Marques Brownlee alias MKBHD hat das iPhone 8 in einem YouTube-Video vorgestellt, schätzungsweise einen Monat, bevor Apple es selbst tun wird. Mehr als 1,6 Millionen Menschen haben es sich bisher angesehen und rund 9.000 haben es kommentiert. Dabei hält Brownlee nur ein funktionsuntüchtiges Gehäuse in der Hand, die physische Manifestation von Gerüchten.

Es ist der bisherige Höhepunkt der professionellen Verwertung von Apple-Leaks. Bereits Ende Juni veröffentlichte der YouTube-Kanal TigerMobiles ein Video mit einem Dummy-Gehäuse, jedoch ohne weitere Erklärungen und ohne simulierte Benutzeroberfläche. Das Video des bekannten US-Videobloggers MKBHD – er hat 4,8 Millionen Abonnenten – ähnelt hingegen in weiten Teilen einer ganz normalen, professionellen Produktbesprechung: Brownlee erklärt neue Funktionen, vergleicht das Design mit dem anderer Smartphones und gibt ein Urteil ab. Dass er das Produkt nicht hat, spielt eigentlich keine Rolle.

Das Ausmaß des Irrsinns ist wenig überraschend. Im Jubiläumsjahr 2017, zehn Jahre nach der Präsentation des ersten iPhones, erwarten Fachwelt und Apple-Fans ein besonderes Produkt. Oder wenigstens einen auf den ersten Blick erkennbaren Entwicklungssprung. Das Design des iPhones hat sich schließlich seit drei Jahren kaum verändert, vor allem das Verhältnis von Bildschirm- und Gehäusegröße ist in der High-End-Liga nicht mehr zeitgemäß.

Selbstverständlich könnte Apple diese Erwartungen getrost ignorieren. Die iPhone-Entwicklung ist schließlich kein Wunschkonzert und selbst die unwahrscheinlichsten Gerüchte sind letztlich kostenloses Marketing. Apple kann also gut damit leben, dass Menschen wie Brownlee daraus ein eigenes Geschäft machen.

Nur ist dem notorisch geheimniskrämerischen Unternehmen in diesem Jahr ein schwerer Ausnahmefehler unterlaufen. Monate vor dem Verkaufsstart seines Lautsprechers HomePod hat Apple die komplette Firmware dafür auf einem öffentlichen Server hinterlegt. Was wahrscheinlich als Update für Apple-Mitarbeiter gedacht war, die erste HomePod-Prototypen testen sollten, gelangte so vor gut einer Woche in die Hände externer Entwickler. Die finden in dem Code seither fast täglich neue Details zu kommenden Apple-Produkten, die irgendwie mit dem HomePod kommunizieren können werden: 4K- und HDR-Unterstützung für Apple TV, neue Workout-Programme für die Apple Watch – und reihenweise Hinweise auf das nächste iPhone, bis hin zum Design.

Aus dem Code lässt sich ableiten, dass das iPhone 8 (oder X oder wie auch immer es heißen wird) auf der Vorderseite fast nur noch aus Display bestehen wird, auch wenn der Gehäuserand nicht ganz so schmal ausfallen dürfte wie der des Samsung Galaxy S8. Für den ikonischen Homebutton mit eingebautem Fingerabdrucksensor ist dementsprechend kein Platz mehr. Stattdessen soll das Gerät per Gesichtserkennung entsperrt werden können – und zwar dank Infrarot auch im Dunkeln und ohne dass Nutzer es sich direkt vor die Nase halten müssen. Auch ein Hinweis auf kabelloses Aufladen des iPhones findet sich in der HomePod-Firmware.

Leaken für den Lebensunterhalt

Es sind alles Gerüchte, die auch schon vorher kursierten. (Weshalb es bestimmt Menschen gibt, die nicht an einen Fehler von Apple, sondern an Absicht glauben.) Im vermutlich versehentlich veröffentlichten Code manifestieren sie sich in Form von Icons, Dateinamen und Funktionsbezeichnungen. Das iPhone-Design mit dem fast randlosen Display etwa taucht darin als extrem vereinfachte schematische Darstellung auf, die Gesichtserkennung in Bezeichnungen wie Pearl ID, resting.pearl.unlock und FaceDetect.

Entwickler wie Steve Troughton-Smith haben sich darauf spezialisiert, solche Hinweise zu finden und zu interpretieren. Der Ire hat mittlerweile eine Crowdfunding-Kampagne gestartet, um seinen Lebensunterhalt mit derlei Analysen zu finanzieren.

Zuvor hatte Evan Blass alias @evleaks versucht, als hauptberuflicher Leaker über die Runden zu kommen. Zwischen 2012 und 2014 war er geradezu berüchtigt für seine Vorabveröffentlichungen von Produkten der Hersteller HTC, Nokia, Sony, LG, Motorola und anderen. Doch mit seiner werbefinanzierten Website nahm er zu wenig ein, auch weil seiner Ansicht nach zu viele Leser einen Adblocker benutzten. Heute arbeitet er als Journalist für VentureBeat.

Wie Apples Management selbst einräumt, gibt es noch einen weiteren Weg, mit Informationen über kommende iPhones Geld zu verdienen: Arbeiter von Apples Zulieferern in China würden mitunter von Schwarzmarkthändlern dafür bezahlt, Fotos oder Bauteile aus den Fabriken zu schmuggeln. Einzelheiten zu solchen Vorfällen und zu dem, was Apple dagegen unternimmt, wurden … geleakt.