In Berlin läuft seit Mittwoch mit der Internationalen Tourismus-Börse ITB die weltweit führende Fachmesse für die Tourismuswirtschaft. Auch das Bundesland Sachsen präsentiert sich mit einem großen Stand. Weil Anschläge auf Asylbewerberheime, Pegida- und Legida-Demonstrationen sowie Umfrageerfolge der AfD dem Land einen Imageschaden beschert haben, buchen immer weniger Deutsche ihren Urlaub in Sachsen. Ein Gespräch mit dem Geschäftsführer der Tourismus Marketing Gesellschaft Sachsen mbH, Hans-Jürgen Goller, über ein gebeuteltes Reiseland und Imagestrategien für die Zukunft.

ZEIT ONLINE: Herr Goller, der Tourismus in Sachsen ist im vergangenen Jahr nicht mehr gewachsen – er stagniert auf Vorjahresniveau, während es im restlichen Deutschland Zuwächse von bis zu 4 % gab. Worauf führen Sie diese Entwicklung zurück?

HANS-JÜRGEN GOLLER: Wir haben nicht überall diese Stagnation. Man muss sich ganz Sachsen ansehen, nur dann entsteht ein differenziertes Bild. Wir haben zum Beispiel Zuwächse in Leipzig, im Umland von Leipzig, in der Oberlausitz – und wir haben die Rückgänge in Dresden, aber auch in Chemnitz. Für diese Entwicklungen gibt es unterschiedliche Gründe. Vor allem muss man verstehen, dass manche Regionen wie Dresden seit Jahren wachsen und irgendwann mal an Sättigungsgrenzen stoßen. Dresden ist schon sehr lange Zeit ein touristisches Highlight, Leipzig kam viel später dazu. Deshalb wächst Leipzig auch momentan stärker als Dresden. Beim Städtetourismus ist es doch so: Wenn man eine Stadt mal gesehen und abgehakt hat, fährt man in der Regel ja nicht so schnell wieder hin. Und vor diesem Hintergrund hat es Dresden natürlich dann schwerer als beispielsweise Leipzig.

ZEIT ONLINE: Also sind die Pegida-Demonstrationen gar nicht der Hauptfaktor für die ausbleibenden deutschen Urlauber?

GOLLER: Selbstverständlich hat die Pegida-Berichterstattung dazu geführt, dass wir es 2015 mit einem reduzierten Interesse zu tun hatten. Es ist aber tatsächlich nicht der einzige Faktor. Erschwerend hinzugekommen ist zum Beispiel, dass die Stadt Dresden am 1. Juli 2015 eine Bettensteuer, die sogenannte Beherbergungssteuer eingeführt hat – und zwar die höchste in ganz Deutschland. Ein Beispiel: Wenn jemand für 160 Euro in Dresden übernachtet, dann werden pro Person und Nacht 13 Euro Beherbergungssteuer fällig. Im preiswerteren Segment ist es natürlich weniger, aber hilfreich für den Tourismus ist eine solche Steuer natürlich nicht, schon gar nicht in einer so angespannten Phase. Ich behaupte: Ohne die Beherbergungssteuer wäre das Minus an deutschen Touristen im vergangenen Jahr nicht rund 5 % gewesen, sondern vielleicht 3,5 %. Zudem hatten wir vergangenes Jahr keine kulturelle Großveranstaltungen in Dresden oder Leipzig. Auch das ändert sich 2016: Wir haben das große Einheitsfest in Dresden und den Deutschen Katholikentag in Leipzig. Schon allein deshalb prognostiziere ich: Wir werden 2016 wieder ein Plus an Touristen in Sachsen verzeichnen.

Hans-Jürgen Goller, Geschäftsführer der Tourismus Marketing Gesellschaft Sachsen mbH © Tourismus Marketing Gesellschaft Sachsen mbH

ZEIT ONLINE: International erfreut sich das Reiseziel Sachsen ungetrübter Beliebtheit. Sind die Deutschen zu streng mit ihrem Bundesland oder interessieren sich ausländische Touristen einfach nicht für deutsche Innenpolitik?

GOLLER: Im Ausland ist das alles erfreulicherweise kein Thema. Von den ausländischen Kollegen höre ich in letzter Zeit eher, dass die Silvesternacht in Köln für Negativschlagzeilen gesorgt hat. Insofern wachsen wir im Ausland weiterhin stabil. Der ausländische Urlauber will neben großartigen Sehenswürdigkeiten vor allem ein Gefühl der Sicherheit. Und in Sachsen kann man sich nach wie vor sicher fühlen. Die ausgegebenen Reisewarnungen, die es im Ausland gab, haben sich nie ausschließlich auf Pegida bezogen, sondern wollten ja vor allem die Risiken benennen, bei einer Demo zwischen die Fronten zu geraten. Wir sehen deshalb momentan nicht die Notwendigkeit, im Ausland etwas zu Pegida zu kommunizieren. Im Inland ist das ganz anders. Es wäre naiv, zu bestreiten, dass Sachsen ein Imageproblem hat. Wir werden dieses Image jetzt über Marktforschungsmaßnahmen beobachten und abfragen, wie und ob sich dieses Image wandelt. Darauf können und werden wir dann reagieren.