Sie lächelt, als sie hört, dass der Sänger weiß, wer sie ist. Doch bevor irgendjemand bemerken könnte, dass sie sich davon geschmeichelt fühlt, schaut sie lieber gleichgültig durch alle hindurch. Ohne viel Regung im Gesicht. So guckt sie eigentlich immer. Wer sie beobachtet, sieht, wie schwer es ihr fällt, wirklich unbeeindruckt zu wirken. Manchmal erahnt man diese überwältigende Freude, von der kleine Kinder manchmal durchgeschüttelt werden, die sie aber nicht zeigen wollen aus Scham. Die junge Frau lässt dann ihre Gesichtsmuskeln mit aller Kraft gegen die hochgezogenen Mundwinkel arbeiten, während die Augen doch leuchten. Jetzt leuchten diese Augen wegen jener erfreulichen Nachricht: Die Band Montreal, wegen der sie heute den weiten Weg nach Berlin zurückgelegt hat, erinnert sich an sie.

Sie, das ist Miri. 28 Jahre alt, aus Duisburg, Physiotherapeutin. Obwohl sie viel mehr Fan als Physiotherapeutin ist. Könnte man wirklich Geld mit dem Fansein verdienen, wäre Miri eine wohlhabende Frau. Nur krank werden dürfte man dann nicht. So wie vor zwei Wochen, als sie schrieb: "Ich hab' schon Kopfschmerzen vom Heulen über das ich weiß nicht wie vielte Konzert, das ich ausfallen lassen musste. Drei Wochen ohne Konzert ist eine halbe Ewigkeit."

Es war ein Bänderriss, der sie in dieser Nachricht klingen ließ wie einen Teenager, dessen Eltern ihm nicht erlauben, auf Partys zu gehen. Aber es war ein Arzt, der ihr absolute Bettruhe verordnete. Nur wenn ihr Körper sie zur Ruhe zwingt, sie mit einer Krankheit ans Bett kettet, verweigert sie sich ihrer Sucht. Meistens zumindest. Manchmal sind selbst Antibiotikum und Krücken nicht genug, um das aufzugeben, was sie so liebt. Seit knapp zehn Jahren geht sie in 365 Tagen auf rund 140 Konzerte. Ein Konzert an jedem dritten Tag.

Es gibt zwei Sorten von Musikliebhabern: Fan oder Nichtfan. Da sind die einen, die diesen Kult nicht verstehen. Die es befremdlich finden, unbekannten Menschen überhaupt so nahe sein zu wollen. Die vielleicht gar ins Lächerliche ziehen, dass wegen einer Band manchmal Tränen fließen, dass Zimmer wie Tagebücher mit den Idolen vollgeklebt sind, dass man sein Leben für das Leben anderer lebt. Und dann gibt es die anderen, auf die all das zutrifft. Die genau wie Miri einer oder gleich mehreren Bands hinterherreisen. Sie tauschen sich in Internetforen aus, gründen Facebook-Gruppen. Monothematisch teilen sie in diesen Fanclubs das miteinander, worüber sie sich definieren. Sie posten Fotos von ihren Liebsten. Darunter Herzchen, Smileys, Küsse.

Und jetzt steht Miri also endlich in Berlin. Das Bein kann sie noch immer nicht richtig beugen, ein Gestell ist ums Knie geschnallt, soll Halt geben. Unter ihren Augen kleben kaum sichtbare Reste von Wimperntusche, ansonsten ist sie ungeschminkt. Die hohen Wangenknochen verleihen ihrem Gesicht eine markante Kontur. Wenn sie jemand etwas fragt, gibt sie Antwort, verhält sich aber ansonsten eher zurückhaltend. Nur ihre Klamotten verraten wortlos etwas über sie, die kauft sie in Merchandise-Shops. Mütze, Jacke, Beutel, ein bisschen versteckt ein Sticker von der Band Adam Angst auf dem Gestell.

Vor allem junge Musikfans erkennt man häufig an Festivalbändchen ums Handgelenk. Diese bunten Bänder wirken ein bisschen wie Pokale, die das gesamte Jahr über gesammelt werden. Eine tragbare Trophäensammlung als Erkennungszeichen untereinander. Das grüne Bändchen, auf dem "Crew" zu lesen ist, trägt Miri besonders sichtbar. Sie zieht und zerrt es zurecht, während sie davon spricht, dass sie das Open Flair Festival besonders gerne mag. Dann nennt sie ein paar Vornamen, Bookingagenturen und Managements, die Unwissenden nichts sagen würden. Namedropping unter Gleichgesinnten, Miri markiert ihr Revier.