Google hat am Mittwoch auf seiner Entwicklerkonferenz I/O nicht eine Messaging-App angekündigt, sondern gleich zwei: Allo und Duo. Allo ist eine textbasierte Chat-App, wobei Text im erweiterten Sinn zu verstehen ist und dementsprechend auch Emojis, Bilder und andere Inhalte umfasst. Es ist Googles Antwort auf WhatsApp, Facebook Messenger, Viber, Line, Telegram, Signal, Threema, Kik, SureSpot, WeChat und einige andere. Duo ist eine Videochat-App, ähnlich wie Apples FaceTime oder Skype.
Chats über die Duo-App werden standardmäßig Ende-zu-Ende-verschlüsselt
sein. Das bedeutet, nur Sender und Empfänger können sich sehen und verstehen.
Google selbst sowie jeder, der versucht, sich in die Chats zu hacken, bekommt
nur verschlüsselte Daten zu sehen.
WhatsApp hat einen Sicherheitsstandard gesetzt
Bei Allo wird das anders sein. Die App wird zwar ebenfalls Ende-zu-Ende-verschlüsselte Chats ermöglichen, aber Nutzer werden den entsprechenden Modus selbst aktivieren müssen. Wer Allo im Standardmodus nutzt, chattet nicht Ende-zu-Ende-verschlüsselt. Google selbst und – einen entsprechenden Gerichtsbeschluss vorausgesetzt – auch die US-Behörden können mitlesen.
Auf den ersten Blick wirkt das halbherzig, inkonsequent,
unzeitgemäß. Vor wenigen Wochen hat der Marktführer WhatsApp eine stets aktive Ende-zu-Ende-Verschlüsselung
aller Chats eingeführt, sich selbst damit vom Zugriff auf die Inhalte
(nicht aber die Metadaten) seiner Nutzer ausgeschlossen und damit einen neuen
Branchenstandard gesetzt. Der Schritt ließ sich auch als Signal in Richtung der
US-Regierung verstehen, die unter anderem im Streit
mit Apple keinen Zweifel daran ließ, dass sie zum Abhören von Verdächtigen
zu allen technischen und juristischen Mitteln greift. Die
WhatsApp-Verschlüsselung erschwert das Abhören erheblich, die Facebook-Tochter
stellte sich damit klar auf die Seite derer, die in der Abhörpraxis der
Regierung eine Gefahr für die Privatsphäre sehen.
Der Inkognito-Modus in Allo ist eben nur ein Modus
Welchen Eindruck das auf die Branche hatte, lässt sich daran ablesen, dass die Entwickler des populären Messengers Viber kurz darauf ankündigten, ebenfalls eine Ende-zu-Ende-Verschlüsselung aller Chats und VoIP-Anrufe ihrer mehr als 700 Millionen Nutzer einzuführen.
Jetzt drängt Google auf einen gesättigten Markt und hinkt in Sachen Sicherheit einen Schritt hinterher. Zwar ist die eingesetzte Verschlüsselung die gleiche, die auch WhatsApp benutzt. Entwickelt wurde sie von Open Whisper Systems, zuerst eingesetzt wurde sie in der Open-Source-App Signal. Das zugrundeliegende Protokoll gilt als vorbildlich. Aber der sogenannte Inkognito-Modus in Allo, in dem alle Chats verschlüsselt werden, ist eben nur eine Option, die Nutzer aktiv auswählen müssen.
KI
Wettkampf im Valley
Schon hinter der heutigen Technik steckt oft künstliche Intelligenz. Um ihren Einsatz voranzutreiben, die besten Forscher anzulocken und für sich selbst zu werben, zeigen die Unternehmen im Silicon Valley der Öffentlichkeit, was sie können.
Andy Greenberg vom US-Magazin Wired hält es für möglich, dass die optionale Verschlüsselung ein Zugeständnis von Google an die US-Strafverfolger sein könnte. Dafür gibt es allerdings keine Belege und es wäre auch ein erbärmliches Signal im Post-Snowden-Zeitalter.
