Zwischen neu und alt liegen nur wenige Millimeter. Neu ist bezel-less, der aktuelle Fetisch der englischsprachigen Fachpresse. Bezel-less meint Displays fast ohne erkennbare Einfassung. Smartphones, die wie Glasscheiben aussehen. Alt sind dagegen rechteckige Bildschirme mit schwarzen, mindestens zwei Millimeter dicken Umrandungen, zuzüglich Gehäuse. Smartphones, die wie Minifernseher aussehen. 

High-End-Geräte im Jahr 2017 haben bitteschön randlos zu wirken, sonst kommt die Designpolizei. Mit dem S8, das heute Abend der Weltöffentlichkeit vorgestellt wird und das längst in praktisch allen Details glaubwürdig geleakt wurde, arbeitet sich nun auch Samsung am neuen Schönheitsideal ab.

Die Koreaner versuchen, das Smartphone-Gehäuse weitgehend verschwinden zu lassen. An den Längsseiten biegt sich das Displayglas über die Kante, wie vorab an die Öffentlichkeit gelangte Fotos zeigen. Auch die Ecken sind abgerundet. Der Bildschirm geht dadurch an allen Seiten fließend über ins Gehäuse, das dadurch nicht mehr wie eine Einfassung wirkt, sondern wie ein Kissen fürs Display. Um den Eindruck nicht zu stören, gibt es auch keine physischen Buttons mehr auf der Vorderseite. Der Fingerabdrucksensor wird auf die Rückseite verbannt, gleich neben die Kameralinse, die hoffentlich irgendwie unempfindlich ist gegen fehlgeleitete, fettige Fingerabdrücke.

Geleakte Bilder vom Samsung Galaxy S8

Angefangen hat Samsung mit diesem Desgin im Prinzip schon bei den Modellen S6 Edge und Note 5 Edge, auf deren abfallenden Display-Rändern aber noch virtuelle Knöpfe und Funktionen untergebracht waren. Die sind jetzt weg, alles ist Display.

Andere Hersteller versuchen sich ebenfalls an der Abschaffung des Rahmens. Xiaomi etwa hatte die Fachwelt in Aufregung versetzt, als es im Herbst 2016 erste, geschickt inszenierte Bilder des Mi Mix veröffentlichte. Das Smartphone erschien darauf an drei Seiten praktisch randlos, mehr bezel-less war nie. Wie sich Anfang des Jahres herausstellte, entsprach der erste Eindruck nicht ganz der Realität, das Mi Mix hat sehr dünne, aber doch erkennbare Ränder. Der Effekt ist dennoch beeindruckend: die Vorderseite des Mi Mix besteht zu 88 Prozent aus Displayfläche. Buttons finden sich dort keine, nicht einmal Öffnungen für Lautsprecher und Mikrofon. Stattdessen wird die Stimme über ein piezoelektronisches System übertragen, das den Schall über das Gehäuse weiterleitet. Ein 6,4-Zoll-Display bringt Xiaomi auf diese Weise in einem Rahmen unter, der kaum größer ist als der von aktuellen Geräten mit einem 5,5 Zoll großen Bildschirm.

PR-Foto vom Xiaomi Mi Mix © Xiaomi

Ansatzweise rahmenlos könnte auch das erste Smartphone des Android-Erfinders Andy Rubin werden, wenn es irgendwann auf den Markt kommt. Essential heißt das Hardware-Start-up von Rubin, und ein erstes Foto hat er nun lanciert, um schon ein wenig Aufmerksamkeit zu erzeugen.

Auch Huawei und LG haben in ihren neuen Top-Modellen P10 beziehungsweise G6 versucht, möglichst viel Display auf möglichst wenig Gehäuse zu verbauen. Einen Bezel-less-Bonuspunkt haben sie zwar nicht verdient, aber immerhin sind die Geräte sehr kompakt geraten, jedenfalls im Vergleich zu bisherigen Smartphones mit vergleichbar großen Bildschirmen. Das dürfte auch beim S8 der Fall sein, sowohl in der kleinen Ausführung, die ein 5,8-Zoll-Display haben wird, wie auch in der angeblich S8 Plus genannten Version mit 6,2 Zoll-Bildschirm.

Die banale Deutung dieses Trends lautet: Den Herstellern fällt halt nichts anderes mehr ein, um ihre Geräte irgendwie anders und fortschrittlicher aussehen zu lassen als die flachen Quader der vergangenen Jahre. Das Ende der Smartphone-Innovation ist erreicht, sagen schließlich manche. Wenn man schon nichts Neuartiges hinzufügen kann, nimmt man wenigstens etwas Altes weg, und seien es auch nur zwei Millimeter Rahmen.