Ein bisschen widersprüchlich ist es ja schon. Da gibt es ein neues Smartphone, das nach Angaben seiner Entwickler kein gewöhnliches Gerät sein soll, sondern eines für Liebhaber, Nerds und Andersdenkende. Der Name dieses Geräts allerdings lautet Essential, was wahlweise mit "wesentlich", "unverzichtbar" oder "notwendig" übersetzt werden könnte. Ja, was denn nun – soll es essenziell oder besonders sein? Oder doch beides?

Fragen wie diese muss sich Andrew "Andy" Rubin bis zum Verkaufsstart im Juni stellen lassen. Er ist der Kopf hinter dem Essential Phone, das am Dienstag ohne große Präsentation erstmals vorgestellt wurde. Schon länger war bekannt, dass der Programmierer und ehemalige Android-Chefentwickler ein eigenes Smartphone herausbringen würde. Nun sind die Details bekannt und damit ein erster Blick in die Technikzukunft, die Rubin sich vorstellt.

Ein Android-Smartphone der Oberklasse

Das Essential Phone, kurz PH-1, wird zunächst nur in den USA erhältlich sein. Es wird mit einem Verkaufspreis von 699 US-Dollar ein Gerät der Oberklasse sein, das es mit Modellen von Samsung oder Apple aufnehmen soll. Der Bildschirm ist 5,7 Zoll groß bei einer Auflösung von 2.560 mal 1.312 Pixeln und soll ähnlich dem Samsung Galaxy S8 fast die gesamte Oberseite des Geräts ausfüllen. In einer auffälligen "Lücke" am oberen Rand sitzt die Selfiekamera.

Das PH-1 verfügt über einen aktuellen Qualcomm-Prozessor, vier Gigabyte Arbeitsspeicher und 128 Gigabyte internen Speicher. Eine Erweiterungsmöglichkeit gibt es ebenso wenig wie eine Klinkenbuchse für Kopfhörer – hier hat sich Essential offenbar vom iPhone inspirieren lassen. Die Dual-Kamera mit 13-Megapixel und je einem Farb- und einem Schwarz-Weiß-Sensor dagegen erinnert an die jüngsten Huawei-Modelle.

Einzigartig ist dagegen der Rahmen. Er besteht nicht etwa aus Aluminium und Glas, sondern aus einer Mischung aus Titan und Keramik – etwas, das Apple angeblich versucht, aber nicht hinbekommen habe, wie Rubin im Gespräch mit dem US-Portal Wired erzählt. Essential aber habe ein kleines deutsches Unternehmen gefunden, das Titan so verarbeitet, dass sich damit auch Smartphonegehäuse herstellen lassen.

360-Grad-Kamera und pures Android

Auf der Rückseite gibt es keinen Firmennamen, kein Branding und kein Logo. Stattdessen einen Fingerabdruckscanner und Magnetpunkte, über die sich Accessoires wie eine 360-Grad-Kamera anstecken lassen. Die gibt es zum Verkaufsstart gleich dazu, mehr Erweiterungen sollen folgen. Dass in der Vergangenheit Smartphones mit Modulen stets gescheitert sind, stört Andy Rubin nicht. Er glaubt, dass Verbraucher sich ein gutes Smartphone und die Möglichkeit wünschen, es mit ebenso guten Produkten erweitern zu können. Die Technik soll Open Source sein, sodass auch Dritte Accessoires entwickeln können.

Andy Rubin glaubt ebenfalls an den Wunsch nach einem Betriebssystem ohne Schnickschnack. Das PH-1 enthält deshalb die aktuellste Android-Version, wie sie direkt von Google kommt. Keine Anpassungen, keine zusätzliche Software. Das Essential Phone soll der Idee des ultimativen Android-Smartphones möglichst nahe kommen und ein weiteres Alleinstellungsmerkmal sein. Jedenfalls für Nutzer, die auf so etwas wert legen. "Wir sind nicht für jedermann", sagt Jason Keats, Head of Product Architecture, im Gespräch mit Wired. Ein bisschen exklusiv soll es schon sein, jedenfalls fürs Erste. Auch weil Essential offen zugibt, nicht mal eben 50 Millionen Exemplare herstellen zu können. Zu groß darf die Nachfrage also nicht sein.

Das Angebot an vermeintlich abseitigen, ungewöhnlichen Smartphones ist groß. In der Nische gibt es von futuristischen Designs über Geräte mit hochwertigen Materialien hin zu mutmaßlich sicherer Software so ziemlich alles. Nie war es leichter, ein Smartphone herzustellen. Nie war es schwerer, damit auch erfolgreich zu sein. Neben den Weltmarktführern Apple und Samsung ist nicht mehr viel Platz in den Hosentaschen der Menschen, das mussten in den vergangenen Jahren auch namhafte Hersteller wie HTC, Sony oder LG erfahren. Nischenerfolge wie die Produkte des chinesischen Herstellers OnePlus sind die Ausnahme.