Amerikanische Kampfdrohnen können ein Mobiltelefon am Boden bis auf wenige Meter genau orten. Alles, was sie dazu brauchen, ist die Mobilfunknummer oder die Gerätenummer des Telefons (IMEI) beziehungsweise der SIM-Karte (IMSI). Zu diesem Ergebnis kommt der Hamburger Informatikprofessor Hannes Federrath in einem Gutachten für den NSA-Untersuchungsausschuss des Bundestages. Er widerspricht damit einer Aussage, die der Präsident des Bundesamtes für Verfassungsschutz im Juni als Zeuge im Untersuchungsausschuss gemacht hatte: "Nach allem, was ich weiß, sind allein Handytelefonnummern (...) nicht ausreichend, um eine Geolokalisierung vorzunehmen", waren Hans-Georg Maaßens Worte.

Der Untersuchungsausschuss führt einen Indizienprozess gegen die Bundesregierung. Er will auch die Frage klären, ob deutsche Sicherheitsdienste wissentlich mit schuld daran sind, ja es vielleicht erst möglich machen, dass die US-Regierung mithilfe von Kampfdrohnen in anderen Ländern Menschen tötet. Die Bundesregierung, das Bundesinnenministerium und Dienste wie der Verfassungsschutz bestreiten das.

Es ist keine theoretische Frage: Am 4. Oktober 2010 starben in einem Gehöft in Mir Ali in Pakistan die deutschen Staatsbürger Bünyamin Erdoğan und Shahab Dashti Sineh Sar. Eine Hellfire-Rakete, abgefeuert von einer Drohne der CIA, hatte das Haus getroffen und die beiden Deutschen und drei weitere Menschen getötet. Erst am Tag zuvor hatte der Verfassungsschutz den Namen von Erdoğan und Daten zu seinem Handy an die USA übergeben.

"Im Glauben, nicht bei Drohneneinsätzen mitzuwirken"

Die Mitarbeiter des Verfassungsschutzes hätten entsprechende Daten "mit gutem Gewissen und im vollen Bewusstsein übermittelt, dass sie nicht zur Geolokalisierung verwendet werden und auch nicht verwendet werden können", hatte Maaßen ausgesagt. "Sie haben in dem Glauben gehandelt, nicht an den Drohneneinsätzen der USA mitzuwirken."

Auch das Innenministerium behauptete im NSA-Ausschuss, es habe nie einen Zusammenhang zwischen Handynummern und Hellfire-Raketen erkennen können.

An dieser Darstellung gibt es seit einiger Zeit Zweifel. Eine Handynummer genügt selbstverständlich, um Menschen zu töten, hatte der ehemalige US-Drohnenoperator Brandon Bryant bereits im Oktober 2015 im Bundestag ausgesagt. Er selbst habe entsprechende Einsätze geflogen. Bryant berichtete auch von einem System namens Gilgamesh, mit dessen Hilfe Drohnen selbst aus großer Höhe Handys orten könnten.

Gilgamesh ist ein sogenannter IMSI-Catcher, ein Handyfänger, wie er auch von deutschen Behörden eingesetzt wird, um die Position von Mobiltelefonen zu finden. Gilgamesh verhält sich wie eine Funkzelle im Mobilfunknetz. Handys in seiner Reichweite buchen sich automatisch ein, weil sie eine Verbindung suchen. Dabei übermitteln sie ihre Rufnummer, ihre IMEI und ihre IMSI. Die kann das System dann mit den gesuchten Nummern abgleichen.

Da sich die Drohne bei der Ortung bewegt und sich damit ihre Position in Relation zu der des Mobiltelefons verändert, kann sie den Aufenthaltsort des Handys durch Kreuzpeilung der Funksignale bestimmen. Federrath beschreibt in seinem Gutachten mehrere entsprechende Möglichkeiten.