SMS schreiben tötet. Im falschen Moment eine WhatsApp-Nachricht schicken oder die neusten Likes auf Instagram checken auch. Das ist nicht übertrieben: Nach Erhebungen der US-Behörde für Straßensicherheit NHTSA starben im Jahr 2015 knapp 3.500 Menschen in den USA, weil sie am Steuer abgelenkt waren, unter anderem durch Smartphones. Die Anzahl der Verletzten lag in den USA 2013 einer anderen Studie zufolge bei mehr als 400.000.

Apple will das ändern, jedenfalls ein bisschen. Geht es nach dem Unternehmen, sollen iPhone-Nutzer sich künftig besser auf die Straße konzentrieren können: Auf der Entwicklerkonferenz WWDC präsentierte Apple eine neue Funktion für das kommende Betriebssystem iOS 11, die eingehende Anrufe, SMS und Benachrichtigungen während der Fahrt automatisch abgeschaltet.

Do Not Disturb While Driving – während der Fahrt nicht stören – heißt diese Funktion. Ist sie aktiviert, kann das iPhone oder iPad erkennen, ob der Besitzer sich gerade in einem fahrenden Auto befindet. Entweder, weil es per Bluetooth oder Kabel mit dem Entertainmentsystem des Autos verbunden ist. Oder weil es einen sogenannten Dopplereffekt über WLAN feststellt: Das Signal von WLAN-Netzwerken verändert sich, je nachdem wie schnell man unterwegs ist, und diese Veränderung kann das iPhone feststellen, vereinfacht gesagt.

Der Bildschirm bleibt dunkel

In diesem Fall sind sämtliche Benachrichtigungen deaktiviert. Das iPhone gibt keine Signaltöne von sich, vibriert nicht und auch der Bildschirm bleibt dunkel. Wahlweise können die Besitzer einstellen, den Personen, die versuchen, sie während der Fahrt zu erreichen, automatisch eine Nachricht zukommen zu lassen: "Ich fahre gerade, ich antworte später." Unklar ist derzeit noch, mit welchen Diensten dieses Feature  funktionieren wird. Während der Präsentation wurden die Nachrichten nur in der Nachrichten-App von Apple gezeigt – ob das Feature auch mit WhatsApp-Nachrichten funktioniert, ist unbekannt. Anrufe per Freisprechanlage anzunehmen, ist allerdings weiterhin möglich.

Die Funktion lässt sich auch deaktivieren, aus guten Gründen. Erstens könnte Apple es juristisch wohl nicht durchsetzen, die Funktion standardmäßig und verpflichtend für alle Autofahrer zu aktivieren – der Eingriff in die Selbstbestimmung der Nutzer wäre zu groß. Zweitens gibt es natürlich auch Beifahrer und Insassen, die während der Fahrt chatten wollen. Und drittens kann das iPhone nicht feststellen, ob die Besitzer tatsächlich Auto fahren – sie könnten ja auch im Zug oder im Bus sitzen.

Mit Do Not Disturb While Driving möchte Apple seinen Kunden helfen, die ständigen Benachrichtigungen des vernetzten Alltags, die Angst, etwas zu verpassen, und das Bedürfnis, in Messengern immer möglichst schnell antworten zu müssen, einfacher auszublenden. Man könnte am Ende also sagen: Apple sucht nach Lösungen für Probleme, die es ohne das Unternehmen vielleicht nicht gäbe.

Aber funktioniert es?

Vertreter von Behörden für Straßensicherheit loben Apples Initiativeund auch Journalisten von Forbes und Time äußerten sich nach der Vorstellung positiv. Und wieso auch nicht – wenn dadurch auch nur ein Unfall vermieden werden kann, hätte sich die Funktion schon gelohnt. "Alles was du tun musst, ist, es anzuschalten", schreibt Curtis Silver von Forbes.

Genau darin liegt allerdings das Problem. Sicher, einige Autofahrer dürften die Funktion tatsächlich aktivieren. Und die meisten Autofahrer wissen, dass sie während der Fahrt ihr Smartphone eigentlich nicht bedienen sollten, dass es in vielen Ländern sogar verboten ist. In Deutschland etwa werden noch in diesem Jahr höhere Strafen für die Nutzung von Mobilgeräten am Steuer eingeführt, die Geldbuße soll von 60 auf 100 Euro steigen.

So sieht "Do Not Disturb While Driving" in iOS 11 aus. © Apple

Doch Geldbußen und Verbote halten längst nicht jeden Fahrer ab, wie jeder weiß, der einmal im Berufsverkehr durch die Stadt gefahren ist. Es darf bezweifelt werden, ob die Fahrer, die diese Verbote jetzt schon ignorieren, ihr Verhalten künftig ändern, nur weil Apple eine entsprechende Option anbietet. Und wer jetzt schon verantwortungsbewusst genug ist, kann sein Smartphone ohnehin selbst am Steuer weglegen oder auf lautlos schalten. 

Do Not Disturb While Driving ist deshalb vor allem gut gemeint. Es könnte aber auch eine Reaktion auf Kritik sein: Im Dezember und Januar hatten Opfer zweier Autounfälle in den USA geklagt und argumentiert, Apple würde nicht genug unternehmen, um die Nutzung von iPhones und Diensten während der Fahrt zu unterbinden. Ein Patent für Do Not Disturb While Driving hatte Apple bereits 2014 angemeldet. Vielleicht ist es also kein Zufall, dass die Funktion gerade jetzt eingeführt wird.