Zu den ganz wesentlichen Eigenschaften der Zukunft gehört, dass sie nicht die Gegenwart ist. Insofern ist es nur richtig, dass Apple sein iPhone X "die Zukunft des Smartphones" nennt. Es ist ein faszinierendes Stück Technik. Aber es ist noch nicht fertig.

Nach zwei Tagen mit dem Gerät kann ich mir vorstellen, was für eine Zukunft Apple sich vorstellt. Es ist eine, in der Mensch und Maschine weiter zusammenwachsen. Nicht jedem wird sie gefallen. Aber sehr vielen wird sie großen Spaß machen, was vor allem an vier Komponenten und Funktionen des iPhone X liegt: Frontkamera, Animoji, FaceID und Display.

Man vergisst, dass es ein Bildschirm ist

Apples erstes OLED-Display nach zehn Jahren LCD ist für manche Experten schlicht das beste je in einem Smartphone verbaute Display. Entwickelt von Samsung, muss man dazu sagen, kalibriert von Apple. Die Darstellungsqualität ist in der Tat überragend. Die App-Icons auf dem Homescreen zum Beispiel sehen beinahe aus wie eine aufgeklebte Folie. Man vergisst mitunter, dass man auf einen Bildschirm schaut.

Wäre da nicht the notch – die Aussparung am oberen Gehäuserand, in der die Gesichtserkennungstechnik untergebracht ist. Einerseits umkurvt das Display sie, als wäre es das Normalste der Welt, als würde Apple sagen wollen: Wir geben einem Bildschirm jede verdammte Form, die uns gefällt, und wenn er Teufelshörner hat. Weil wir es können. Andererseits würde nur Apple so einen unübersehbaren Balken in das ansonsten wunderschöne Display bauen und trotzdem allen Ernstes von einem Gerät zu sprechen, das "all screen" sei.

So futuristisch die Form des Displays dadurch ist – so kann sie nicht bleiben. Die Art, wie in das schmale Feld links neben der Aussparung die Uhrzeit und rechts die Statusanzeigen für Akkustand und Netzverbindung gequetscht sind, wirkt allzu offensichtlich wie eine Notlösung. Und wer den fantastischen Bildschirm ganz ausnutzen will, um Videos darauf zu schauen, muss damit leben, dass the notch einen Teil des Videos schlicht verdeckt. Ich nehme an (und hoffe), in nicht allzu ferner Zukunft wird the notch als "Apple-Warze" in die Design-Annalen eingegangen sein.

Bezahlen mit einem Lächeln – oder einer Grimasse

Das gilt jedoch nicht für die Technik, die in der Aussparung steckt. Es ist letztlich eine weiterentwickelte Miniversion von Microsofts Bewegungssteuerung Kinect. Apple hatte 2013 dessen Entwickler PrimeSense gekauft und setzt die Technik heute zur Gesichtserkennung ein. Face ID ist dabei nur eine der Anwendungen, aber die offensichtlichste.

Auf dem almost-all-screen ist kein Platz mehr für Apples ikonischen Homebutton mit integrierten Fingerabdrucksensor. Die über eine Dekade eingeübte Bedienung ist aber schnell vergessen. Wischgesten, die ich persönlich recht intuitiv finde, während andere sie hassen, ersetzen das Drücken des Buttons, und Face ID ersetzt Touch ID.

Die Einrichtung von Face ID ist fast schon absurd einfach und in Sekunden erledigt. Was im Hintergrund passiert, ist komplizierter. Die Infrarotkamera nimmt ein zweidimensionales Bild des Nutzers auf und der sogenannte dot projector projiziert 30.000 Infrarotpunkte auf das Gesicht, um eine Art dreidimensionale Landkarte zu erstellen. Aus all diesen Informationen errechnet Apple ein mathematisches Modell und legt dieses in Form eines Zahlenwertes in einem speziell gesicherten Chip, der secure enclave, ab. Zum Entsperren reicht es, das iPhone X einigermaßen gerade vors Gesicht zu halten. Face ID gleicht den neuen mit dem abgespeicherten Zahlenwert ab und wenn er identisch ist, ist der Nutzer authentifiziert.

Das iPhone X (re.) ist kompakter als die großen Vorgänger (hier das iPhone 7 Plus), hat aber das größere Display. © Patrick Beuth / ZEIT ONLINE

Zum Entsperren muss man aber zusätzlich vom unteren Displayrand nach oben streichen, was an das von alten iPhones bekannte slide to unlock erinnert. Bei mir funktioniert die Gesichtserkennung bisher fast immer so schnell, dass sie praktisch zeitgleich mit der Wischgeste abläuft und sich dadurch kaum bemerkbar macht. Man kann das durchaus futuristisch finden: Ein so fließendes und gleichzeitig nicht zu überlistendes (Stand: November 2017) Authentifizierungsverfahren verringert sozusagen die Reibung zwischen Mensch und Computer. Früher musste man eine PIN oder ein Passwort eingeben, später den Finger auf eine bestimmte Stelle – den Sensor – legen. Das fällt jetzt alles weg. Das Gerät anschauen reicht, um den exklusiven Zugang bekommen. In Ländern, wo es Apple Pay gibt, ersetzt der Blickkontakt auch die bisherige Authentifizierung beim Bezahlen durch den Fingerabdruck. Man bezahlt gefühlt mit einem Lächeln – oder einer Grimasse, je nach Preis.

Face ID funktioniert allerdings nicht, wenn das Gerät flach auf dem Tisch liegt und man schräg darauf schaut. Deshalb kann man Benachrichtigungen nicht mal eben nebenbei lesen. Wer in einem Gespräch kurz nachschauen will, wer da gerade was für eine Nachricht geschickt hat, muss das iPhone X vors Gesicht halten und dem Gegenüber damit klar signalisieren, dass jemand anderes gerade wichtiger ist. Auch hier sollte Apple nachbessern und Benachrichtigungen zugänglicher machen.