Einen neuen Trend auszurufen und ihn dann zu kommentieren, ist die Königsdisziplin im Technikjournalismus. Das "Nächste Große Ding" (NGD) erkennen und dann aus vollster Überzeugung, aber ohne belastbare Daten zu erklären, warum es so kommen wird. Rund um den Mobile World Congress in Barcelona war es wieder einmal soweit. Das NGD ist angeblich das Nokia 3310, eine moderne Neuauflage des erstmals vor gut 16 Jahren vorgestellten Handyklassikers, hergestellt von der Firma HMD Global und fast genau so erbärmlich ausgestattet wie das Original.

Das 3310 öffne "eine Tür in eine andere Zukunft", heißt es im Atlantic. Weil mittlerweile "nichts weniger sexy und weniger nützlich sei als ein Smartphone". Die Menschen seien genervt von der ständigen Beschäftigung mit den sozialen Netzwerken, verängstigt von einer Gesellschaft, die durch Technik gesteuert werde, angeödet von den immer gleichen flachen Glasquadern in ihren Händen.

So ähnlich klingt es im Guardian. Dort heißt es in aufeinanderfolgenden Absätzen, in Barcelona seien "alle" / "die Welt" / "die entwickelte Welt" nur an einem interessiert, nämlich dem Nokia 3310. Weil Smartphones "langweilig" geworden seien, alle gleich, außer farblich vielleicht.

2017 wird ein großartiger Smartphone-Jahrgang

In beiden Artikeln fabulieren die Autoren dann die vermeintlichen Vorteile und Nutzungsszenarien für das 49-Euro-Nichtsmartphone herbei: Es sei ideal für Kinder, Camper, Festivalbesucher und Whitewater-Rafter (genau, denn wer geht heute noch ohne Mobiltelefon in die Stromschnellen?), weil es unkomplizierter und stabiler sei als ein Smartphone, weil der Akku länger hält, weil es nicht so schlimm ist, wenn es geklaut wird oder verloren geht.

Alles Quatsch.

2017 wird ein großartiges Smartphone-Jahr. Sony zum Beispiel hat mit dem Xperia ZX Premium ein dem ersten Eindruck nach beeindruckendes Gerät entwickelt, mit einem spektakulären 4K-HDR-Display und einer Kamera, die 960 Bilder pro Sekunde aufnehmen kann, für Superzeitlupen, die Katzenvideos auf eine neue Ebene führen werden. Das ist nur halb im Scherz gemeint, denn was Sony an seinem Messestand vorführt, macht wirklich Lust, die Welt in Zeitlupen zu erkunden. Zudem steckt die Technik in einer längsseitig komplett abgerundeten Hülle aus Gorilla Glas 5, mit Metallverstärkungen oben und unten, die erstens stabiler sein dürfte als das Plastik-3310 und zweitens futuristisch genug aussieht, um noch heute als Gadget in einem Science-Fiction-Film durchzugehen.

Meizu lädt einen Smartphone-Akku jetzt in 20 Minuten komplett auf. Huawei und LG stecken Kameras und Software in ihre Geräte, die auf die vorläufige Spitze treiben, was Menschen heute halt gerne machen: mehr oder weniger künstlerisch-professionell wirkende (Selbst-)Porträtfotos für die (Selbst-)Bestätigung und Aufmerksamkeit in sozialen Netzwerken.

Zwei weitere Höhepunkte kommen erst noch, der erste von Samsung: Den Koreanern ist zuzutrauen, mit dem Galaxy S8 das Desaster um brennende Note-7-Geräte vergessen zu machen und neue Maßstäbe für Android-Smartphones zu setzen. Schon allein, weil Samsung das mit der S-Reihe seit Jahren immer wieder schafft. Am 29. März wird das S8 der Öffentlichkeit vorgestellt.

Möglicherweise hat es einen eingebauten virtuellen Assistenten namens Bixby, der noch einmal verdeutlichen wird, wie natürliche Konversation zur Benutzeroberfläche der Zukunft wird. Bixby muss und wird anfangs alles andere als perfekt sein. Amazons Alexa, Googles Assistant, Microsofts Cortana und Apples Siri sind es ja auch nicht. Aber sie alle zeigen, wohin sich Mensch-Maschine-Kommunikation dank künstlicher Intelligenz, dank immer leistungsfähigerer Prozessoren und immer breitbandigerer Netze bis hin zu 5G entwickelt. Egal, ob man das nutzen mag oder nicht: Faszinierend ist es auf jeden Fall schon, den Maschinen sozusagen beim Lernen zuzuschauen.