Das Sinnbild des diesjährigen Mobile World Congress liegt beim chinesischen Hersteller ZTE in einer Glasvitrine. Es ist der namenlose Prototyp eines Gigabit-Phones und soll demonstrieren, wozu Smartphones im 5G-Zeitalter in der Lage sein werden.

5G heißt die nächste Mobilfunkgeneration, die 4G alias LTE folgen wird. 5G ist aber eigentlich mehr als das. 5G wird die technische Basis der vollvernetzten Welt, sozusagen der 5Gesellschaft.

Der ZTE-Prototyp soll einen Ausblick darauf ermöglichen. Was er kann: knapp ein Gigabit Daten pro Sekunde aus einem 5G-Netz herunterladen – mehr als doppelt so viel wie die schnellsten heutzutage verkauften Smartphones der Kategorie LTE Cat 9 schaffen. Zweieinhalb mal mehr, als das derzeit schnellste Netz in Deutschland selbst unter optimalen Bedingungen hergibt.

Der nächste Paradigmenwechsel wird kommen

Was er nicht kann: alles andere. ZTE nennt das Gerät zwar "Smartphone", tatsächlich ist es jedoch wenig mehr ein proof-of-concept in einem grob smartphoneförmigen Plastikrahmen. Fragt man am Stand nach, was Kunden mit einem solchen Smartphone anfangen sollen, nennt ein freundlich-bemühter Mitarbeiter zwei heutzutage reichlich realitätsfremde Szenarien: Man könne "unterwegs mit Freunden" komplette 360-Grad-Virtual-Reality-Inhalte auf eine entsprechende Brille streamen. Oder die Cloud als beliebig große Speichererweiterung des Smartphones nutzen, weil Up- und Download so schnell gehen wie der Zugriff auf den normalen, integrierten Gerätespeicher.

Aber was sollen das für gigantische Dateien sein, das ein gängiger 16- bis 128-Gigabytespeicher nicht mehr ausreicht? Und wer bitteschön setzt sich "unterwegs mit Freunden" eine VR-Brille auf?

Genau das ist der Punkt. Der Begriff 5G ist auf der Messe allgegenwärtig, weil sich die Branche sicher ist, dass die Anwendungen entstehen werden, wenn sie erst einmal möglich sind. Wie genau sie aussehen werden, können die Unternehmen nur erahnen. Aber wie es ein Telekom-Ingenieur (der nicht namentlich genannt werden möchte, weil er kein Sprecher des Unternehmens ist) am Stand ausdrückt: "Die Branche war immer schlecht darin, den nächsten Paradigmenwechsel vorherzusagen. Die wenigen, die das konnten wurden reich. Ich jedenfalls hätte vor zehn Jahren nicht gedacht, dass heute so viele Menschen mit dem Smartphone vor der Nase durch die Gegend laufen und so viele Dinge damit tun würden. Bei 5G sind wir uns aber immerhin sicher, dass es einen Paradigmenwechsel geben wird." Darauf wollen alle vorbereitet sein.

Das vermeintliche Gigabit-Phone von ZTE © Patrick Beuth/ZEIT ONLINE

Im Moment ist 5G so fertig wie das Gigabit-Phone von ZTE. Das Ziel ist klar, wie es erreicht werden kann, prinzipiell auch. Aber noch ist alles Baustelle, vor 2020 wird 5G allenfalls in Testumgebungen existieren. Gerade erst hat die Internationale Fernmeldeunion (ITU) erste Spezifikationen vorgeschlagen, die im kommenden November beschlossen werden könnten:

  • Endkunden wie zum Beispiel Smartphone-Nutzer sollen jederzeit mindestens 100 Megabit pro Sekunde im Download und 50 Megabit pro Sekunde im Upload zur Verfügung haben. Um ein komplettes MP3-Musikalbum herunterzuladen, bräuchte man dann nur eine Sekunde.
  • Mindestens eine Million Geräte pro Quadratkilometer sollen die Netzwerkbetreiber mit 5G versorgen können. Weil etwa einer Ericsson-Prognose zufolge 2020 allein drei Mal so viele Smartphones in Betrieb sein könnten wie heute, also mehr als sechs Milliarden.
  • Wichtig ist auch ein anderes Kriterium: die Latenz – also die Zeit, die ein Datenpaket braucht, um vom Sender zum Empfänger zu gelangen. Vier Millisekunden darf sie nach dem jetzigen Vorschlag im Breitbandnetz der Zukunft betragen, in speziellen, vor allem für industrielle Anwendungen gedachten Netzwerken sogar nur eine Millisekunde. Zum Vergleich: In heutigen LTE-Netzen sind es 20.

Komplett beendet wird der Standardisierungsprozess erst 2020. Zudem brauchen die Netzbetreiber noch die nötigen Frequenzen. Für 5G sind mehrere Frequenzbereiche geeignet und zum Teil auch schon versteigert worden, noch in diesem Jahr soll es weitergehen. Doch über die Modalitäten herrscht Uneinigkeit: Der Telekom-Vorstandsvorsitzende Timotheus Höttges jedenfalls sagte auf dem Mobile World Congress, er wolle vom bisherigen Versteigerungsverfahren mit zeitlich begrenzter Nutzungserlaubnis abrücken und künftig Frequenzspektren einfach kaufen.

Mobile World Congress - Erstes Smartphone mit 4K-Bildschirm vorgestellt In Barcelona ist unter anderem das Sony Xperia XZ Premium mit besonders hochauflösendem Bildschirm präsentiert worden. Laut dem Hersteller wird ein lebendiges, farbiges und kontrastreiches Seherlebnis ermöglicht. © Foto: Emilio Morenatti/AP/dpa

Netzbetreiber werden die 5G-Welt faktisch beherrschen

Das ist nachvollziehbar, denn in der 5Gesellschaft werden Netzbetreiber wie die Telekom wichtiger sein als je zuvor. Selbstfahrende Autos, Smart Citys, Maschine-zu-Maschine-Kommunikation in der Industrie und im Internet der Dinge – das alles wird ohne 5G kaum funktionieren. Wer die notwendige Infrastruktur besitzt, hat die neue Welt praktisch unter seiner Kontrolle. Um die politischen Implikationen geht es in Barcelona zumindest in den öffentlichen Bereichen jedoch nicht. Hier geht es nur darum, welche Technik gerade entwickelt wird, um alles mit allem zu vernetzen.

So sehen denn auch die meisten Vorführungen in Barcelona aus. Nokia lässt Testfahrer in Halle 3 ein Auto steuern, das sich draußen vor der Messe auf einem Parkplatz befindet. Intel simuliert in Matrix-ähnlicher Optik den vernetzten Straßenverkehr der Zukunft, in dem sich Autos gegenseitig vor Schlaglöchern und Hindernissen warnen. Bei der Deutschen Telekom bewegt sich ein Industrieroboter so, wie es ein Mitarbeiter mit Datenbrille und -handschuh vormacht – und zwar mit praktisch nicht mehr erkennbarer Verzögerung.

Gleich daneben hat der Konzern eine Spielzeugrennbahn aufgebaut. Wer eine Augmented-Reality-Brille aufsetzt, sieht eine computergenerierte Landschaft rund um die Rennbahn, je nach Blickrichtung einen anderen Abschnitt. Das soll das Echtzeit-Rendering von AR- oder auch VR-Inhalten über 5G demonstrieren, quasi das eingangs erwähnte ZTE-Szenario: AR oder VR unterwegs, sei es nun "mit Freunden".

Oder, wie der Telekom-Mitarbeiter sagt, bei einer Baustellenbesichtigung mit einem Architekten, der einem Kunden schon mal zeigen will, wie später alles mal aussehen soll. Die Bürger der 5Gesellschaft, da ist er sich sicher, werden nicht ständig komplett in virtuellen Umgebungen abtauchen. Aber sie werden ihre Umwelt so häufig in einer mit Daten angereicherten Version betrachten, wie sie heute schon das Smartphone in die Hand nehmen.