Viel naheliegender ist Googles eigentlicher Trumpf: Allo-Nutzer kommunizieren nicht nur untereinander, sondern auch mit Googles Chatbot, hinter dem Googles geballte KI-Infrastruktur (Künstliche Intelligenz) steckt. Für Allo-Nutzer soll die wie ein virtueller Assistent erscheinen, der zum Beispiel Motive auf Fotos erkennt und typische Antworten vorgibt, die ein Nutzer dann nur noch antippen muss, statt sie selbst zu schreiben. Sie soll zudem in laufenden Chats erkennen, ob sich die Teilnehmer gerade zum Essen verabreden und dann von Restauranttipps in der Nähe bis zur Tischreservierung alles so anbieten, dass die Nutzer es mit wenigen Aktionen innerhalb der App erledigen können. Dazu ist es aber nötig, dass Googles KI die Chats auf den Servern des Unternehmens analysiert – eine Ende-zu-Ende-Verschlüsselung würde das unmöglich machen.
End-to-end encryption and cloud-powered AI chatbots are incompatible. The default mode in chat apps will either favor privacy or AI chatbots
— Christopher Soghoian (@csoghoian) 19. Mai 2016
Google hätte auf dem Messenger-Markt keine Chance, wenn es nur eine WhatsApp-Kopie anböte. Deshalb ist sein noch namenloser digitaler Assistent der Versuch, Googles eigene Dienste – allen voran die Suchmaschine – und auch Dienste von Drittanbietern auf einer Ebene zu bündeln. Diese müssen Nutzer dann nicht mehr verlassen. So wie auch Facebook und Microsoft will Google mit seinen Allo-Chatbots eine neue Benutzeroberfläche etablieren, unter der alles liegt, womit Google und andere ihr Geld verdienen. Das Unternehmen vertraut darauf, dass Abhörsicherheit den meisten Menschen immer noch weniger wichtig ist als maximale Bequemlichkeit.
Kommentare
"Google selbst und – einen entsprechenden Gerichtsbeschluss vorausgesetzt – auch die US-Behörden können mitlesen. "
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Seit wann kümmert sich die NSA um Beschlüsse eine öffentlich tagenden Gerichts? In der folgenden Geheimgerichtsverhandlung wird dann schon dafür gesorgt werden, dass die NSA auch hierbei ein Hintertürchen erhält - auch bei den verschlüsselten Daten.
Wer auf Datenschutz Wert legt, sollte um US-Anbieter nach wie vor einen großen Bogen machen.
Zur gleichen Passage: wenn es um uns "Ausländer" geht braucht es nicht einmal einen Gerichtsbeschluss(um den, wie Frank-Werner bereits angemerkt hat, sich die NSA sowieso einen feuchten Kehricht kümmern würde).
Wir sind nach wie vor für alle US-Behörden Freiwild.
Dazu:
Meiner Meinung nach ist für eine echte E2E-Verschlüsselung Mindestvoraussetzung, dass der Nutzer selbst die Kontrolle über die Schlüsselverwaltung hat. Wenn das nicht vorliegt kann bei einer Closed Source Software der Softwarehersteller jederzeit ohne Kontrolle und "Awareness" durch den Nutzer einen "Spezialschlüssel" verwenden, der jede Sicherheit in die Tonne kippt. Dabei ist es völlig egal, wo der Schlüssel physisch abgelegt ist.
Ich wundere mich über die Naivität, mit der jetzt auch hier in ZON die "neuen Errungenschaften" des US-Konzern-Privatsphärenschutzes schöngeredet werden. Wahrscheinlich ist der Wunsch Vater des Gedankens.
Die können noch sonstwas erfinden, solange das Datenschutzproblem nicht gelöst ist, werde ich (leider)auf all die Neuerungen verzichten. Die einzigen die sich keine Gedanken machen und somit Hauptkonsumentenschicht sind, sind schlichte und desinterressierte Bevölkerungsgruppen.
Das ist ja eine sehr schöne Sicht: Alle die etwas nutzen was Ihnen nicht gefällt sind pauschal "schlichte und desinteressierte Bevölkerungsgruppen". Vielleicht sind manchen Menschen bestimmte Dinge einfach wichtiger als andere. Deswegen sind sie aber keinesfalls schlicht und desinteressiert. Man könnte eher Ihnen Desinteresse an Neuerungen unterstellen.
Sehenswert: http://www.srf.ch/kultur/...
Entfernt. Bitte verzichten Sie auf nicht belegbare Äußerungen. Die Redaktion/mak