Paletten können viel mehr sein als eine Matratzenunterlage. © Öffentliche Gestaltungsberatung

In Deutschland gibt es für fast alle Probleme eine Beratungsstelle. Wenn man ständig mit seinem Mann streitet: die Eheberatung. Wenn man schief auf seinem Bürostuhl hängt: die Sitzberatung. Wenn man Unmengen an Strom verbraucht: die Energieberatung. Aber was macht man, wenn man zu wenig Platz im Flur hat? Man vom Schlafzimmer aus auf ein hässliches Parkdeck schaut? Wenn der vermüllte Grünstreifen vor der Tür nervt?

Vor fünf Jahren entschied Jesko Fezer, Design-Professor an der Hamburger Hochschule für Bildende Künste (HfbK), dass es auf diese Fragen eine Antwort geben soll. Er gründete die "Öffentliche Gestaltungsberatung" in St. Pauli: eine wöchentliche Sprechstunde, in der man sich von Design-Studenten der HfbK kostenlos beraten lassen kann. Alles, was man mitbringen muss, ist ein Problem.

So sieht das fertige Palettenhaus aus. © Öffentliche Gestaltungsberatung

Denn der Grundsatz heißt: Alle Probleme können zum Gegenstand von Design-Prozessen werden. Und so kommen die Menschen, seit fünf Jahren, und erzählen. Zum Beispiel eine allein erziehende Mutter, die auf der Suche war nach einer geeigneten Hütte für ihren Kleingarten in Hamburg-Bahrenfeld. Sie musste ihre Parzelle bebauen – so will es das Kleingartengesetz. Doch was sie im Baumarkt sah, gefiel ihr nicht und war zu teuer. Hinzu kam, dass ihr Gartenverein in einigen Jahren verlegt werden sollte. Sie suchte also: eine besondere, aber nicht zu teure Gartenhütte, die sich leicht auf- und wieder abbauen lässt. Das Team der Gestaltungsberatung entwarf ein Gartenhaus aus Euro-Paletten und half bei der Umsetzung.

Oder Jutta, Wirtin auf St. Pauli. Ihre Seemannskneipe Sailor's Inn lief nicht mehr, seit sie aus einem pittoresken Altbau in neue Räume umgezogen war. Gezwungenermaßen: Der Eigentümer wollte das denkmalgeschützte Haus sanieren. Die neuen Räume waren kahl und ungemütlich. Kein Hauch von Urigkeit. Die Gestaltungsberater entschieden sich nach einer Besichtigung der Kneipe, an der grauen, abgehängten Bürodecke ein XXL-Poster anzubringen.

Ein Blick an die Decke. Ein Blick in die eigene Vergangenheit. © Öffentliche Gestaltungsberatung

Das Poster zeigt das ehemalige Domizil des Sailor's Inn. Oder besser gesagt das, was davon übrig geblieben war. Während der Sanierungsarbeiten stürzte mysteriöserweise eine Außenfassade ein. Noch am selben Tag wurde das denkmalgeschützte Haus komplett abgerissen. Das Deckenposter dokumentiert den Abriss. Es macht das Sailor's Inn nicht nur gemütlicher – es bietet für Kneipenbesucher auch ein Anlass bei einem kühlen Pils über steigende Mieten, Investoren und Stadtpolitik zu diskutieren.

Ihre Probleme sind gefragt!

Design, sagt Jesko Fezer, sei keine formale Eigenschaft bestimmter Objekte, sondern findet "in der handelnden Auseinandersetzung mit der Wirklichkeit" statt. Design ist also mehr als Eames-Chair und Barcelona-Liege. Design verhandelt die große Frage, wie wir leben und zusammenleben wollen. Nicht bei jedem Projekt der Öffentlichen Gestaltungsberatung stand am Schluss eine konkrete Lösung. Manchmal war schon der Weg das Ziel: die Formulierung des Problems, die Kommunikation mit den Betroffenen.

Das Ressort Z – Zeit zum Entdecken will das Prinzip der Gestaltungsberatung in die Zeitung holen. Mit ihrer Hilfe. Egal, wo ihr Problem liegt: Ob in der Wohnung, im Garten oder in der Nachbarschaft. Und egal, ob das Problem klein ist oder groß. Das Team der Öffentlichen Gestaltungsberatung St. Pauli wird mit Ihnen daran arbeiten. Das Ergebnis präsentieren wir im Sommer.

Am besten beschreiben Sie das Problem in einem kleinen Text – und hängen Sie, wenn es sich anbietet, ein Foto an. Wichtig: Nennen Sie uns bitte einen Kontakt, unter dem wir Sie erreichen können. Einsendeschluss ist der 1. April. Natürlich müssen wir eine Auswahl treffen. Deshalb ein Tipp: Je schneller Sie sind, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass Sie dabei sind.

Schicken Sie uns Ihr Design-Problem an werkstatt@zeit.de!
Wir sind gespannt.