Die Hauptfigur des Films: Zin-Mi mit rotem Pioniertuch © Salzgeber & Co. Medien GmbH

ZEIT ONLINE: Herr Mansky, für Ihren Dokumentarfilm Im Strahl der Sonne (Kinostart 10. März 2016) sind Sie zwei Mal nach Nordkorea gereist. Ursprünglich war vereinbart, dass Sie das Land ein drittes Mal besuchen, aber dazu kam es nicht. Warum?

Vitaly Mansky: Wir erhielten keine Genehmigung für die dritte Einreise. Wir warteten und warteten, haben immer wieder nachgefragt. Irgendwann haben wir dann einen Brief bekommen, in dem stand, dass Nordkorea die Grenzen für alle Ausländer dicht gemacht habe – wegen Ebola.

ZEIT ONLINE: Haben Sie das geglaubt?

Mansky: Nein, ich dachte sofort, das muss eine Lüge sein. Und ich war wieder einmal davon fasziniert, wie primitiv die war. Hätte man sich nicht eine bessere Ausrede einfallen lassen können?

ZEIT ONLINE: Die Nordkoreaner haben Ihnen ein komplettes Drehbuch vorgelegt, jede Szene, jedes Bild war vorgegeben. War es der schwierigste Dreh, den Sie je erlebt haben?

Kino - "Im Strahl der Sonne" (Trailer)

Mansky: Ich kann nicht sagen, dass es die schwierigsten Drehbedingungen waren – das kenne ich, ich habe schon in Kriegsgebieten gedreht. Aber die Zeit in Nordkorea war an sich sehr hart. Überall sonst kannst du, selbst unter schwierigen Bedingungen, dein normales Leben weiterleben. Dort war es anders, das ganze Leben verlief unnatürlich.

ZEIT ONLINE: Insgesamt verbrachten Sie mehr als zwei Monate in Nordkorea. Was vermisst man am meisten, wenn man ständig unter Beobachtung steht?

Mansky: Der Zustand ist schwer zu erklären. Vielleicht kann man es so sagen: Man kann nicht mal einen Furz lassen. Jede noch so kleine körperliche Regung wird bemerkt, rund um die Uhr. Unsere sogenannten Begleiter waren pausenlos an uns dran, nach einer Weile hat mich das rasend gemacht. Irgendwann habe ich sie angeschrien: Gehen Sie doch mal kurz zehn Meter auf Abstand, ich möchte einen Moment für mich haben. Aber sie haben nicht locker gelassen.

ZEIT ONLINE: In Ihrem Film sieht man, mit welcher Naivität versucht wird, eine Realität zu inszenieren, die es nicht gibt. Erlebten Sie das mehr als eine Komödie oder als Tragödie?

Mansky: Es war eine absolute Tragödie, da war nichts Komisches. Man muss sich das Ausmaß nur mal vorstellen, da sind Millionen von Menschen, die in einem Land leben, das einem Lager gleicht. Ich hatte das Gefühl, ein ganzes Volk ist interniert – auch die Führer selbst. Kim Jong-Un, der junge Diktator, ist auch nur eine Geisel des Systems, das sein Vater und sein Großvater aufgebaut haben.

ZEIT ONLINE: Sie stammen aus der Ukraine, haben lange in Moskau gelebt, Sie kennen die kommunistische Ikonografie, die klotzigen Monumente, die Plattenbauten. Gab es ein Gefühl des Wiedererkennens in Pjöngjang?

Mansky: Ja, ich habe viel wiedererkannt, in der Malerei, der Architektur, der Stadtplanung, sogar im nordkoreanischen Film. Ich würde aber sagen, dass diese Ähnlichkeiten nur die frühen Jahre der Sowjetunion betreffen, also die dreißiger bis fünfziger Jahre. Außerdem waren sie rein äußerlich.

ZEIT ONLINE: Die Protagonisten Ihres Films sind die achtjährige Zin-Mi und ihre Eltern. Was glauben Sie, wie groß war der Druck auf die Familie während der Dreharbeiten?

Mansky: Ich denke, Druck war gar nicht erforderlich. In Nordkorea ist es so: Es gibt eine Anordnung, der wird gefolgt. Nichts wird hinterfragt. Die Familie hat sich den Druck selbst gemacht, weil sie eine besondere Verantwortung hatte, weil sie in diesem Film das ganze Land repräsentiert. Das ist ja das Merkwürdige an diesem Land, dass keiner sich widersetzt. Niemand hat das Gesicht verdeckt vor unserer Kamera, niemand hat gesagt, ich möchte jetzt nicht gefilmt werden. Keiner wäre überhaupt auf den Gedanken gekommen, nein zu sagen. In diesem Staat ist das keine Option. Ein Beispiel: Vorhin habe ich hier im Café ein Fernsehinterview gegeben. Keiner Ihrer Kollegen wäre auf die Idee gekommen, die Geräuschkulisse zu mindern, um die anderen Gäste nicht einzuschränken. In Nordkorea ist das unvorstellbar, da reicht ein schiefer Blick eines Offiziellen und die Leute würden sofort den Raum verlassen.