Erinnert sich noch jemand an Google Glass? Die vermeintlich smarte Brille mit eingebauter Kamera, die einige Zeit lang von Auserwählten auf Messen und Technikkonferenzen getragen wurde? Die den Begriff glasshole einführte und vor knapp zwei Jahren von Google eingestampft wurde, weil die Technik in der Öffentlichkeit weder besonders ankam noch besonders gut funktionierte? Falls ja: Es gibt nun einen Nachfolger. Er heißt Spectacles, kommt von Snapchat und sieht auf den ersten Blick ähnlich albern aus.

Am Freitag präsentierte Snapchat-Gründer Evan Spiegel die vernetzte Sonnenbrille in Los Angeles und verpasste seiner Firma gleichzeitig einen neuen Namen: Aus Snapchat, das in den vergangenen Jahren mit der gleichnamigen Messagingapp zu einem der beliebtesten sozialen Netzwerke mit rund 150 Millionen täglichen Nutzern aufstieg, wird Snap Inc. Das Unternehmen will damit zeigen, dass es nun nicht mehr bloß eine App herstellt. Sondern eben auch Hardware.

Spectacles, ein veralteter englischer Begriff für Brille, soll ab dem Herbst für rund 130 US-Dollar verfügbar sein – allerdings zunächst nur in limitierter Auflage. Es gibt nur eine Einheitsgröße, dafür drei verschiedene Farben. Per Tastendruck können die Träger jeweils Zehn-Sekunden-Videoclips über die integrierte Kamera aufnehmen – das ist das Limit von Snapchat, wo die Clips natürlich später hochgeladen werden sollen. Weitere Funktionen jenseits der Kamera scheint es nicht zu geben.

Jede Aufnahme wird automatisch an das Smartphone in der Tasche übertragen. Dort lässt sie sich über Snapchat mit den Freunden teilen. Wie genau die über die Brille aufgenommen Videos dargestellt werden, ist noch unklar. Die Kamera nimmt nämlich Videos sowohl im Weitwinkelformat als auch mit einem zirkularen Fischaugeneffekt auf, berichtet unter anderem das IT-Portal Engadget. Möglicherweise unterstützt die Snapchat-App in der kommenden Version die neue Darstellungsform oder die Aufnahmen werden nach dem Upload entsprechend zugeschnitten.

Kritik an Eingriffen in die Privatsphäre

Im Gespräch mit dem Wall Street Journal sagt Spiegel, der Einstieg in das Hardwaregeschäft sei vorerst keine neue Einkommensquelle für Snap Inc. Er sehe die Brille derzeit vor allem als "ein Spielzeug". Man wolle sie nur gemächlich nach und nach ausliefern und erst einmal sehen, wie sie den Menschen gefällt und was sie damit alles anstellen.

Ein bisschen Zurückhaltung ist angebracht. Schließlich zeigt nicht zuletzt das Beispiel von Google Glass, dass längst nicht alle Menschen von der Idee einer smarten Brille mit eingebauter Kamera überzeugt waren. Der Gedanke, dass jederzeit Menschen mit ihren Brillen alles um sie herum aufnehmen könnten, beunruhigte viele. Zwar soll Spectacles mit einem leuchtenden LED-Ring an der Linse anzeigen, wenn die Kamera läuft. Doch die gleichen Bedenken hinsichtlich der Privatsphäre könnten auch hier auftreten. Allerdings spricht die Begrenzung auf jeweils zehn Sekunden gegen eine dauerhafte Aufnahme.

Spectacles soll das Erfolgsrezept von Snapchat fortführen. Was den Dienst von anderen absetzt, ist die Faszination des ebenso Alltäglichen wie Imperfekten: Während etwa auf Instagram möglichst inszenierte und polierte Fotos erscheinen, sind die sogenannten Snaps auf Snapchat meist spontaner und ungeschliffener – auch, weil sie nach einer kurzen Zeit von selbst wieder "verschwinden", also gelöscht werden. Spectacles soll Momente aus dem Leben der Nutzer noch spontaner aufgreifen als Smartphonekameras. Die Inszenierung, die allein durch die Ausrichtung und Fokussierung eines Handys auf ein Motiv stets stattfindet, soll verschwinden. Stattdessen soll "die Erinnerung durch die eigenen Augen" bewahrt werden, wie es Spiegel in bestem Marketingsprech erzählt.