Schon blöd, wenn man eine der praktischsten Funktionen des iPhone nicht nutzen kann, nur weil man im falschen Land lebt. Im September 2014 stellte Apple sein mobiles Bezahlsystem vor, Tim Cook und Eddie Cue schienen auf der Bühne vor Stolz fast zu platzen. Apple Pay, schwärmten sie, sei wahnsinnig komfortabel und gleichzeitig deutlich sicherer und privatsphärenfreundlicher als der Einsatz einer Kreditkarte. Doch knapp zwei Jahre später warten viele iPhone-User weltweit immer noch auf die offizielle Einführung von Apple Pay in ihrem Land.

Nach den USA, Großbritannien, Kanada, Australien, China und Singapur kommen als Nächstes die Apple-Nutzer in Frankreich, der Schweiz und in Hongkong in den Genuss des kontaktlosen Bezahlens. In Deutschland hingegen wird es den Dienst weiterhin nicht geben, auch wenn man annehmen darf, dass Apple das gerne so bald wie möglich ändern würde. Offenbar hat es das Unternehmen aber noch nicht geschafft, sich mit den hiesigen Banken und Sparkassen zu einigen, und die bringen jetzt lieber noch schnell eigene Bezahlsysteme auf den Markt.

Zudem ist schwer abzusehen, wie bereit die Deutschen für das Zeitalter des mobilen Bezahlens schon sind. Sie zahlen nämlich einfach gerne bar, selbst bei höheren Beträgen zücken sie vergleichsweise selten die Karte, vom Smartphone mit einer Bezahl-App ganz zu schweigen. 

Die passenden Terminals gibt es auch in Deutschland

Die Infrastruktur ist noch das kleinste Problem. Viele Einzelhändler haben die passende NFC-Technologie (Near Field Communication) bereits in ihren Bezahlterminals nachgerüstet. Wer aus einem mit Apple Pay gesegneten Land kommt und in Deutschland auf Shoppingtour geht, kann das System deshalb auch hierzulande nutzen, um zum Beispiel bei Starbucks, Rossmann oder Rewe einzukaufen.

Wer dagegen nicht aus einem Apple-Pay-Land kommt, kann einfach so tun als ob. Voraussetzungen sind etwas Geduld und das richtige iPhone mit NFC-Technologie, also ein iPhone 6, 6+, 6s, 6s+ oder iPhone SE. Und so geht's:

Der Trick ist eine virtuelle Kreditkarte

Benötigt wird eine ausländische Kreditkarte – aber keine aus Plastik. Eine virtuelle Kreditkarte aus einem Apple-Pay-Land reicht aus. Das sind oft virtuelle Prepaid-Karten, die mittels anderer Zahlungswege von den Nutzern mit Guthaben aufgeladen werden können.

Hilfreich für iPhone-Nutzer ist kurioserweise der deutsche Zahlungsdienstleister Wirecard mit seiner App boon. Diese gibt es aber nur im App Store von Großbritannien, wo Apple Pay offiziell unterstützt wird.

Schritt 1

Um die boon-App aus dem UK-App-Store laden zu können, braucht man eine UK-Apple-ID. Die ist kostenlos und kann hier erstellt werden.

Tipp: Das Feld Zahlungsmittel frei lassen und bei der Adresse hilft ein Online-Kartenservice. Oder wie wäre es zum Beispiel mit dem Büro des obersten Datenschützers?

Schritt 2

Die App boon im App Store © Screenshot Felix Betzin / ZEIT ONLINE

Mit der neu erstellten Apple-ID kann man sich nun im iPhone unter Einstellungen -> iTunes & App Store anmelden und anschließend die boon-App im App Store suchen und herunterladen. Direkt danach kann man wieder seine gewohnte Apple-ID einstellen.

Schritt 3

Nach dem ersten Öffnen der boon-App folgt man einfach dem Einrichtungsassistenten. Für die Verifizierungs-SMS ist es ratsam, eine echte Handynummer anzugeben. Ob man im Adressfeld die eigene oder eine Fantasie-Adresse angibt, ist egal.

Schritt 4

Regional-Einstellungen auf dem iPhone © Screenshot Felix Betzin / ZEIT ONLINE

Nach erfolgreicher Einrichtung ist man nicht nur stolzer Besitzer von fünf britischen Pfund Startguthaben, sondern bekommt auch angeboten, die virtuelle Kreditkarte in Apples Wallet-App zu hinterlegen. So funktioniert es auch in jenen Ländern, in denen es Apple schon offiziell gibt: In der Wallet kann man mehrere Kredit- und andere Karten hinterlegen, beim Bezahlen sucht man sich jedes Mal eine davon aus.

Allerdings hat Apple die Funktion in den Regional-Einstellungen für Deutschland ausgeblendet. Via Einstellungen -> Allgemein -> Sprache & Region stellt man diese kurzfristig auf das Vereinigte Königreich um. Dann funktioniert es.

Schritt 5

Ist die Karte hinterlegt, startet man den Bezahlvorgang im Sperrbildschirm durch doppeltes Drücken der Home-Taste am unteren Bildschirmrand. Was früher die PIN war, ist heute der Fingerabdruck: Touch ID verifiziert den Bezahlvorgang.

boon in der Apple Wallet © Screenshot Felix Betzin / ZEIT ONLINE

Wer die neue Art des Bezahlens ausprobieren will, kann das zumindest in Berlin bei Starbucks, Lidl, Rossmann und Rewe ausprobieren. Aber auch Shell-Tankstellen und Saturn-Märkte sollen bereits NFC-taugliche Bezahlterminals einsetzen. Wer an der Kasse dieses Zeichen sieht, sollte Apple Pay nutzen können.

Nachdem das Startguthaben aufgebraucht ist, kann man nun in der boon-App mit seiner deutschen Kreditkarte die virtuelle Karte aufladen. Vorausgesetzt, die Plastikversion unterstützt das Verfahren 3D Secure – die eigene Bank gibt hier Auskunft. Wie das geht, erfährt man in der App. Informationen zu den Transaktionsgebühren von boon gibt es hier.

Wenn sich der Umweg herumspricht, wird Apple ihn möglicherweise blockieren. Dann müssen Apple-Nutzer wohl doch auf die offizielle Einführung von Apple Pay in Deutschland warten. Oder einfach weiter ihren Kaffee mit Münzen bezahlen.

Hinweis: ZEIT ONLINE hat den Umweg erfolgreich nachvollzogen, dabei allerdings kein Startguthaben von boon bekommen. Wer es ebenfalls ausprobieren will, muss also möglicherweise auch erst sein boon-Guthaben über die eigene Kreditkarte aufladen.

Update vom 8.7.: Das Startguthaben in Höhe von fünf Pfund für Neukunden gibt es derzeit nicht.