns getrennte Akteure, sondern als Erweiterung unserer Persönlichkeit –, können wir vieles klarer sehen.

Zum einen wäre Überwachung nicht länger nur ein Abfangen von Signalen, sondern Körperverletzung. Mit seiner aktuellen Klage gegen Apple will das FBI einen Präzedenzfall schaffen, um auf jedermanns iPhone zugreifen zu können. Einige Beobachter vergleichen das Anliegen des FBI mit der Möglichkeit von Strafverfolgern, einen verdächtigen Safe zu öffnen. Nichts könnte weiter von der Wahrheit entfernt sein. Mein Smartphone ist genauso wenig ein Safe wie mein Gehirn. Es ist ein Teil von mir. Wenn also jemand in mein iPhone eindringen möchte, dann möchte derjenige mich verletzen. Es ist ein Angriff auf meine Person. Und wir haben bereits eine Fülle von Gesetzen und Regeln, die die Unversehrtheit und die Persönlichkeitsrechte von Menschen schützen.

Zum anderen wird dadurch deutlich, dass wir keine digitale Bill of Rights oder eine neue Magna Charta für das Internet oder ähnlichen Quatsch brauchen. Alles, was wir tun müssen, ist, die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte – die Rechte, die wir uns bereits selbst gegeben haben – im digitalen Zeitalter anzuwenden. Es gibt keinen Unterschied zwischen einer digitalen und einer echten Welt, keinen Unterschied zwischen digitalen Rechten und Menschenrechten. Wir sprechen hier über ein und dieselbe Sache.

Zuletzt hilft es uns, den wahren Charakter derer zu verstehen, die mit unseren Daten hausieren, und anzufangen, diese unerhörte Praxis konsequent einzudämmen.

Aber vorher lassen Sie mich noch etwas zum Wesen von Daten sagen.

Persönliche Daten sind Menschen

Man liest derzeit oft, Daten seien eine wertvolle Ressource. Die US-amerikanische Ausgabe des Magazins Wired schrieb kürzlich, Daten seien das neue Öl. Einzig und allein deshalb, weil wir nicht genau verstehen, was Daten eigentlich sind, erzeugt ein solcher Vergleich nicht Abscheu und Empörung.

Lassen Sie mich das veranschaulichen:

Sagen wir, ich besitze eine kleine Figur. Wenn ich genügend Daten über diese Figur habe, kann ich mit einem 3-D-Drucker eine exakte Kopie der Figur ausdrucken lassen. Jetzt stellen Sie sich vor, was ich alles tun könnte, hätte ich ebenso viele Daten über Sie.

"Das Ende der Privatsphäre"

Ab einer gewissen Informationsdichte werden Daten über eine Sache zu dieser Sache selbst. Ihre Daten sind Sie.

Persönliche Daten sind nicht das neue Öl. Persönliche Daten sind Menschen.

Damit will ich nicht sagen, dass Google, Facebook und all die anderen Start-ups im Silicon Valley einen Klon von Ihnen anfertigen wollen. Natürlich nicht. Sie wollen Ihr Profil. Um Sie simulieren zu können. Für ihren Profit.

Das Geschäftsmodell des Überwachungskapitalismus – das Geschäftsmodell von Google, Facebook und dem Rest des Silicon Valley – ist es, Menschen zu Geld zu machen. Wir alle wissen, dass diese Unternehmen riesige Serverfarmen betreiben. Aber haben Sie sich jemals gefragt, wen sie da eigentlich melken? Möglicherweise würden Sie schnell erkennen, dass wir es sind – Sie und ich. Was sind Google und Facebook anderes als Massenhaltung von Menschen?

Dieser Zustand sollte Ihnen bekannt vorkommen: Wir haben jahrhundertelange Erfahrung mit verschiedenen Ausprägungen dieser Wirtschaftspraxis.

Der sehr lukrative, aber verabscheuungswürdige Handel mit Menschen heißt Sklaverei. Das Geschäftsmodell der derzeit größten Technologiekonzerne ist es, alle Bestandteile eines Menschen zu Geld zu machen, mit Ausnahme seines Körpers. Wie würden Sie diese Praxis nennen?

Technologie ist nicht das Problem

Das hochmoderne System der Kolonialisierung und Verpachtung, das von einer neuen East India Company namens Silicon Valley betrieben wird, ist nicht so unklug und unvorsichtig, Menschen in physische Zellen zu sperren. Die Unternehmen wollen nicht Ihren Körper besitzen, sie sind zufrieden mit Ihrem Datenklon, Ihrer Simulation. Und trotzdem: Je präziser die Daten sind, die sie über Sie haben, desto lebensechter ist Ihre Simulation und desto näher kommen die Konzerne dem Zustand, Sie zu besitzen.

