"Ich bin ein Guter", sage ich zu der hübschen Frau vor mir. Tanzend und mit einem Zwinkern im Auge, aber ohne den erforderlichen Mindestabstand zu unterschreiten – so viel habe ich im Laufe des Tages schon gelernt. Die Hände fest an meinem leeren Bierglas. "Das sagen alle", antwortet sie lapidar. "Ja", erwidere ich, und mache einen auf intellektuell, "aber nicht alle sagen die Wahrheit."


Sie, bis ins kleinste Detail im Zwanzigerjahre-Stil angezogen – ein langes schwarzes Kleid, schwarzer Federhut, schwarze Stiefel, ein Plüschschal um den Hals, die Haare: schwarz gefärbt natürlich. Ich hingegen trage eine rote, viel zu weite Jacke unbestimmten Alters und einen albernen Hut mit kleinen goldenen Glöckchen. Mehr an Verkleidung habe ich ja nicht. Meine Schminke, die mich zum Clown machen sollte, haben der Regen und das Bier längst abgewaschen.


Aus den alten Lautsprechern einer Kneipe in der Bonner Altstadt dröhnen die verrauchten Stimmen der Höhner: "Echte Fründe sten zesamme". Oder war es "Die Karawane zieht weiter, der Sultan hat Durst"? Ich weiß es nicht mehr, auch nicht mehr, wie spät es ist, als ich der Zwanzigerjahre-Lady gegenüberstehe, die noch in derselben Nacht meine Freundin werden sollte. Aber sie ist nicht die erste Begegnung an diesem Rosenmontag 2002 – meinem ersten Karneval in Deutschland.


Ich bin damals 26 Jahre alt, ein Mann mit nordafrikanischem Aussehen und erst vor acht Monaten in der Bundesrepublik angekommen. Mir ging es so, wie es vielen Neuankömmlingen heute gehen dürfte. Von dem oft zitierten Kulturschock hatte ich bis dahin wenig gespürt, schockiert hatte mich lediglich das kalte Wetter. Ich war gekommen, um in Köln zu studieren, der Stadt der rheinischen Lebenslust, dem besten Ort, um sich mit Deutschland und seinen Sitten vertraut zu machen. Dazu gehörte auch, einen angemessenen Umgang mit den Frauen finden, in diesem Land, in dem jeder Spaß zu haben schien. In dem es an Kontakten zum anderen Geschlecht nicht mangelte, sei es an der Uni, in den Shoppingmeilen der Kölner Altstadt, auf der Domplatte oder am Bahnhofsvorplatz.



Die Regeln in dieser Hinsicht, die ich in Nordafrika von meinen älteren Cousins und Kumpels übermittelt bekam, galten hier nicht. Es waren Regeln, wie sie jeder Junge mitbekommt, der in einer Gesellschaft aufwächst, in der Sex tabu ist. In der die gesellschaftliche Rolle der Frau auf Fortpflanzung und Kindererziehung reduziert wird. Egal ob das in Indien ist, in Ägypten oder in Deutschland vor 1968. 

So wie andere junge Männer dieser Welt haben wir über Frauen und Sex geredet. Es war eine Art sexuelle Aufklärung, aber ganz ohne die Beteiligung von Frauen. Kontakte mit Mädchen gab es nur in der Öffentlichkeit, in der Schule zum Beispiel. Sex nur mit Prostituierten, nicht mit der, die man liebt. Die ist ja für die Ehe bestimmt und bis dahin muss sie Jungfrau bleiben. Und egal, ob und wann die Frau Nein sagt, auch sie will trotzdem nur das Eine von dir, sobald sie nur ein Mal mit dir alleine redet. In Deutschland war plötzlich alles anders. Zum Glück war bald Rosenmontag und ich war bereit zu lernen. Ganz nach dem rheinischen Credo: Probieren geht über Studieren.

Köln - Sicherheitsmaßnahmen für den Karneval verstärkt In der Nähe des Doms ist ein "Security Point" zur Zuflucht und Beratung bedrängter Frauen eingerichtet worden. Auch die Bundespolizei hat Personal und Kameras aufgestockt.

Als mein Freund, ein Rheinländer, eine Woche vor dem Rosenmontag bei Bier und Wein meinen Deutschkurs-Kameraden, einen Araber aus dem Levante, und mich, den Nordafrikaner, fragte, ob wir nicht Lust hätten, im Rosenmontagszug mitzumarschieren, sagte ich sofort ja. Der Student aus dem Levante lachte nur und sein Lachen wurde immer hysterischer, als der Rheinländer uns die Bedingungen vortrug: Wir müssten uns verkleiden. Die Kostüme würde er für uns besorgen. Und wir müssten ziemlich früh in seinem Elternhaus in einem Bonner Vorort auftauchen, um den Zug nicht zu verpassen.


Also stehe ich am Morgen des Rosenmontags bei meinem Freund auf der Fußmatte – allein. Und pünktlich, versteht sich. Vor der Haustür parken bunte Trecker und andere undefinierbare Gefährte, die von Menschen in Clowns-Kostümen fahrbereit gemacht werden. Drinnen überreicht mir mein Freund die viel zu große rote Jacke, den Glockenhut, eine rote Nase und eine kleine Kiste mit Farbstiften. Er selbst steht in Smoking und schwarzem Zylinder vorm Spiegel und schmiert sich Schminke ins Gesicht. Ich weiß nicht recht, was ich mit dem ganzen Zeug anfangen soll. Aber zum Glück bin ich im Haus einer rheinländischen, hilfsbereiten Familie. "Mutter, kannst du dem Khalid bitte beim Schminken helfen? Er kommt allein nicht klar!"



"Ist das dein erster Karneval?", fragt mich die Mutter. Ihre Erscheinung und ihr breites Lächeln wirken beruhigend auf mich. Auch sie ist als Clown verkleidet. Mit einem großen Hut, einem Korb in der Hand, in einem weiten weiß-rot gepunkteten Kleid. Der Vater kommt in den Raum, auch als Clown, sieht mich an, und fängt an zu lachen. Komische Familie, denke ich mir, sage aber nichts und füge mich meinem Schicksal, das nun in den Händen der Mutter liegt. Ich fühle mich wie eine Puppe, während sie mein Gesicht bunt färbt. "Hast du ihm denn schon den Karneval erklärt?", fragt sie ihren Sohn.



Mein Freund wirkt auf ein Mal wie ein kleiner Junge, dem einfällt, dass er seine Hausaufgaben nicht gemacht hat. "Das sind Kamelle", sagt er zu mir und zeigt auf eine Plastiktüte voller Bonbons. "Kamele. Okay!". Er verdreht die Augen. "Egal!". Dann hebt er seinen Zeigefinger, schaut mir in die Augen und sagt mit einer Oberlehrerstimme: "Bützchen ist Kuss, aber kein doller – bloß nicht mit Zunge." Ich verstehe nichts. Ich kenne den Begrüßungskuss, zwei Mal auf die rechte, und zwei Mal auf die linke Wange. Den Mutterkuss: ein Kuss auf die Stirn der Mutter. Und natürlich den Zungenkuss – da geht es nun mal um Sex. Eine Frau sanft auf die Lippen zu küssen. Wofür soll das denn gut sein? Leider gibt es für Erklärungen keine Zeit. Wir müssen zum Zug.