Noch vor 25 Jahren wurde beim Zahnarzt humorlos gebohrt, bevor der Arzt das Loch mit einer hochgiftigen, silbernen Masse zukleisterte. Befindlichkeiten von Patienten spielten keine Rolle. Heute liegt der Patient im Entspannungssessel und starrt mit aufgerissenem Mund auf einen Flachbildfernseher an der Praxisdecke, auf dem Ice Age gezeigt wird. Faultier Sid als Beweis, dass es einem noch schlechter gehen kann als auf dem Zahnarztsessel.

Dieses Wellnessambiente ändert nichts daran, dass ein Zahnarztbesuch vor allem demütigend ist. Das liegt zum einen an der Natur einer invasiven Behandlung, zum anderen am Rahmenprogramm mit dem ewigen Frage-Antwort-Spiel. Während seine Privatsphäre ignoriert wird, sieht der Patient sich einer variierenden Anzahl Mundschutzgesichtern gegenüber, erhellt von gleißendem Licht. So fühlt es sich also an, von Außerirdischen entführt zu werden.   

"Putzen Sie auch wirklich mit kleinen, kreisenden Bewegungen?" oder "Benutzen Sie eine elektrische oder etwa noch eine herkömmliche Handzahnbürste?" sind dabei immer nur Hinleitungen zur eigentlichen, zur Gretchenfrage: "Benutzen Sie regelmäßig Zahnseide?"

Der Patient versucht, sich erfolglos aus der Situation zu lügen, fantasiert über Zahnseidepausen von bis zu zwei Tagen, die in Wirklichkeit zwei Wochen oder Monate dauern. Und Zahnärzte greifen in solchen Momenten hinter sich, dorthin, wo das Vorführgebiss liegt. In den folgenden zehn Minuten werden dem Patienten der sachgemäße Gebrauch von Zahnseide sowie die positiven Auswirkungen auf die Mundhygiene erläutert, auch wenn er diese Erklärungen auswendig mitsprechen könnte. "Wenn Sie Ihre Zähne noch ein paar Jahre behalten wollen, dann sollten Sie nach jedem Essen Zahnseide benutzen."

Zahnärzte wissen, dass das eine utopische Forderung ist. Zahnseide kann man an öffentlichen Orten nicht benutzen, der Vorgang ist ästhetisch ungefähr so ansprechend wie Popeln. Deshalb ist der Zahnseidebenutzer meist allein im eigenen Bad, wenn er die Schnur um zwei Fingerkuppen wickelt, bis sie lila anlaufen. Wenn er dann vor dem Spiegel den Mund so weit wie möglich aufreißt, um mit der Zahnseide, die sich eher anfühlt wie Draht, die Backenzähne zu erreichen, wenn er also auch den letzten Rest Selbstachtung verliert, ruft plötzlich die Großmutter aus dem Jenseits: "Achtung! Gleich bekommst du Maulsperre!"

Also muss der Patient beim nächsten Zahnarztbesuch wieder zugeben, nicht nach jedem und nicht nach jedem zweiten Essen Zahnseide benutzt zu haben. Dann geht alles wieder von vorne los. Doch während sich der Patient noch in einer Endlosschleife aus erhobenen Zahnarztzeigefingern wähnt, haben ein paar Leute in den USA 25 Studien ausgewertet und bemerkt, dass die vielgelobte Wirksamkeit von Zahnseide wissenschaftlich gar nicht nachweisbar ist.

Für den Patienten bedeutet diese Meldung so etwas wie die Auferstehung vom Zahnarztsessel. Selbstbewusst und stark wird er den nächsten Zahnarztbesuch antreten. Er wird statt seines Bonusheftes ein ausgedrucktes Exemplar dieser frohen Nachricht mit sich führen und im richtigen Moment seinerseits den Zeigefinger heben: "Herr Doktor, wie Sie sicherlich wissen, ist der Nutzen von Zahnseide sehr umstritten." Er wird das bedrückte Schweigen des Zahnarztes und die Behandlung mit einem Lächeln im Gesicht überstehen und der Meinung sein, Faultier Sid verdiene jede noch so große Demütigung, schließlich habe der ja nur zwei sichtbare Zähne.

Doch bevor der Patient die Praxis verlassen kann, erhobenen Hauptes und mit leicht wippenden Schritten, wird sich der Zahnarzt plötzlich einen beigen Trenchcoat über den weißen Kittel ziehen, mit der Hand durch das Haar fahren und sagen: "Aber eine Frage hätte da ich noch: Benutzen Sie eigentlich regelmäßig eine Zahnzwischenraumbürste?"