Verdammtes Internet. Man kommt kaum noch hinterher, zu alt für etwas zu sein. Wer jetzt noch damit beschäftigt ist, Snapchat nicht zu verstehen, verpasst schon das nächste große Ding: musical.ly.

Knapp 100 Millionen Menschen nutzen die App für iOS und Android schon, die meisten von ihnen dürften zwischen 13 und 25 Jahre jung sein. Was sie tun, ähnelt auf den ersten Blick einem Popstar-Trockenschwimmen aus der Selfie-Perspektive: Sie bewegen ihre Lippen zu angesagten Songs, führen dabei eine passende Choreografie auf und filmen das Ganze mit dem Smartphone. Das Ergebnis sind maximal 15-sekündige Videos, in denen Teenager oft irritierend ironiefrei versuchen, wie ihre musikalischen Helden auszusehen.

Auf den zweiten Blick steckt mehr hinter musical.ly. Es ist nicht die erste und einzige Lip-Sync-App, das Berliner Start-up Mobile Motion etwa hat mit Dubsmash und einem ähnlichen Konzept einigen Erfolg. Aber in musical.ly entsteht gerade eine Kunstform. Eine, mit der alle Ü30 eher wenig anfangen können, die Jüngeren und die Musikindustrie umso mehr.

Nicht nur tanzen, turnen, grimassieren, fuchteln und schauspielern die Nutzer mehr oder weniger passend zu aktuellen Popsongs. Mit Stop Motion, Zeitraffer und Zeitlupen, die schon bei der Aufnahme berücksichtigt werden müssen (hier eine Anleitung), reichern sie ihre Videos auch mit allerlei Effekten an. Ein Video zu produzieren kann deshalb schon mal eine halbe Stunde dauern.

Lip-Sync zu Musik ist keineswegs das einzige Genre. Comedy und Artistik können ebenfalls eine "Challenge sein" – so heißen die mit einem Hashtag versehenen Aufgaben. #WillItJuggle etwa ist ein Aufruf, mit irgendetwas zu jonglieren, bei #OneFriendThatsTooHealthy geht es darum, einen lustigen Dialog nachzuspielen.

So entstehen Wettbewerbe um das beste Video – Musical genannt – des Tages und eine hyperaktive Community aus "Musern". Anders als bei Snapchat geht es hier darum, gefunden zu werden und seine Werke mit möglichst vielen zu teilen, auch außerhalb der App, also auf Facebook, YouTube oder Instagram.

live.ly plus musical.ly ergibt Echtzeit-Kommunikation

Nun kommt eine weitere Ebene hinzu: Live-Streaming. Da geht es nicht mehr um Showeinlagen, sondern vorwiegend um Videochats, in denen zum Beispiel mehr oder weniger bekannte Muser die Fragen ihrer Fans beantworten. Im Moment brauchen Nutzer zum Erstellen von Live-Videos eine zweite App namens live.ly, zusehen kann man schon jetzt auch in musical.ly. Früher oder später wird live.ly in musical.ly aufgehen. Die App bekommt dann quasi einen integrierten Echtzeit-Kommunikationskanal. Bisher gibt es nur die Möglichkeit, anderen Musern kurze Nachrichten zu schreiben.

Live.ly stand binnen kürzester Zeit auf Platz eins der App-Store-Charts von Apple, zumindest in den USA, die Erweiterung wird also möglicherweise der zweite Hit der musical.ly-Macher.

Das Start-up wird schon mit 500 Millionen Dollar bewertet

Man kann das alles problemlos hirnerweichend, abendlandgefährdend oder einfach egal finden. Aber das Start-up aus Shanghai ist drauf und dran, ein Einhorn zu werden – ein Unternehmen, das auf dem Papier mehr als eine Milliarde Dollar wert ist. Schon im Mai wurde es mit Risikokapital zugeschüttet und infolgedessen mit rund 500 Millionen Dollar bewertet.

Die Suche nach einem Geschäftsmodell läuft dagegen noch, jedenfalls auf Seiten der Betreiber. Die ersten Nutzer verdienen hingegen schon Geld mit ihren 15-Sekunden-Videos, zum Beispiel die Geschwister Chany Dakota und Joely White aus Hessen, die eigentlich anders heißen, ihre richtigen Namen aber lieber nicht veröffentlicht sehen. Die beiden haben rund 250.000 Fans auf musical.ly. Das ist recht wenig im Vergleich zu den bekanntesten Musern in den USA mit ihren mehr als sieben Millionen Anhängern, aber in Deutschland schon eine beachtliche Zahl. "Unseren Fans gefällt die Musik im Hintergrund, und wenn wir uns gut dazu bewegen, kommt das richtig gut an", sagt Joely. Schließlich seien viele Musicals "kleine Kunstwerke". Chany nennt musical.ly "die App der Zukunft". Und sie ist damit nicht allein: "Wir bekommen tagtäglich Angebote für Product Placement", sagt sie.