Berlin ist, wie jede Großstadt, ziemlich laut. Das merke ich jeden Tag auf dem Weg zur Arbeit. An meiner Tram-Haltestelle quietschen die Straßenbahnen um den Kreisel. Am S-Bahnhof dröhnen die vorbeibrausenden Autos und Lkw. Irgendwo bellt kein Hund, aber der Bass aus dem Club auf der anderen Seite der Gleise wummert noch lange über das Wochenende hinaus. Die Bahn, vollgepackt mit Menschen, eine Melange aus Sprachen, Stimmen, blechernen Ansagen aus der Konserve. Und im Großraumbüro folgt Gemurmel, Telefonklingeln und das Verzweifeln der tischtennisspielenden Kollegen.

Nun könnte ich das natürlich alles ausblenden. Das mache ich auch, zumeist mit Musik in meinen klassischen In-Ear-Hörern. Andere Kollegen schwören auf abschottende Kopfhörer, manche sitzen gar mit einem ursprünglich für Bauarbeiter gedachten Gehörschutz im Büro. Inzwischen gibt es aber noch eine dritte Lösung zwischen Ausblenden und Übertönen: Ohrhörer, mit denen sich der Klang der Umwelt nach Belieben filtern und verändern lässt.

"Computational hearing" nennt Noah Kraft das, computerunterstütztes Hören. Kraft ist der CEO des Start-ups Doppler Labs aus San Francisco, das in diesem Jahr die Here One Ohrhörer auf den Markt gebracht hat. Seit Kurzem sind die kabellosen Bluetooth-Hörer auch in Europa verfügbar, unter anderem bei Amazon. Sie stehen einerseits in Konkurrenz zu Bluetooth-Hörern von anderen Start-ups wie Bragi, Earin oder Myanmu, haben aber andererseits auch einige Alleinstellungsmerkmale. "Wir glauben, dass sich die Computer künftig im Ohr befinden", sagt Kraft im Gespräch mit ZEIT ONLINE, "und dass diese Geräte eines Tages besser sein werden als unsere echten Ohren."

Groß, aber komfortabel

Auf den ersten Blick wirken die Here One riesig, jedenfalls verglichen mit meinen schmalen, kabelgebundenen In-Ear-Hörern. Gummiaufsätze in verschiedenen Größen sollen garantieren, dass sie möglichst in alle Lauscher passen, doch der größere – und nicht anpassbare – Teil der Hörer sitzt in der Ohrmuschel. Anders als bei Apples AirPods ragt bei den Here One kein weißes Stäbchen aus dem Ohr, unauffällig sind die Hörer deshalb aber nicht. Dafür habe ich aber auch nicht ständig die Sorge, sie könnten rausfallen. Einmal richtig eingesetzt, bleiben sie auch im Ohr und schmerzen auch nach zwei Stunden am Stück nicht. Viel länger kann man sie ohnehin nicht tragen, aber dazu gleich mehr.

Bevor ich die Hörer nutzen kann, muss ich zunächst sie auf meinem Smartphone als auch mich als Nutzer bei Here One registrieren. Das funktioniert ausschließlich über eine App, die es für iOS und Android gibt. Das ist gleich der erste Nachteil im Vergleich zu vielen gängigen Bluetooth-Hörern: Sie einfach mit einem Laptop zu verknüpfen, auch auf Kosten einiger Funktionen, wie es bei den AirPods der Fall ist, geht nicht. Die Option werde aber gerade mit einigen ausgewählten Nutzern getestet, sagt Kraft. Doppler Labs sucht dennoch in erster Linie Kunden, die vor allem mobil unterwegs sind und ihr Smartphone stets griffbereit haben.

Für die Registrierung muss ich eine E-Mail-Adresse und ein Passwort angeben. Das Profil ist notwendig, um später die Ohrhörer auf meine Bedürfnisse einstellen zu können. Das Pairing über Bluetooth geht schnell, allerdings konnte sich mein Android-Smartphone nach einigen Tagen plötzlich nicht mehr verbinden und ich musste die Hörer komplett neu aufsetzen. Vielleicht lag es einfach an meiner Hardware.

Die Soundqualität überzeugt

Sind die Here One eingerichtet, erfüllen sie derzeit drei zentrale Funktionen. Erstens kann ich mit ihnen telefonieren oder virtuelle Assistenten wie Siri oder Google Assistant nutzen, denn sie enthalten ein Mikrofon. Um einen Anruf anzunehmen, muss ich auch nicht das Smartphone aus der Tasche nehmen: Ein einfacher Druck auf die Touch-Schaltfläche in der Mitte der Ohrhörer genügt. Ein doppelter Klick beendet das Gespräch. Die Sprachqualität ist ordentlich, auch wenn sich Umgebungsgeräusche wie Wind oder das Einfahren der U-Bahn erwartungsgemäß negativ auswirken. Wenn kein Anruf eingeht, öffnet ein Doppelklick den Assistenten, über den ich Kontakte anrufen oder Informationen abfragen kann. So weit, so unspektakulär.

Über die App lassen sich Umgebungsgeräusche ausblenden oder anpassen. © Doppler Labs

Zweitens kann ich – Überraschung! – damit Musik hören. Der Punkt ist schon interessanter, denn die Qualität der Here One ist für Bluetooth-Hörer erstaunlich gut. Ich persönlich finde den Klang sogar besser als den der Apple AirPods, allerdings schirmen die Here One auch effektiver ab. Der Bass ist druckvoll, ohne zu sehr betont zu sein, die Höhen sind klar und das minimale Hintergrundrauschen höre ich wenn dann nur in der Pause zwischen zwei Titeln. Wer will, kann innerhalb der App den Ton auch noch nach Belieben ändern, also etwa den Bass verstärken oder mit Effekten spielen.

Leider kann die Bluetooth-Verbindung mit der guten Soundqualität nicht mithalten. Solange das Smartphone in der Hosentasche oder auf dem Schreibtisch liegt, ist sie stabil. Doch schon nach wenigen Metern reißt sie ab. Während ich mit den AirPods im Büro auch aufs Klo oder in die Küche gehen kann, muss ich bei den Here One auf den Soundtrack im stillen Örtchen verzichten. Die Ohrhörer verbinden sich zwar schnell wieder, wirklich frei fühlt sich das dann aber nicht mehr an. Aber wie gesagt: Die Here One sind ein Produkt für Menschen, die ihr Smartphone ohnehin nicht aus den Augen lassen.