Ihre Simulation ist auch keine statische Einheit – sie ist ein lebendiges, atmendes Konstrukt (wenn auch bestehend aus Algorithmen und nicht aus Zellen). Sie lebt in den Firmenrechnern von Google oder Facebook und wird die ganze Zeit Hunderttausenden von Tests unterzogen, um Sie zu analysieren und noch besser zu verstehen. Wegen solcher Experimente würden die Vorstände dieser Konzerne wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit ins Gefängnis kommen, wenn sie an einer physisch anwesenden Person durchgeführt würden.

All diese persönlichen Daten, und eine unendliche Menge an Wissen, das darin steckt, gehören Konzernen und werden darüber hinaus (wie Edward Snowden gezeigt hat) mit Regierungen geteilt.

Das führt zu einer immensen Machtungleichheit zwischen dem Einzelnen und diesen Konzernen, und zwischen Bürgern und ihren Regierungen.

Wenn ich mit einer Kamera auf dem Firmengelände von Google herumlaufe, werde ich verhaftet. Andererseits filmt Google unzählige private Wohnungen mit seinen Nest Kameras. Die Welt des Überwachungskapitalismus ist eine Welt, in der diejenigen, die ein Recht auf Datenschutz haben sollten, keines mehr haben, während Institutionen, die ihr Handeln transparent machen sollten – Regierungen und Konzerne – hinter verschlossenen Türen agieren.

Wenn Mark Zuckerberg "das Ende der Privatsphäre" verkündet, meint er damit nur Ihre Privatsphäre, nicht seine eigene. Er kauft die Häuser zu beiden Seiten seiner eigenen Immobilien. Seine Privatsphäre, die seines Unternehmens und die unserer Regierungen ist immer noch ziemlich gut gesichert.

Technologie ist keine Wunderwaffe

Das klingt nicht nach Demokratie? Ist es auch nicht. Der Überwachungskapitalismus ist mit demokratischen Prinzipien unvereinbar.

Das Gesellschaftsmodell, in dem wir heute leben, kann am treffendsten als Corporatocracy bezeichnet werden; eine Feudalherrschaft von Unternehmen. 

Wir befinden uns in einem neokolonialen Zeitalter, das geprägt ist von der Macht multinationaler Konzerne. Digitaler Imperialismus, wenn Sie so wollen.

Der Erfolg der Corporatocracy ist der Preis, den wir für Jahrzehnte des unkontrollierten Neoliberalismus und des Erfolges der kalifornischen Ideologie zahlen. Damit einher geht ein beispielloses Niveau systemischer Ungleichheit, infolgedessen 62 Menschen ebenso viel besitzen wie die ärmere Hälfte der Menschheit, rund 3,5 Milliarden Menschen. Dieser Erfolg bringt durch Ressourcenverschwendung und Klimaerwärmung eine großflächige Zerstörung unserer Lebensräume mit sich. Einfach ausgedrückt: Er ist eine Bedrohung für die Menschheit.

Das Problem hier ist nicht die Technologie.

Wir haben ein Kapitalismus-Problem.

Und die Antwort darauf müssen stärkere, bessere Demokratien sein.

Dezentralisierte, sogenannte Zero-Knowledge-Anwendungen, die ein Minimum an Informationen an Dritte übermitteln, können uns dabei helfen, bürgerliche Rechte und demokratische Prinzipien besser zu schützen. Aber Technologie ist keine Wunderwaffe. Ohne strengere Regulierungen und Gesetzesänderungen werden diese alternativen Technologien einfach verboten werden – und wir, die wir sie programmieren, werden die nächsten Snowdens und Mannings.

Die Herausforderung, vor der wir stehen, ist riesig: Alternativen zu Mainstream-Technologien müssen nutzerfreundlich und leicht zugänglich sein. Sie müssen nach ethischen Prinzipien entworfen werden und funktionieren, ohne zu kolonialisieren. Keine geringe Aufgabe, aber sie ist nicht unmöglich. Ich weiß das, weil ich derzeit genau so eine alternative Software programmiere (und andere tun es auch).

Der Kampf für unsere Rechte und unsere Demokratie wird mit den Dingen geführt, mit denen wir uns im Alltag umgeben. Er wird zeigen, ob wir quantifizierte Leibeigene bleiben, die im digitalen Feudalismus schuften. Oder ob wir als freie Bürger leben können, ermächtigt durch Technologien, die wir selbst kontrollieren und die uns erlauben, unsere Potenziale als Einzelne und als Menschheit voll auszuschöpfen.

Ich arbeite an Letzterem.

Ich hoffe, Sie werden dasselbe tun.

Übersetzt aus dem Englischen von Maria Exner

Datenschutz - Kartellamt überprüft Facebook Das Bundeskartellamt prüft Facebooks Datenschutzpolitik. Die Behörde vermutet, dass der US-Konzern seine Marktmacht mit 1,6 Milliarden Nutzern missbrauchen könnte.